Wenn Jakob Heilig in die LeO-Ausgabestelle am Vogelweidplatz kommt, rennt der Schmäh

© KURIER/Franz Gruber

KURIER-Serie
12/20/2016

Den Ärmeren unter die Arme greifen

LeO-Aktion der Caritas wird immer wichtiger / Freiwillige gesucht, Spenden für Bus benötigt.

von Julia Schrenk, Lisa Rieger

11.000 Menschen suchten im Jahr 2010 die Lebensmittelausgabestellen der Wiener Caritas auf. Heuer waren es bisher schon 18.000. "In Österreich muss vielleicht niemand verhungern, aber gehungert wird auch bei uns", sagt Caritas-Präsident Michael Landau.

Das Projekt LeO (Lebensmittel und Orientierung) versucht, diesen Negativ-Trend aufzuhalten. Seit 2009 werden in insgesamt 15 Ausgabestellen in Pfarren in Wien und Umgebung Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum schon erreicht oder überschritten ist, die aber noch genießbar sind, an armutsbetroffene Menschen verteilt. Um einen symbolischen Beitrag von 3,50 Euro können sie etwa 10 Kilogramm Lebensmittel kaufen, die sonst im Müll landen würden. Im Vorjahr wurde so 14.500 Menschen geholfen.

Getragen wird das Projekt von elf Angestellten und 950 Freiwilligen. Vor allem Pensionisten engagieren sich. Zwei von ihnen sind Rudi Vogler und Erhard Steinkogler (siehe Bericht unten), die mit dem LeO-Bus die Lebensmittel von den Lagern der Supermärkte in die Ausgabestellen bringen. In einer gemeinsamen Aktion mit der Caritas Wien stellt der KURIER Menschen wie Jakob Heilig vor (Bericht unten), denen LeO beim Überleben hilft. Ein neuer Bus und Freiwillige werden dringend gebraucht. Spendenkonto: IBAN: AT47 2011 1890 8900 0000. Kennwort: KURIER hilft Leo.

Ohne den Leo wär' ich schon verhungert oder hätt' nur Brot

„Schau dir das an“, sagt Jakob Heilig zu seiner Bekannten Vera. „Die Bananen sind diesmal besonders schön. Nicht eine braune Stelle.“ Der Kärntner Jakob Heilig hatte schon viele Arbeitsplätze und das an vielen Orten der Welt. Seit 2014 lebt er wieder in Wien. Im Ausland, erzählt er, war er krank geworden. „Zurück in Wien bin ich plötzlich auf der Straße gestanden“, sagt Heilig. Obdachlos und kaum Geld in der Tasche. Eine Wohnung hat er wieder. Doch für Lebensmittel reicht das Geld oft trotzdem nicht. Seit 2014 kommt er deshalb jeden Freitag in die Lebensmittelausgabe der Caritas in der Pfarre Christkönig am Vogelweidplatz im 15. Wiener Gemeindebezirk.

Und dort rennt der Schmäh, wenn Jakob Heilig kommt. „Eine Avocado, Herr Heilig? So was kennt ma ja in Kärnten net“, zieht ihn Kurt Weigersdorfer, ein freiwilliger Helfer, auf. „Wir haben hier ein sehr humorvolles Miteinander“, sagt auch Herr Heilig. In der Pfarre hat er eine gewisse Sonderstellung. Denn Heilig holt sich jeden Freitag nicht nur Lebensmittel für sich selbst, er bringt die Lebensmittel auch Frau Vera, einer LeO-Klientin, die nicht mehr gut zu Fuß ist und deshalb nicht mehr selbst in die Ausgabestelle kommen kann.

„Habts ihr auch was Süßes für die Vera eingepackt?“, fragt Herr Heilig die Freiwilligen. Natürlich haben sie das. Einen Schoko-Krampus und einen Schoko-Nikolo gibt es für Vera. Und die freut sich, auch wenn der 5. und der 6. Dezember schon längst vorbei sind. „Ohne den Leo wäre ich schon längst verhungert“, sagt die 57-Jährige. „Oder ich hätt’ nur ein Brot.“ Freunde und Bekannte, erzählt sie, würden zwar zu Anlässen wie Weihnachten und Ostern Essen vorbeibringen. Aber auf die Zeit dazwischen würde halt oft vergessen.

