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Reportage
06/03/2016

Das tägliche Drama in der Notfallambulanz

In Notfallambulanzen geraten Patienten und Ärzte an ihre Grenzen.

von Moritz Gottsauner-Wolf

„Ihr Pfeifen!“, ruft der hagere Mann, der quer über sein Krankenhausbett ausgebreitet liegt. „Haltet endlich die Papp’n, sonst setzt es eine Watsch’n, dass es euch die Batterien raus haut.“ Gemeint ist die rüstige Mittvierzigerin, die wenige Schritte von ihm entfernt im Wartesaal der Notfallambulanz in Hietzing sitzt. Gerade hat sie noch, für alle hörbar, ihr Leid geschildert. Bandscheibenvorfall, vermutet sie. Schmerzen, seit zwei Stunden warte sie auf eine Behandlung. Jetzt ballt sie bedrohlich die rechte Faust und stürmt auf den Liegenden zu. „Pass auf, sonst schlafst gleich 20 Jahre weiter.“ Ein anderer Patient geht dazwischen. Dann ist wieder Ruhe.

Manchmal muss sich eine missliche Lage erst verschlimmern, bevor es besser wird. Notfallambulanzen sind für ihre langen Wartezeiten bekannt. Zu den Schmerzen der Patienten gesellt sich Frust, während in den Behandlungszimmern die diensthabenden Ärzte einen Patienten nach dem anderen abarbeiten. In der Nacht und am Wochenende bleibt vielen Patienten oft keine andere Wahl, als die Spitäler der Stadt aufzusuchen. Ärzte und Pflegepersonal haben auf die bestmögliche Behandlung zu achten, egal wie groß der Ansturm ist. Die Situation birgt Konfliktpotenzial. Die Notfallambulanz des städtischen Krankenhauses Hietzing in Wien ist an diesem verregneten Frühsommerabend keine Ausnahme.

Wartezeit-Management

In Hietzing hat das Warten eine Farbe. Im Behandlungszimmer hängen Klemmbretter mit ausgefüllten Formularen an der Wand, eines für jeden neuen Patienten. Jeder Patient erhält eine Farbe, die je nach Dringlichkeit die höchstmögliche Wartezeit anzeigt. “Alkoholisiert“, steht bei einem als Symptom angegeben, darunter ist ein blauer Kreis angekreuzt. Wartezeit 120 Minuten. „Übelkeit, Erbrechen“, grüner Kreis, 90 Minuten.

Rot ist die höchste Stufe, dann ist keine Minute zu verlieren, der Patient wird vorgereiht. Seit Kurzem verfügt die Notaufnahme in Hietzing über ein eigenes Bett, wo bei schweren Fällen auch intensivmedizische Behandlung möglich ist.

„Bis jetzt hatten wir heute noch keine außergewöhnlichen Fälle“, sagt Danica Vesely, 34, eine von vier diensthabenden Ärzten in dieser Nacht. Das Intensiv-Bett steht gerade leer. Über den Computer im Zimmer kann sie die Verfügbarkeit dieser Betten in den anderen Wiener Spitälern in Echtzeit abrufen. Bei der Notfallambulanz des AKH sind alle Betten rot markiert, also belegt. Neben Hietzing leuchtet ein grünes Feld. „Wir haben derzeit das einzige freie notfallmedizinische Bett in Wien“, sagt Vesely.

Im Notfall vorgereiht

Wie schnell sich das ändern kann, zeigt sich wenige Minuten später. Rettungssanitäter bringen einen älteren Herren aus einer Pflegestation in den Behandlungssaal. Er klagte über Brustschmerzen, jetzt ist er kaum ansprechbar. „Grüß Gott, hören Sie mich? Vesely mein Name“, sagt die Ärztin mehrmals, bevor sie eine leise Antwort erhält. Gleich danach geht es in das Zimmer für die schweren Fälle, wo Vesely sein Herz mittels Ultraschall untersucht. In den anderen Spitälern sehen die Ärzte, wie das grüne Feld neben der Hietzinger Notfallambulanz auf rot umschlägt.
Ein schwerer Herzinfarkt sei es wahrscheinlich nicht, sagt Vesely während der Untersuchung. Ob es ein kleinerer ist, wird die Blutuntersuchung zeigen. Es kann bis zu eineinhalb Stunden dauern, bis die Ergebnisse aus dem Labor eintreffen. Auch das zieht Wartezeiten in Notfallambulanzen in die Länge.

