Chronik | Wien
02.12.2017

Die Großnichte in Gold: Adeles Nachfahrin auf Wien-Besuch

Klimts Gemälde von Adele Bloch-Bauer zählen zu den bedeutendsten Werken des Jugendstils. Marlene Shyer ist Adeles Großnichte. Der KURIER hat die Amerikanerin während ihres Wien-Besuchs getroffen.

Marlene Shyer war noch jung, als ihr Stiefvater eines Tages mit einem Bildband aus der Bibliothek kam. Er war verärgert, Marlene Shyer weiß nicht mehr genau, aus welchem Grund. Jedenfalls schlug er eine Seite des dicken Buches auf und deutete auf ein Gemälde: "Siehst du, das ist deine Großtante, und der Künstler, der sie gemalt hat, war Klimt. Aber das weißt du bestimmt auch nicht." Marlene Shyer, geboren in Prag und aufgewachsen in Amerika, schaute auf das Bild und staunte. Sie hatte zu dem Zeitpunkt tatsächlich noch nie etwas von Klimt gehört.

Mittlerweile ist das anders. Heute weiß die Autorin und Journalistin, dass ihre Großtante Adele Bloch-Bauer war, eine große Salondame und Kunstmäzenin, und dass die Gemälde, die Gustav Klimt von Adele anfertigte, zu den Meisterwerken des Jugendstils zählen. Erst im Februar hat US-Medienstar Oprah Winfrey "Adele Bloch-Bauer II" um 150 Millionen Dollar an einen chinesischen Investor verkauft.

Die goldene Adele

Das bekanntere Bild ist aber wohl die "Goldene Adele", um das sich auch der Hollywoodfilm "Woman in Gold" dreht, mit Helen Mirren in der Hauptrolle. Das Originalbild hat Marlene Shyer erst vergangenen Monat wieder gesehen. Es hängt nicht in Wien, sondern in der Neuen Galerie in New York.

Dieser Tage hat Shyer Manhattan verlassen und zum ersten Mal seit 30 Jahren die Heimat ihrer Ahnin besucht. Eine Gelegenheit, die sich Wien-Tourismus-Chef Norbert Kettner nicht entgehen lassen wollte. Er lud Shyer zum Tee ins Looshaus, einem Gebäude, das als erstes Haus der Moderne gilt und von Adolf Loos – und damit einem Zeitgenossen Bloch-Bauers – errichtet wurde.

Für Norbert Kettner ist das Treffen auch deshalb spannend, weil er mitten in der Planung für das kommende Jahr steckt – und das wird sich unter anderem um Klimt drehen. Konkret lautet das Motto: "Schönheit und Abgrund. Klimt. Schiele. Wagner. Moser." Denn diese vier Ausnahmekünstler der Wiener Moderne begehen allesamt kommendes Jahr ihren 100. Todestag (siehe Kasten rechts).

Schwules Wien

Nachdem Norbert Kettner und Marlene Shyer es sich in einer Nische im ersten Stock des Looshauses bequem gemacht haben, kommt das Gespräch dann aber gar nicht so sehr auf Adeles Wien.

Die 85-Jährige ist im Auftrag des Reisemagazins Passport in Wien, das sich an Schwule und Lesben richtet. Sie will von Kettner also vielmehr ein paar Tipps für diese Kundengruppe wissen.

Interessiert notiert sie sich Schlagwörter wie "EuroPride" (das LGBT-Event findet 2019 in Wien statt), "Buchhandlung Löwenherz" (eine Buchhandlung mit Fokus auf schwule und lesbische Literatur) oder " Vienna in Black" (Fetish-Festival).

"Also die moderne Einstellung und ein Interesse für Ereignisse abseits des Mainstream liegen wohl in der Familie", meint Kettner und Marlene Shyer lacht.

Denn Adele Bloch-Bauer entstammte zwar einer wohlhabenden Bankerfamilie, war aber einer überzeugte Sozialdemokratin und hatte in ihrem Salon regelmäßig sozialdemokratische Politiker wie Karl Renner oder Julius Tandler zu Gast.

Eine Neuigkeit erfährt Marlene Shyer an diesem Nachmittag über ihre Großtante dann übrigens doch. Marlene hatte bis dato gedacht, dass Adeles Asche am Zentralfriedhof verstreut wurde und dort daher nichts an sie erinnern würde. Durch Norbert Kettner erfährt sie nun, dass es schon eine Grabstätte gibt. "Na, da muss ich wohl bald wiederkommen", sagt Marlene, und ergänzt mit einem Augenzwinkern: "Außerdem muss ich ja auch einmal in die tollen Gay Clubs anschauen, von denen ich schreiben werde."

Tourismusjahr 2018: Ein Hoch auf die Wiener Moderne

Gustav Klimts Goldverzierungen auf der Secession, Koloman Mosers markantes Dekor auf dem Gebäude in der Wienzeile 38 oder auch die Otto-Wagner-Kirche auf den Steinhof Gründen: Viele Meisterwerke, die heute repräsentativ für Wien sind, wurden um 1900 geschaffen. Vier wichtige Protagonisten der Wiener Moderne – nämlich Gustav Klimt, Egon Schiele, Otto Wagner und Koloman Moser – starben alle 1918.

Das nimmt der Wien-Tourismus zum Anlass, 100 Jahre später auf das Schaffen der Modernisten zurückzublicken. Mit dem Titel „Schönheit und Abgrund“ soll dabei dem gesamten Zeitabschnitt Rechnung getragen werden. Denn Revolutionäres entstand über 1918 hinaus – bis die Diktatur des Nazi-Regimes der Wiener Moderne den Todesstoß versetzte.

Derzeit sind 17 Veranstaltungen geplant. Etwa die Ausstellung „Stairway to Klimt“ im Kunsthistorischen Museum (13. 2. bis 2. 9.), „Klimt ist nicht das Ende“ im Unteren Belvedere (22. 3. bis 26. 8.) oder auch „Die Salonkultur des alten Wien“ im Ernst Fuchs Museum (1. 6. bis 1. 9.).

Tourismusjahr 2018. Gustav Klimts Goldverzierungen auf der Secession, Koloman Mosers markantes Dekor auf dem Gebäude in der Wienzeile 38 oder auch die Otto-Wagner-Kirche auf den Steinhof Gründen: Viele Meisterwerke, die heute repräsentativ für Wien sind, wurden um 1900 geschaffen. Vier wichtige Protagonisten der Wiener Moderne – nämlich Gustav Klimt, Egon Schiele, Otto Wagner und Koloman Moser – starben alle 1918. Das nimmt der Wien-Tourismus zum Anlass, 100 Jahre später auf das Schaffen der Modernisten zurückzublicken. Mit dem Titel „Schönheit und Abgrund“ soll dabei dem gesamten Zeitabschnitt Rechnung getragen werden. Denn Revolutionäres entstand über 1918 hinaus – bis die Diktatur des Nazi-Regimes der Wiener Moderne den Todesstoß versetzte. Derzeit sind 17 Veranstaltungen geplant. Etwa die Ausstellung „Stairway to Klimt“ im Kunsthistorischen Museum (13. 2. bis 2. 9.), „Klimt ist nicht das Ende“ im Unteren Belvedere (22. 3. bis 26. 8.) oder auch „Die Salonkultur des alten Wien“ im Ernst Fuchs Museum (1. 6. bis 1. 9.).