Zu stolz In den LeO-Ausgabestellen in den Pfarren gibt es alles, was Supermärkte sonst wegwerfen würden. Milch, Brot, Wurst, Aufstriche, Mehlspeisen, Süßigkeiten, Joghurt, Erdäpfel, Reis. „Es sind sehr gute Sachen. Manchmal ist sogar ein Kernöl dabei. Welcher Haushalt kann sich heutzutage schon Kernöl leisten?“, fragt Herr Heilig.

Geniert, über das Projekt LeO Hilfe anzunehmen, habe sich nie Jakob Heilig nie – ganz im Gegensatz zu vielen anderen Klienten. „Ich war froh, dass ich herkommen durfte“, sagt Heilig. Darüber, was die Nachbarn wohl dazu sagen, habe er sich nie gekümmert. Viele andere würden das sehr wohl tun. „Manche Österreicher sind sich zu stolz, herzukommen“, sagt Heilig. Und er kenne einige, die Arbeitslose oder Mindestsicherung beziehen und „am Hungertuch nagen. Aber die müssen halt auch über ihren Schatten springen“, sagt Herr Heilig.

Helfen gegen die Langeweile in der Pension

Pünktlich um 7.30 Uhr steht Rudi Vogler in der LeO-Zentrale und nimmt den aktuellen Routenplan entgegen. „Da haben wir heute viel zu tun“, sagt er mit einem Blick darauf. Seit einem Jahr fährt er zwei Mal in der Woche für LeO. „Ich bin in der Freizeitphase meiner Altersteilzeit. Ich muss etwas tun, sonst fällt mir zu Hause die Decke auf den Kopf“, erklärt der Freiwillige. Gemeinsam mit seinem Beifahrer, dem Pensionisten Erhard Steinkogler, fahren sie zur ersten von insgesamt sieben Stationen. Bevor sie aussteigen, ziehen sie sich die Arbeitshandschuhe an. Dann geht es zur Sache: Gemeinsam gehen sie ins Supermarkt-Lager – die meisten Mitarbeiter kennen die LeO-Fahrer schon – und sehen sich an, wie viel heute abzuholen ist.

„Die Mengen variieren oft. Einmal hat der Supermarkt nur drei Kilogramm Ware für uns, dann wieder sieben ganze Kisten“, sagt Vogler. An diesem Tag haben sie viel zu tun. Bei einem Markt gibt es sogar 24 Kisten. Der Minibus wird bis oben angefüllt.

Unermüdlich schleppen die beiden Männer die Kisten in den Bus, manchmal mithilfe von Trolleys, manchmal nur aus eigener Kraft. „Dass so viele Lebensmittel weggeschmissen werden, ist ein Wahnsinn. Das alleine ist für mich eigentlich schon Motivation genug“, sagt Erhard Steinkogler mit einem Blick in den Minibus. Karotten, Brokkoli, Leberkäse, Punschkrapferln, Semmeln und Co. stapeln sich darin.

Spaß an der ArbeitSobald die Arbeit im Supermarkt erledigt ist, steigen die Männer wieder ins Auto, sehen auf die Liste und fahren zur nächsten Station weiter. „Meistens sind die Routen so geplant, dass die Supermärkte nah beisammen liegen“, erklärt Vogler. Währenddessen notiert Steinkogler auf der Liste, wie viel Kilo sie von welchem Supermarkt eingesammelt haben. Sie wirken wie ein eingespieltes Team, sind aber nur ab und zu gemeinsam unterwegs. Spaß haben sie dabei aber sichtlich beide.

„Es ist super, dass man sich die Dienste frei einteilen kann und bei der Arbeit etwas Gutes tut“, sagt Vogler. Gekonnt steuert er den Minibus zur nächsten Station, wo das Spiel von vorne losgeht: Aussteigen, holen, einladen, schlichten, weiterfahren. Vier Stunden sind sie unterwegs, in denen sie knapp 1000 Kilogramm Lebensmittel holen.

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