Chronik | Wien 24.10.2014

Das Deserteursdenkmal ist eröffnet

Künstler Olaf Nicolai und Bundespräsident Heinz Fischer im Rahmen der Eröffnung des Denkmals für die Verfolgten der NS-Militärju… © Bild: APA/GEORG HOCHMUTH

Nach vielen Jahren Diskussion gibt es die Skulptur auf dem Ballhausplatz seit Freitag

Das von Olaf Nicolai als überdimensionales, liegendes, dreistufiges X gestaltete Denkmal wurde am Freitag auf dem Wiener Ballhausplatz von Bundespräsident Heinz Fischer eröffnet. Die österreichische Autorin Kathrin Röggla hielt die Festrede. Künstlerische Beiträge gestalteten der Choreograf Laurent Chétouane, Komponist Friedrich Cerha und der Gegenstimmen-Chor. Zeitzeuge und Deserteur Richard Wadani, Minister Josef Ostermayer, Wiens Bürgermeister Michael Häupl, der Klubobmann der Grünen David Ellensohn, der Politikwissenschaftler Walter Manoschek und Martina Taig, die Geschäftsführerin von KÖR (Kunst im öffentlichen Raum), die für die Auslobung des künstlerischen Wettbewerbs sowie die Umsetzung des Denkmals verantwortlich war, hielten Ansprachen.

Die nationalsozialistische Militärjustiz verhängte während des Zweiten Weltkrieges mehr als 30.000 Todesurteile, wovon die meisten gegen Deserteure und sogenannte „Wehrkraftzersetzer“ ergingen. 2009 rehabilitierte der Nationalrat die Opfer der Verfolgung durch die Wehrmachtsgerichte. 2010 beschloss die Stadt Wien die Errichtung eines Denkmals für die Verfolgten der NS-Militärjustiz. Als geeigneter Standort wurde Ende 2012 der Ballhausplatz gefunden. KÖR hat danach einen künstlerischen Wettbewerb ausgeschrieben, dessen Jury sich 2013 für den Entwurf des deutschen Künstlers Olaf Nicolai entschied.

„Es ist an der Zeit, dass unser Land denjenigen gedenkt, die sich den Befehlen des menschenverachtenden Regimes des Nationalsozialismus widersetzten und eine eigene Entscheidung getroffen haben“, sagte Wiens Bürgermeister Michael Häupl in seiner Eröffnungsrede.

„Zwischen den zahlreichen, oftmals zivilgesellschaftlichen Initiativen und Projekten schließt nun das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz eine wichtige Lücke: Am zentralsten Ort der Republik situiert, zwischen Präsidentschaftskanzlei und Bundeskanzleramt, wird es die nachkommenden Generationen daran erinnern, wohin Totalitarismus und Antidemokratie führen. In diesem Sinn versteht sich Wiens Erinnerungskultur als ,Erinnern für die Zukunft': Eine unverzichtbare Präventivmaßnahme gegen extremistische Tendenzen. Nur Wissen und historisches Bewusstsein können hier vorbeugen", sagte Wiens Stadtrat für Kultur und Wissenschaft Andreas Mailath-Pokorny.

Die Skulptur greift die klassischen Elemente eines Mahnmals Sockel und Inschrift auf, arrangiert diese aber anders als traditionelle Kriegerdenkmäler. Ein überdimensionales, liegendes X bildet den dreistufigen Sockel, in dessen dritte Ebene die nur von oben lesbare Inschrift "all alone" eingelassen ist. Das Zusammenspiel von Sockel und Inschrift inszeniert die Situation des Einzelnen in und gegenüber gesellschaftlichen Ordnungs- und Machtverhältnissen.

