Chronik | Wien 26.01.2015

Der schnellste Weg als oberstes Ziel

Je nach Strecke werden verschiedene Verkehrsmittel benutzt. Der Wiener Verkehr profitiert davon.

Die konsequente bis teilweise radikale Verkehrspolitik der rot-grünen Stadtregierung zeigt in Wien erstmals Wirkung.

Denn das subjektive Gefühl, dass in der Millionen-Metropole merkbar weniger Autos – auch während der Hauptverkehrszeiten – auf den Straßen sind, wird täglich vom Verkehrsfunk bestätigt. Meldungen wie "Sogar auf der Tangente rollt der Verkehr" ersetzen die gewohnt langen Stauwarnungen.

Trotz niedriger Spritpreise setzen Autofahrer immer häufiger auf einen individuellen Mobilitäts-Mix. Parkpickerl, teuere Kurzparkscheine, Staus, Baustellen, Tempolimits und Parkplatznot beschleunigten das mobile Umdenken. Gilles Dittrich aus der ÖAMTC-Verkehrszentrale bestätigt: "Auch wir sind überrascht. Die Autofahrer wurden flexibler. Viele fragen sich auch, wo Sparpotenzial zu finden ist. Und da ist der Pkw eine der ersten Varianten. "

Jahreskarte und Pkw

Parallel dazu erfreut sich die Jahreskarte der Wiener Linien um 365 Euro enormer Beliebtheit. Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) spricht von einem Boom: "Etwa 640.000 Jahreskarten-Besitzer sind eine Ansage. Viele davon haben aber auch ein Auto. Man wählt sich das effizienteste Verkehrsmittel aus. Dabei mischen aber auch Rad und Fußweg kräftig mit." Wie sehr sich das Mobilitätsverhalten in den vergangenen 20 Jahren in Wien geändert hat, zeigt eine VCÖ-Erhebung: 1994 wurden noch 40 Prozent der täglichen Fahrten mit dem Pkw absolviert. Im Vorjahr waren es nur noch 28 Prozent.

Der KURIER sprach mit Bürgern, die ihr Mobilitätsverhalten geändert haben sowie mit einem Firmenchef, der seinen Mitarbeitern den Umstieg vom Auto auf Öffis erleichtert.

Die vierköpfige Familie Schönauer wohnt in Unter St. Veit, nahe der U4. "Wir haben das Auto vor zwei Jahren verkauft. Denn Stress und Aggressivität im Straßenverkehr waren bereits belastend. Jetzt fahren wir mit Öffis oder E-Bike. Wir sparen somit Zeit, Geld, Nerven, bleiben fit und schonen die Umwelt", zählt Ines Schönauer die Vorteile auf. "Brauchen wir einen Pkw, nehmen wir einen Mietwagen. In meiner Jugend bedeutete der Pkw Freiheit, und ich bin gerne hinter dem Steuer gesessen. Diese Zeiten aber sind vorbei."

Bei Wilfried Leisch, Energieberater aus Wien, geht es um Geld und Zeit: "Meine Frau hat noch ihr Auto. Ich jedoch fahre in der Stadt alles mit dem Rad. Auch jetzt, wo es kälter ist. Bei mir spielt Ideologie keine Rolle, ich habe da einen profanen Zugang. Die Mischung Rad mit Öffi ist ideal." Leisch hat sich die Kosten ausgerechnet: "Was ein Auto über die Jahre kostet, muss man einmal verdienen. Ich erspare mir ohne Auto sicher zwei Drittel an Kosten." Allerdings kritisiert Leisch die Verkehrspolitik im Wiener Umland: "Dort ist das jetzige Öffi-Angebot unterm Hund. Die Menschen sind vom Auto abhängig."

Tickets für Mitarbeiter

Ähnlich sah das auch der Chef von Thales Austria, Alfred Veider. Mit 450 Mitarbeitern setzt das Eisenbahnsicherheits-Unternehmen 100 Millionen Euro im Jahr um. Veider übersiedelte den Firmensitz von Strebersdorf an den Handelskai – direkt vor eine U6-Station: "Jedem Mitarbeiter wurde ein Öffi-Jobticket angeboten. Nach anfänglicher Skepsis sind jetzt etwa 80 Prozent der Mitarbeiter mit Öffis zum Job unterwegs. Früher kamen 80 Prozent mit dem Auto." Veider finanziert allerdings keine Firmenparkplätze mehr. "Dafür gibt es in der Garage Fahrrad-Abstellplätze. Als unser Unternehmen noch in Strebersdorf war, gab es keine Öffi-Anbindungen. Bietet die Politik Alternativen zum Pkw, werden sie auch angenommen."

Öffi-Jahreskarte auch im NÖ-Umland

Während sich Wiens Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou über den neuen Trend in Sachen urbaner Fortbewegung freut (und bestätigt fühlt) kündigt die Grün-Politikerin einen weiteren Schritt ihrer Öffi-Offensive an: "Als nächstes muss die Ausweitung der Jahreskarte auf das Wiener Umland kommen. Damit würde der tägliche Weg zur Arbeit für Hunderttausende Pendler günstiger und attraktiver werden."

Dass an der Landesgrenze Wien/Niederösterreich jede effiziente Öffi-Verkehrspolitik seit Jahrzehnten scheitert, liegt an der Finanzierungsfrage. Auch Verhandlungen mit dem Verkehrsverbund Ostregion (VOR) brachten in den vergangenen Jahren nur Flickwerk. Nach wie vor fahren regionale Busse auf Bahnhöfen den Fahrgästen vor der Nase davon. Verkehrsstadträtin Vassilakou will noch heuer Verhandlungen zum Thema aufnehmen.

Trend wird anhalten

Betreffend Wien glauben Experten, dass der Trend des Mobilitäts-Mix weiter anhalten wird, und dass sich der Individualverkehr sogar weiter beruhigen wird. ÖAMTC-Experte Gilles Dittrich erklärt: "Zurzeit gibt es kaum Baustellen. Auch das ist ein Faktor für rascheres Vorankommen." Und im Wahljahr 2015 will die Stadtregierung mit einem Baustellen-Chaos wie im Vorjahr ihre Wähler sicher nicht verärgern.

( Kurier ) Erstellt am 26.01.2015