Chronik | Wien 05.12.2011

Das neue Leben als Staatsanwältin

Fronten gewechselt: Die Justiz wirbt Anwälte ab, weil ihr die Staatsanwälte ausgehen. Auch eine Wiener Juristin tauschte den Job.

Was bringt eine erfolgreiche Anwältin nach sieben "fetten" Jahren in der Wirtschaftskanzlei Lansky, Ganzger & Partner dazu, auf eine "mager" bezahlte Staatsanwältin umzusatteln? "Ich habe eine neue Herausforderung gesucht", sagt Caroline Pestal-Czedik- Eysenberg. Außerdem: "Das Leben wird planbarer." Die 40-Jährige hat gleich einmal ihren Blackberry abgegeben. "Wenn man abends etwas vor hat, zum Beispiel einen Theaterbesuch, kann man sich ausrechnen, dass das auch gelingt. Als Anwältin ist mir das selten gelungen." In der Staatsanwaltschaft gibt es einen Journaldienst, und wenn abends eine Telefonüberwachung anfällt, dann kümmert sich der diensthabende Kollege darum.

Viel Papier

Freilich: Gemütlich ist es bei der Anklagebehörde deshalb noch lange nicht. "Wer es ruhig haben will, sollte sich nicht bewerben, der Arbeitsdruck ist schon sehr hoch." Vor allem bei der Wirtschaftsgruppe, zu der Caroline Pestal nach drei bis sechs Monaten in einer allgemeinen Abteilung wechseln will: "Man kann sich nicht vorstellen, was das für ein Haufen Papier ist."

Aber auch in ihrem kleinen Büro im Wiener Straflandesgericht stapeln sich schon die Akten. An jedem Arbeitstag kommen im Schnitt zwei dazu. Das reicht vom Ladendieb über Drogendealer bis zur Geldwäsche und ist eine andere Klientel, als sie die Juristin bisher gewöhnt war. Als Anwältin hatte sie es auch mit internationalen Fällen zu tun, verhandelte mit Aufsichtsräten, zählte die ÖBB zu ihren Klienten.

Postspiel

Aber als der Staatsdienst nach 15 Jahren in der Anwaltsschaft rief, ließ sie sich sozusagen abwerben. Wobei: Das ging keineswegs von heute auf morgen. Zunächst waren mehrere Hearings bei der Oberstaatsanwaltschaft, beim Oberlandesgericht, im Justizministerium zu absolvieren. Dann eine Persönlichkeitsprüfung in einem Assessment-Center. Dort wird gern das Postmappenspiel gespielt. Testaufgabe: Sie sind Geschäftsführer einer Ges.m.b.H., kommen nach zwei Wochen Urlaub um sechs Uhr früh ins Büro und haben vor dem Abflug zu einem Seminar 20 Minuten Zeit, die aufgelaufene Post abzuarbeiten. Sie müssen Verfügungen auf die Poststücke schreiben, die den Umgang mit einem Industrieunfall, die Aufnahme von drei Bewerbern, den Besuch der Konzernführung aus den USA, Warenmängel und anderes betreffen.

"Zum Erstaunen" der Personalberater, die den Test durchführen, hat Caroline Pestal in kürzester Zeit alles geschafft. Kleiner Heimvorteil: Ihr Spezialgebiet in der Anwaltskanzlei war das Umweltrecht, der angenommene Industrieunfall beim Test für sie also ein Klacks. Nach bestandener Richteramtsergänzungsprüfung trat die ehemalige Anwältin Anfang Oktober dann ihren Dienst als Staatsanwältin an.

Nun lernt sie die Art der Aktenführung, wird auf Schritt und Tritt kontrolliert und findet das auch noch gut. "Wir machen Grundrechtseingriffe, da darf nichts schiefgehen", sagt sie. Ein bis zwei Mal pro Woche geht sie zu Verhandlungen, "das war am Anfang ungewohnt, auf der 'falschen' Seite zu sitzen". Die ehemaligen Kollegen betrachten sie aber nicht als Feind. "Man erwartet sich mehr Verständnis von einer Staatsanwältin, die das auch aus einer anderen Perspektive gesehen hat."

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011