„Als Deserteur war ich völlig auf mich alleine gestellt“

Der Soldatenberuf zielt darauf ab, Leben zu vernichten. Es gibt daher keinen guten Soldaten.“ Das ist die feste Überzeugung des Komponisten und Dirigenten Friedrich Cerha. Zeit seines Lebens war der Doyen der zeitgenössischen klassischen Musik nie um ein provokantes Statement verlegen. So nahm er in einem Chanson den damaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim aufs Korn.

Heute, Freitag, ist der 88-Jährige einer der Festgäste bei der Eröffnung des Deserteursdenkmals auf dem Wiener Ballhausplatz. Dabei wird auch ein Stück aus seinem Spiegel-Zyklus eingespielt.

Dass ausgerechnet er an dem Festakt teilnimmt, ist kein Zufall: In den letzten Kriegsmonaten desertierte Cerha – gerade 19 Jahre alt – selbst zwei Mal aus der Deutschen Wehrmacht. Noch in Uniform, aber mit gestohlenen Blanko-Marschbefehlen, setzte er sich Ende 1944 in Dänemark ab und irrte im Zug durch halb Deutschland. „In Berlin wurde ich von einer Wehrmachtsstreife kontrolliert. Nie wieder in meinem Leben hatte ich so viel Angst“, erzählt er heute. „In den Straßen waren Soldaten an Laternenmasten aufgeknöpft. ,Ich bin ein Verräter‘, stand auf den Schildern, die an ihren Hälsen hingen.“

Später, nachdem er in Stettin einer eilig aufgestellten Einheit zugeteilt worden war, gelang ihm abermals die Flucht. „Ich hab zweieinhalb Wochen im Thüringer Wald hungernd und frierend ausgeharrt, ehe die Front über mich hinweggerollt ist.“

Kein Verräter

Als Verräter – wie Deserteure oft auch noch lange nach Kriegsende bezeichnet wurden – habe er sich selbst nie gefühlt: „Was gab es denn am Nazi-Regime zu verraten, das ja seinerseits sämtliche Menschenrechte verraten hat?“ Auch gegen die Verunglimpfung als Feigling wehrt sich Cerha vehement: „Ich war ja zwei Mal kurz im Fronteinsatz. Ich kann versichern: Es hat mehr Mut gebraucht, um davonzulaufen, als in diesem großen Organismus zu bleiben. Ich war völlig auf mich alleine gestellt.“

Die Abscheu gegen den Krieg reicht tief in seine Kindheit zurück: „1934 hat mir mein Vater die Blutlachen an den Kampfstätten des Bürgerkriegs gezeigt. Das hat mich für immer geprägt.“

Dass jetzt, fast 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, endlich ein Denkmal für Wehrmachtsdeserteure enthüllt wird, ist für den Komponisten eine späte Genugtuung. „Es hat sehr lange gedauert. Aber das war klar: Unmittelbar nach dem Krieg haben alle Parteien um die Stimmen der ehemaligen Nazis gebuhlt.“
Sein größter Wunsch anlässlich der heutigen Eröffnung: „Die Menschen sollen sich – gerade in Zeiten der totalen Kommunikation – wieder mehr mit sich selbst beschäftigen. Das fördert das kritische Bewusstsein.“

Zivilcourage

Der Errichtung des Denkmals ist ein jahrelanges Gezerre um den Standort vorausgegangen. Für Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) ist die Eröffnung dennoch kein Schlusspunkt, „sondern ein Beistrich in einer langen Entwicklung: Der historisch so bedeutsame Ballhausplatz soll ein Ort für Zivilcourage werden.“
Das neue Denkmal solle aber nicht für sich alleine stehen, sondern eine Einheit mit dem Denkmal für die Holocaust-Opfer, dem Hrdlicka-Mahnmal und der Gedenkstätte am Burgtor bilden. Laut Mailath sind gemeinsame Führungen und Aktionen mit Schulen geplant. „Es geht nicht um Missionierung“, sagt der Stadtrat. „Aber man sollte wissen, was in seiner Stadt passiert ist.“

Erstellt am 24.10.2014