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Chronik Wien
08/04/2012

Dem Familienrathaus droht die Schließung

Die Stadt Wien will das Therapiezentrum für 350 Kinder im Jahr nur unterstützen, wenn es seine Eigenständigkeit aufgibt.

von Martin Gantner

Es sind Schulverweigerer, Selbstmordgefährdete und Ritzer, die hierher nach Floridsdorf kommen. Kinder, die sich selbst oder ihre Eltern hassen; Jugendliche, die Schulen meiden wie nachtaktive Tiere das Tageslicht. "Wir versuchen, die Kinder zu stabilisieren", sagt Erwin Rossmann. Rossmann ist Geschäftsführer von SOS Kinderdorf in Wien und somit Chef des Familienrathauses in Floridsdorf. "Hier helfen wir, wenn das normale Umfeld nicht mehr helfen kann. Wenn Lehrer, Eltern oder Angehörige nicht mehr weiter wissen."

Seit 2007 leisten die zwölf Mitarbeiter des Familienrathauses in der Anton-Bosch-Gasse wertvolle Arbeit. Sie beraten und therapieren 350 Fünf- bis Neunzehnjährige im Jahr. Und dennoch: Wie es mit der Einrichtung weitergeht, ist ungewiss. Das Budget ist knapp, die Gemeinde klamm. Der Vertrag mit der Gebietskrankenkassa deckt nur zwei Drittel der Gesamtkosten. Der Rest, immerhin 190.000 Euro pro Jahr, wird über Spenden finanziert. Die Stadt schießt kein Geld zu. "Auf Dauer können wir ohne Unterstützung der Stadt den Betrieb nicht mehr aufrechterhalten", sagt Rossmann. "Wir brauchen endlich Gewissheit."

Doch die fehlt. Im Hintergrund verhandelte Rossmann lange mit der Stadt über finanzielle Unterstützung. Das letzte Angebot der Beamten: Geld gibt’s nur bei einer Übernahme des Ambulatoriums durch den zur Gemeinde gehörenden PSD (Psychosozialer Dienst). Das Kinderdorf würde jegliches Mitspracherecht verlieren. "Dieser Bedingung können wir nicht zustimmen", sagt Rossmann, der sehr um eine gütliche Lösung bemüht ist. "Eine partnerschaftliche Trägerschaft mit dem PSD würden wir aber sehr begrüßen."

Doppeltes Spiel

Warum also zögert die Stadt? Wieso soll hier einer Einrichtung nur dann geholfen werden, wenn sie sich im Gegenzug vom PSD, also der Stadt selbst, einverleiben lässt? Lässt die Stadt hier Spender für etwas aufkommen, wofür die Politik zuständig wäre? "Dieser Vorwurf wäre absurd", heißt es im Büro von Stadträtin Sonja Wehselys. Die ambulante Betreuung für psychisch kranke Kinder und Jugendliche sei nicht Kernaufgabe der Stadt. Warum die Stadt die Einrichtung dann überhaupt übernehmen möchte, ist unklar. Ebenso die Antwort auf die Frage, wieso das Familienrathaus als einziges von drei Ambulatorien keine finanzielle Unterstützung der Stadt erhält? Schließlich bezieht der PSD 91 Prozent seines Millionenbudgets von der Gemeinde und auch die Boje, eine zweite Institution in dem Bereich, könnte künftig Steuergelder erhalten. Entsprechende Überlegungen werden im Büro Wehselys bestätigt.

Rossmann hofft weiterhin auf eine gütliche Einigung. Immerhin dürfte es Wehsely billiger kommen, ein bestehendes Ambulatorium zu unterstützen als selbst ein neues aufzubauen. "Und bevor es zu einer Totalübernahme bei uns im Haus kommt, wäre es sinnvoller, die Stadt gründet die Einrichtung selbst neu."

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