Der Brunnenmarkt lebt vom Multikulti. Doch nach dem Mord und massiven Problemen mit Drogendealern wandelt sich die Stimmung.

© KURIER/Gerhard Deutsch

Reportage
05/15/2016

Brunnenmarkt: "Fürchten, dass die Stimmung kippt"

Die Unbeschwertheit rund um den Brunnenmarkt in Ottakring ist nach dem Mord der Wut gewichen.

von Michaela Reibenwein

"Alles frisch und billig!", schreit der Obsthändler. "Wassermelone, ein Euro das Kilo! Mispeln! Äpfel!" Ein paar Meter weiter trinken die Menschen in den Gastgärten des Yppenplatzes Aperol-Spritzer oder Kaffee. Alles ganz normal, auf den ersten Blick. Doch die unbeschwerte Stimmung am Brunnenmarkt in Wien-Ottakring ist verloren gegangen. Spätestens seit Maria E. hier mit einer Eisenstange erschlagen worden ist. Dutzende Kerzen, ein Kranz, ein vom Regen aufgeweichtes Kondolenzbuch markieren die Stelle. Viele Passanten verharren hier ein paar Sekunden.

Mutmaßlicher Täter ist ein obdachloser, verwahrloster Mann aus Kenia. Jeder kannte ihn vom Sehen. "Unter den Tischen da hat er geschlafen", erzählt Fischhändler Ali Özman. Im sonst so offenen Multikulti-Grätzel, in dem unzählige Nationalitäten nebeneinander wohnen und arbeiten, ist die Angst eingezogen. Und die Wut.

Rassismus-Ängste

Begonnen hat das mit den afrikanischen Dealern, die ungeniert und ohne polizeiliche Handhabe Drogen verkaufen. Der Mord an Maria E. hat damit rein gar nichts zu tun. "Der einzige gemeinsame Nenner ist die Hautfarbe", sagt Bezirksvorsteher-Stellvertreterin Eva Weißmann, SPÖ. Die Politikerin ist bemüht, sachlich zu bleiben. Doch sie fürchtet, dass der Vorfall dem Rassismus die Türen öffnet. "Was wir jetzt brauchen, ist Ruhe. Wir alle müssen das verdauen."

Doch die Emotionen lassen das im Moment nicht zu. Gerade erst hat sich eine Fraueninitiative gegründet. "Wien gehört uns allen!", propagiert sie. Irene Strobl, die am Yppenmarkt einen Feinkostladen betreibt, ist Teil der Gemeinschaft. "Ich habe mein Geschäft bewusst hier aufgesperrt", sagt sie. Die vielen Nationalitäten, das Nebeneinander – das schätzt sie. Doch es sei ihr unangenehm geworden, nachts durch die Straßen zu gehen. "Den Dealern aus dem Weg zu gehen ist ein Spießrutenlauf." Auf den Straßen würden Obdachlose ihre Notdurft verrichten. "Es riecht wie eine Latrine." Und schließlich sei es nicht nur im Yppenviertel zum Übergriff auf eine Frau gekommen. Auch die Vergewaltigung am Praterstern verunsichere.

Das kann auch die Polizeipräsenz nicht ändern. "Ich lasse meine Kinder nicht mehr in den Park gehen", sagt Fischhändler Özman. Er will verhindern, dass sie mit Drogen in Berührung kommen. "Die Polizei nimmt die Dealer mit. Eine Stunde später sind die wieder da. Die müssen weggebracht werden", sagt er und meint damit Abschiebungen. Viele denken das, wenige sagen es.

Mittlerweile, schildern Polizisten, gibt es auch offene, verbale Angriffe auf die Dealer. Bei Polizeieinsätzen bilden sich Menschentrauben, die die Afrikaner massiv beschimpfen. "Was mir Sorgen macht, ist, dass sich die aufgeheizte Stimmung in rassistische Übergriffe umwandeln kann. Dass die Situation aus dem Ruder läuft", sagt Ilkim Erdost. Sie ist Leiterin der Volkshochschule, Bezirksrätin und Ur-Ottakringerin. Sie hat keine Angst, betont sie. "Aber der Mord hat uns alle in Mark und Bein getroffen."

Auch deshalb, weil in der fast dörflichen Struktur des Grätzels fast jeder den Tatverdächtigen und das Opfer vom Sehen kannte. Erdost gehört zu jenem Netzwerk, das nun daran arbeitet, Lösungen zu finden. Mehr mobile Sozialarbeiter und Info-Veranstaltungen für die Bevölkerung sind ein Ansatz.

Und schließlich hoffen hier alle auf den 1. Juni. Dann tritt das neue Suchtgift-Gesetz in Kraft. Die Dealer, so hoffen hier alle, werden dann genauso schnell verschwinden, wie sie aufgetaucht sind.

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