.Am Wiener Christkindlmarkt hoffen Standler, dass Gäste nicht ausbleiben

© APA/HANS PUNZ

Lokalaugenschein
12/21/2016

Christkindlmarkt-Besucher bieten der Angst die Stirn

Auf den Wiener Märkten herrscht große Betroffenheit. Einschüchtern lassen will man sich von dem Vorfall aber nicht.

von Michaela Reibenwein

Jürgen Sierks und seine Frau Petra sind nachdenklich. "Jedes Mal, wenn so etwas passiert, dann bröckelt ein Stück vom Sicherheitsgefühl weg", sagen sie. Das Paar aus Neumünster betreibt einen Marmeladen- und Senfstand am Altwiener Christkindlmarkt auf der Freyung. "Auch wir hätten auf dem Markt in Berlin stehen können. Einige Bekannte von uns waren dort."

Es ist nicht das erste Mal, dass ihnen der Terror so nahe kommt. Im vergangenen Juli, als David S. bei seinem Amoklauf neun Menschen in der Nähe eines Einkaufszentrums in München tötete, war das Paar in der Nähe. "Wir haben die Schüsse gehört. Es war gespenstisch. Alle Bahnen wurden stillgelegt, niemand konnte weg. Und ständig kamen neue Meldungen von angeblichen weiteren Anschlägen und Tätern."

Haben Sie jetzt Angst beim Christkindlmarkt-Besuch?

Vor einigen Jahren noch, sei verschütteter Punsch das Schlimmste gewesen, was auf einem Weihnachtsmarkt passieren konnte. "Und jetzt gibt’s Mord und Totschlag." Vor zehn Jahren hatten sie ihren Stand auch in Paris. "Als es die Unruhen in den Vororten gab, wurde der Markt plötzlich eingezäunt. An den Eingängen standen schwer bewaffnete Polizisten mit Kampfhunden. Jeder, der keine weiße Hautfarbe hatte, durfte nicht hinein. Das war der Zeitpunkt, an dem wir weggegangen sind. Das ist nicht unsere Welt", erinnert sich Sierks.

Verdrängen

Ein paar Meter weiter verkauft Gezim Berisha Keramikwaren. "Wir leben gut hier, ich verdränge das." Seine Schwester wird ihn zu Weihnachten besuchen. Und da macht er sich dann doch Gedanken. "Ich muss überlegen, wohin wir gehen sollen. Vielleicht dann doch eher in Museen und Ausstellungen."

Klaudia Leprich bietet auf der Freyung Punsch und Glühwein an. "Wir Standler sprechen natürlich darüber. Aber ich mache mir keine Sorgen. Für mich ist das weit weg." Sie fühlt sich sicher. Auch deshalb, weil mehr Polizei unterwegs ist. "Aber einige Kunden werden ihren Besuch absagen", fürchtet sie. Roland Meller gehört nicht dazu. Er hat keine Angst auf den Weihnachtsmärkten, betont er. Aber es gibt einen anderen Platz, der ihm Angst macht. "Die U4 in Wien Mitte. Es ist dort so wahnsinnig eng. Wenn man einen Anschlag planen will, dann dort. Ich fühle mich dort sehr unsicher."

Eine Premiere

Schauplatzwechsel auf den Wiener Christkindlmarkt vor dem Rathaus. Schon vormittags herrscht hier Trubel. Zahlreiche Kindergartengruppen und Schulklassen sind hierher gekommen. Etliche Touristen verkosten ab 10 Uhr Punsch und Glühwein. Unter ihnen ist auch Tran Anh Tu aus Vietnam. Für ihn ist es ein besonderer Tag – er sieht zum ersten Mal in seinem Leben Schnee. Von den Anschlägen wusste er nichts. "Aber ich wäre trotzdem hergekommen", sagt er. Seine Freunde Simon Felnhofer und Trang Pham begleiten ihn. "Auf die Idee, dass wir wegen des Anschlags in Berlin nicht herkommen, sind wir gar nicht gekommen", sagt Felnhofer. Schlimm sei der Vorfall. "Früher oder später wird es uns auch in Österreich treffen", meint er. Aktuell machen ihm die Taschendiebe am Christkindlmarkt aber mehr Sorgen. Ob mehr Polizei hilft? Felnhofer schüttelt energisch den Kopf. "Das ist doch pervers – Polizei für einen Weihnachtsmarkt." Tatsächlich ist an diesem Vormittag kein einziger Uniformierter zu sehen.

Lukas und Eveline sind Touristen aus Polen, sie schlendern über den Christkindlmarkt, wenige Tage zuvor waren sie in Deutschland. "So etwas kann überall passieren", sagen sie. "Du kannst dich heute nirgendwo mehr sicher fühlen." Warum das so ist? "Wegen der deutschen Politik", sagen sie.

"Wien ist nicht das erste Ziel für solche Anschläge", glaubt Steffi Watzek vom Stand "Herzklopfen". Und sie hofft, dass nun nicht die schwer bewaffneten Polizisten wie im Vorjahr den Christkindlmarkt bewachen. "Das macht den Leuten mehr Angst."

Die Sorgen der Standler sind hier ganz andere, unmittelbare. Zum ersten Mal in diesem Winter hat starker Schnee in der Bundeshauptstadt eingesetzt. Dazu kommt unangenehmer Wind. "Bis zur Kassa schneit’s mir rein!", ärgert sich eine Verkäuferin. Ein Kollege hat dafür eine Lösung gefunden. Er hat Jalousin an seinem Stand montiert und lässt sie hinunter.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare