Chronik | Wien
03.04.2017

Klage gegen St. Anna: "Die bringen mich hier noch um"

Mutter klagt, weil ihr 19-jähriger Sohn im Spital von Keimen befallen wurde und starb.

"Schicksal. Das war nur ein großes Wort für etwas, das man nicht ändern konnte. Wenn das Leben ’Also’ sagte, dann nickte man und nannte es Schicksal" (aus "Der Lärm der Zeit" von Julian Barnes).

"Schicksalhaft" sei Sebastian Andreasch verstorben, nachdem er nach "allen Regeln der ärztlichen Kunst" behandelt worden sei, rechtfertigt sich das St. Anna Kinderspital in Wien. Aber konnte man tatsächlich nichts daran ändern, dass der an Leukämie erkrankte 19-Jährige auf dem Weg zu seiner Genesung im Krankenhaus mit tödlichen Keimen infiziert wird? Seine Mutter hat den Fall vor Gericht gebracht.

Es begann mit 15 Jahren. Da wurde bei Sebastian, damals Schüler in einem Sportgymnasium, Leukämie diagnostiziert, und er bekam Chemotherapie. "Das volle Programm", sagt Christine Andreasch. Die Mutter musste mit ansehen, wie ihr Sohn auf 30 kg abmagerte. "Mama, wenn ich das aushalten muss, will ich lieber jetzt sterben", sagte der Bub. Heute meint die 56-Jährige: "Er hätte sich drei Jahre Hölle erspart. Und ich auch."

Rückfall

Mit 17 galt Sebastian als gesund, er konnte wieder zur Schule gehen. Aber dann kam der Rückfall, und sein Arzt im St. Anna Kinderspital versprach: "Jetzt mach ich ihn gesund." Es wurde ein Knochenmarkspender gesucht und gefunden. Doch man bestand darauf, Sebastian vor der Stammzellentransplantation ein so genanntes Tracheostoma zu legen, eine Kanüle in der Luftröhre zur Beatmung. Sohn und Mutter hatten von Anfang an ein ungutes Gefühl dabei, willigten aber schließlich ein. Der operative Eingriff an der Luftröhre wurde im AKH vorgenommen, dort hätte alles vorbereitet sein sollen. War es aber nicht.

Das Immunsystem bei Sebastian war für die Transplantation heruntergefahren worden, die Abwehrkräfte waren massiv geschwächt, er musste also vor Keimen besonders geschützt werden. Während er im St. Anna Kinderspital zur Vorbereitung auf die Transplantation in einem keimfreien Glaskubus lag, "in den man nur mit Händen mit sterilen Handschuhen hineingreifen durfte" (Christine Andreasch), wurde er im AKH mit der Transportbahre mitten unter akut Kranken abgestellt. "Da wurde links und rechts gehustet", sagt die Mutter.

Damals fing sich Sebastian offenbar Keime ein, von denen er sich nicht mehr erholte. Das Tracheostoma wurde gesetzt und Sebastian zurück ins St. Anna gebracht. Er bekam Erstickungsanfälle, vor denen man ihn ja hatte bewahren wollen, weil die Kanüle verrutscht war. Die Ärzte im St. Anna konnten oder wollten nichts daran ändern, sondern ließen Sebastian für eine spezielle Untersuchung mit der Rettung in ein Röntgeninstitut in Wien-Hernals transportieren. Man schob ihn dort vom Fahrzeug über die offene Straße zum Hausflur, Christine Andreasch warf noch schnell ein paar Tücher über ihren Sohn, um die ärgsten Keime abzuwehren. Offenbar vergeblich, es kamen weitere hinzu.

Zurück im St. Anna – die Transplantation war inzwischen abgesagt worden – sagte Sebastian: "Die machen mich hier zum Krüppel. Der Keim frisst mich auf, ich komm hier nicht mehr raus, die bringen mich hier noch um." Christine Andreasch zum KURIER: "Er wusste, dass er sterben wird. Und du kannst als Mutter nichts machen." Nach Sebastian Andreasch fünf Wochen mit über 40 Grad Fieber sagte sie zu ihm: "Geh zu deinem Papa". Und Sebastian starb.

Der Vater war an Herzinfarkt gestorben, "so musste er nicht sehen, wie sein Sohn stirbt", sagt die Mutter.

Kein Gespräch

Der zuständige Arzt verweigert bis heute das Gespräch. Deshalb hat Christine Andreasch 23.000 Euro Trauerschmerzensgeld eingeklagt. Sie will das Geld an die Kinder-Krebs-Hilfe des St. Anna Spitals spenden. "Das wäre pervers", findet ihr Rechtsbeistand, Top-Anwalt Gerold Beneder: "Zuerst das St. Anna klagen, und dann das Geld dem St. Anna geben." Aber Christine Andreasch geht es nichts ums Geld: "Ich will eine Erklärung."