Nach zwei Kilometern taucht die U-Bahn aus Erdberg beim Stadion auf.

© KURIER/Gilbert Novy

Reportage
10/29/2014

Die geheimen U-Bahn-Tunnel Wiens

Sie sind in keinem U-Bahn-Plan eingezeichnet, aber immens wichtig für den täglichen Betrieb. Mit Video.

von Elias Natmessnig

Langsam rollt die U-Bahn aus der Garage Erdberg in die Tiefe. Schon wenige Meter später fährt der Sonderzug unter dem Donaukanal durch. Nächster Halt: Stadion. Nur das Licht des Zugs erhellt die dunklen Wände.

Kaum ein Fahrgast sieht je diesen Tunnel, doch Karl Bergner kennt ihn in- und auswendig. Der Leiter des U-Bahn-Betriebs der Wiener Linien nahm den KURIER mit durch die geheimen Tunnel der Stadt. "Ohne diese Tunnel könnten wir unser U-Bahn-Netz gar nicht betreiben", erklärt Bergner. Jeden Morgen nützen die U-Bahn-Fahrer diese Tunnel, um ihre Züge rechtzeitig auf allen Linien zu verteilen. "Wir haben etwa auf der Linie U2 keine Garagen. Die Wagen für die U2 kommen daher aus der Abstellhalle Erdberg", sagt Bergner. Auch wenn Züge wegen Defekten ausfallen, können sie so zur Werkstatt gebracht werden.

Vier Verbindungstunnel gibt es in Wien, mehr als vier Kilometer sind sie insgesamt lang. Das sogenannte Gleis 10 führt von Erdberg zum Ernst-Happel-Stadion,Gleis 0 führt von der Rossauer Lände zum Stephansplatz. Als die U2 ab der Station Schottenring verlängert wurde, blieb das Gleis 20 übrig. Es verbindet über das Gleis 0 die U2 mit der U4 und der U1 (siehe Grafik). Auch von U4 zur U3 gibt es eine Verbindung. Vom Schwedenplatz führt das Gleis 7 unter dem MAK durch bis zur U3 Station Landstraße.

Geisterstation

Die Fahrt geht weiter auf der Strecke der U2 bis zur ehemaligen Station "Lerchenfelder Straße". Mit dem Ausbau der U2 für die EM 2008 wurden die Züge und damit die Bahnsteige verlängert. So wurden die Abstände zwischen den Stationen zu kurz – das Aus für die Station Lerchenfelder Straße. "Heute sind dort Elektrik und Lüftung untergebracht", sagt Bergner.

Der Zug hält in der Wendeanlage Karlsplatz, um umzudrehen. Auffällig viele Graffiti zieren hier die Wand. "Das liegt daran, dass es einen Notausstieg aus dem Bett des Wienflusses in den Tunnel gab, für den Fall eines Hochwassers", sagt Bergner. Zuletzt nutzten aber vor allem Sprayer den Einstieg. Bergner: "Er wurde daher verschlossen."

Wieder geht es in die Tiefe, diesmal zur Station Stephansplatz. Hier können Züge von der U4 auf die U1 umgeleitet werden. Vor allem beim Donauinselfest kann so die U1 verstärkt werden.

Geheime U3?

Und noch eine U-Bahn-Trasse soll es geben – so geheim, dass man weder bei den Wiener Linien noch bei der Stadt darüber Auskunft geben will. Sie soll im Krisenfall Bundeskanzler und Regierung vom Ballhausplatz zum Bunker in der Stiftskaserne bringen.

Der KURIER fand sie nun im Online-Plan der Stadt eingezeichnet. Der Tunnel führt von der U3-Station Volkstheater genau bis unter die Stiftskaserne. Der Ausgang ist direkt in der Kaserne.

Geschichte der Wiener U-Bahn

Anfänge: Bereits 1844 präsentierte Heinrich Sichrowsky Pläne einer U-Bahn als „atmosphärische Eisenbahn“ in einem Tunnel. In Wien wurde 1898 die Stadtbahn in Betrieb genommen; in den 1960er-Jahren baute Wien erstmals Tunnels für die Unterpflasterstraßenbahn.

Ausbau: 1969 begann Wien mit dem Bau der ersten Linien; 1976 fuhr die erste U4. U1 und U2 folgten bis 1982. 1989 wurde die U6 auf der alten Stadtbahn-Trasse neu eröffnet, 1991 die U3. Die U2 wurde ab 2008 verlängert, derzeit wird die U1 bis Oberlaa gebaut. Ab 2018 folgt die U5.

Die U6 wird 25 Jahre alt