Pilotprojekt Zentrale Erstversorgung

Unter den Ärzten und Pflegekräften im Behandlungsbereich herrscht eine ruhige, konzentrierte Arbeitsstimmung. Ihr akkustischer Begleiter ist fast durchgehend das Alarm-Piepsen der medizinischen Geräte, die Puls oder Atmung der Patienten überwachen. "Das werden sie heute noch in ihren Träumen hören", sagt eine Krankenpflegerin lächelnd, während sie einen Blick auf einen der zahlreichen im Raum verteilten Monitore wirft. Sie zeigen Vitaldaten von sieben Patienten in benachbarten Bettenzimmern an, die zu krank sind, um heute noch nach Hause zu gehen.

Diese zusätzlichen Betten sind einer der Besonderheiten der Notfallambulanz in Hietzing. Sie sind Teil des Pilotprogramms "Zentrale Erstversorgung". Patienten können so in räumlicher Nähe überwacht und umfassend behandelt werden, ohne mitten in der Nacht stationär aufgenommen werden zu müssen. Wenn nötig, kommen Fachärzte zur Behandlung von den Stationen direkt in die Notfallambulanz zu den Patienten, anstatt umgekehrt. Bewährt sich das Konzept, ist geplant, es auch in anderen Wiener Notfallambulanzen umzusetzen.

Leiden im Wartesaal

Es ist mittlerweile 23 Uhr. Im Wartesaal auf der anderen Seite der Wand liegt eine Handvoll Patienten apathisch in Krankenhausbetten. Andere sitzen tief in den Sesseln versunken, ihre Gesichtsfarben reichen von kreidebleich bis dunkelviolett. Es ist ein Bild des Elends, das sich in den Ambulanzen täglich aufs Neue bietet. Ganz besonders bekannt dafür ist die Notfallambulanz des Wiener AKH, des größten Spitals Österreichs. Vesely hat auch dort schon gearbeitet. „Ich kann aber nur über Hietzing sprechen“, sagt sie.

Notfallambulanzen haben rund um die Uhr, an jedem Tag im Jahr für Patienten geöffnet, egal welches Leiden sie plagt. Wartezeiten sind Teil dieser Abmachung. Die Kapazitäten sind begrenzt. Nicht selten behandelt man hier Leiden, die unter der Woche eigentlich die Sache von niedergelassenen Ärzten wären.

Trotz des nicht enden wollenden Stroms von Patienten mag Danica Vesely ihre Arbeit. „Man kann in der Akutmedizin in kurzer Zeit viel bewirken, das gefällt mir.“ Oft aber würden sich Patienten einen kompletten „Durchcheck“ erhoffen, eine Erwartung, die Notfallambulanzen nicht erfüllen können und sollen. Ihre Aufgabe sei es, „in kurzer Zeit lebensbedrohliche Dinge festzustellen oder auszuschließen“. Oft könne sie deshalb nur eine „Ausschluss-Diagnose“ stellen. Das heißt eben noch nicht, dass die Patienten auch erfahren, woran sie leiden.

Fehler passieren

Gerade den Zeitdruck und den großen Andrang machen viele dafür verantwortlich, dass es in Österreichs Notfallambulanzen immer wieder zu folgenreichen Fehldiagnosen kommt oder Menschen mit bedrohlichem Leiden nach Hause geschickt werden. „Wir können nur nach bestem Wissen und Gewissen arbeiten“, sagt Vesely. „Fehler können natürlich passieren, wir sind auch nur Menschen. Wichtig ist es, den Leuten zu sagen, dass sie wiederkommen sollen, wenn sich ihr Zustand verschlechtert. Ansonsten sollten sie einen Arzt im niedergelassenen Bereich aufsuchen.“

Inzwischen ist der Befund des älteren Patienten aus dem Labor eingetroffen. Leichter Herzinfarkt, lautet die Diagnose, ein lebensbedrohlicher Zustand. Zusätzlich leidet der Mann an einem bösartigen Tumor. Vesely hält mit den Angehörigen Rücksprache. Sie möchte wissen, wie lange die Ärzte im Fall eines Herzstillstands die Reanimation versuchen sollen. Nach dem Telefonat wird der Mann auf die kardiologische Station gebracht, wo sich Spezialisten die nächsten Tage um ihn kümmern werden. Im Computersystem schaltet das Feld wieder auf grün um. Hietzing ist wieder frei.

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