Paula-Wessely-Weg

© Josef Gebhard

Historikerbericht
07/05/2013

Debatte um Straßennamen: "Die haben schon genug gebüßt"

Die Anrainer in Wien-Grinzing sind uneins, ob der Paula-Wessely-Weg umbenannt werden sollte.

von Josef Gebhard

Damals haben sich ja alle, die es zu etwas gebracht haben, mit den falschen Menschen eingelassen“, sagt der frühere Grinzinger Heurigenwirt Franz Wiegel trocken. Sein Betrieb liegt gleich neben dem unscheinbaren Fußweg, der seit 2002 den Namen der berühmten Schauspielerin Paula Wessely trägt.

Elf Jahre später findet sich der schmale Steig auf der Liste jener 159 Wiener Straßen, die nach historisch problematischen Persönlichkeiten benannt sind. Mitverantwortlich dafür ist nicht zuletzt Wesselys Rolle in dem rassistischen NS-Propagandafilm „Heimkehr“ und ihre Nähe zu Nazi-Größen bereits vor dem Jahr 1938.

In Grinzing, wo die Schauspielerin 1935 ein Haus erworben hatte, debattiert man jetzt, wie man mit dem Urteil des Historiker-Berichts umgehen soll: Geht es nach Wiegel, soll der Wessely-Weg bleiben wie er ist. „Sie war ein sehr netter Mensch, und Bezirksvorsteher Adi Tiller hat sich so bemüht, dass der Weg nach ihr benannt wird.“

„Peinlich und unnötig“, findet es hingegen die erst kürzlich zugezogene Barbara Schmidhofer, dass ein Weg in ihrer neuen Nachbarschaft Wesselys Namen trägt. „Ihn nur mit einer erklärenden Zusatztafel zu versehen, wäre wenig konsequent.“

Für Rechtsanwältin Ulrike Kargl wäre wiederum genau das ein gangbarer Weg. „Man könnte ja dazuschreiben: ,Paula Wessely – eine nicht unumstrittene berühmte Schauspielerin.“ Für ihren Mann ginge das zu weit: „Sie und ihre Familie haben nach dem Krieg schon genug gebüßt.“

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159 heikle Wiener Straßennamen

Das ist der unglaubliche fanatische Hass, die unersättliche Rachsucht, mit welcher die Juden ihre angeblichen oder wirklichen Feinde verfolgen“ – nur einer von zahllosen antisemitischen Ausfällen, die von Wiens Bürgermeister Karl Lueger (1844 bis 1910) überliefert sind.

Das nach ihm benannte Teilstück der Ringstraße wurde bereits im Vorjahr in Universitätsring umbenannt, bald könnte auch der Lueger-Platz (1. Bezirk) und die Lueger-Brücke (14. Bezirk) zumindest eine erklärende Zusatztafel bekommen. Luegers Name steht ganz oben auf der Liste historisch problematischer Persönlichkeiten, nach denen in Wien Straßen und Plätze benannt sind.

Zwei Jahre lang hat ein Team rund um den Historiker Oliver Rathkolb die 4379 personenbezogenen Verkehrsflächen der Stadt analysiert. 159 davon weisen eine „kritische Benennung“ auf, geht aus dem Endbericht hervor (siehe Karte).

28 gravierende Fälle

Darunter 28 Fälle, bei denen laut Historikern „intensiver Diskussionsbedarf“ besteht. Die Betroffenen vertraten entweder offensiv antisemitische Einstellungen, waren Mitglieder der NSDAP, der SS oder SA oder integrierten menschenfeindliches Gedankengut in ihre Arbeit.

Historisch belastete Straßennamen in Wien (Gruppe A gemäß Bericht, mit Biographieangaben)

In diese Kategorie fällt neben Lueger auch die Radsport-Legende Ferry Dusika, der Pate für die Sporthalle im 2. Bezirk sowie für eine Gasse in der Donaustadt stand. Er profitierte von der „Arisierung“ eines Fahrrad-Geschäfts, war Mitglied von SA und NSDAP und ließ sich mit seiner Radsport-Zeitschrift mehr als bereitwillig vor den NS-Karren spannen.

Ein weiteres prominentes Beispiel ist Ferdinand Porsche, nach dem eine Straße in Liesing benannt ist: Der von den Nazis gefeierte Autokonstrukteur war Parteimitglied und bekleidete den Rang eines SS-Oberführers. Er scheute sich auch nicht, für seine Produktionsstätten KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter anzufordern.

Doch wie geht jetzt die Stadt als Auftraggeberin mit dem 350 Seiten starken Konvolut um? Wie Rathkolb plädiert auch Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) dafür, dass Umbenennungen die Ausnahme bleiben sollen. Diese würden die Gefahr der Auslöschung oder Schönfärbung der Geschichte in sich tragen. Besser seien erklärende Zusatztafeln oder künstlerische Bearbeitungen.

Konkrete Maßnahmen sind aber noch nicht geplant. Für Mailath ist der Bericht erst der Beginn eines breiten Diskussionsprozesses zwischen Stadt, Bezirken und Bevölkerung. Stoff für politische Scharmützel bietet das Papier allemal: Postwendend nach dessen Veröffentlichung forderte die ÖVP die Umbenennung des Karl-Renner-Rings in Parlamentsring.

Der SPÖ-Säulenheilige fällt in die zweite Kategorie des Berichts. Sie umfasst Personen, die eher punktuell mit problematischem Gedankengut aufgefallen sind. Bei Renner gehört dazu seine Begeisterung für den „Anschluss“ 1938.

Der vollständige Bericht ist abrufbar unter: www.wien.gv.at/kultur/strassennamen/strassennamenpruefung.html

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