Ein verwirrter 21-Jähriger hatte eine 54-Jährige erschlagen.

© /Screenshot ORF

Wien
05/11/2016

Bluttat am Brunnenmarkt: Brandstetter "von Zorn gepackt"

Nun gelte es, "Schwachstellen im System aufzudecken und ergebnisoffen über allfälligen Handlungsbedarf zu diskutieren".

Mit drastischen Worten hat Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP) am Mittwoch im parlamentarischen Justizausschuss auf die Bluttat am Brunnenmarkt reagiert: "Wenn man sich die Begleitumstände näher ansieht, dann packt einen der Zorn." Nun gelte es, "Schwachstellen im System aufzudecken und ergebnisoffen über allfälligen Handlungsbedarf - auch um den Preis neuer Regelungen - zu diskutieren".

Zu diesem Zweck hat Brandstetter eine Sonderkommission eingerichtet, die prüfen soll, ob es im Vorfeld der Bluttat - ein verwirrter, obdachloser 21-Jähriger hatte in der vorigen Woche eine 54 Jahre alte Wienerin in Ottakring am Weg zu ihrer Arbeit mit einer Eisenstange erschlagen - zu behördlichen Versäumnissen gekommen war.

Während der junge Mann, gegen den ein Verfahren wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt nach einem Ladendiebstahl anhängig ist, von der Justiz zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben wurde, hielt er die Polizeiinspektion (PI) Brunnengasse auf Trab. Der unterstandslose 21-Jährige lungerte am Brunnenmarkt herum, stahl Lebensmittel, nächtigte in Nischen und Hauseingängen und verstörte bzw. verschreckte mit angeblich aggressivem Verhalten Anrainer.

Bilderstrecke:

WIEN: FRAU IN WIEN-OTTAKRING MIT EISENSTANGE GETÖT

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Eine rechtliche Basis, um den verhaltensauffälligen, verwahrlost wirkenden Mann gegen seinen Willen psychiatrisch behandeln zu lassen, hielten aber offenbar auch die Polizisten, die ihn kannten, im Vorfeld für nicht gegeben. Ansonsten hätten sie ihn wohl einem Amtsarzt vorgeführt, der beurteilen hätte müssen, ob die Voraussetzungen für eine "Zwangseinweisung" vorliegen. Nach dem Unterbringungsgesetz wären dafür Merkmale einer psychischen Krankheit sowie Hinweise auf eine Fremd- oder Selbstgefährdung erforderlich.

Für Justizminister Brandstetter zeigt der Fall, "dass es in unserem System offensichtlich Probleme gibt, für die keine Behörde zuständig ist". Er will deswegen an den Schnittstellen zwischen Justiz und anderen Bereichen - etwa den Gesundheitsbehörden - ansetzen. Von der Sonderkommission erwartet sich Brandstetter Aufschluss über Handlungsbedarf "in jede Richtung", wie er betonte. Der Leiter der Kommission, Helfried Haas, war am Mittwoch nicht erreichbar. Der Vizepräsident des Landesgerichts für Zivilrechtssachen (ZRS) Wien befindet sich bis kommenden Dienstag auf einer Revisionstagung, hieß es aus dem ZRS.

"System reformieren"

Vielleicht wird das Ergebnis lauten, dass es nötig ist, das gesamte System der Gerichtsgutachter zu reformieren.Das sieht zumindest der langjährige Gerichtsgutachter Hans-Joachim Fuchs so. Dass der mutmaßliche Mörder, der am Brunnenmarkt auf der Straße lebte, mutmaßlich schwere psychische Probleme hat, war für alle offenkundig. Warum wurde nichts unternommen? Fuchs: "Da steht der Verdacht im Raum, dass hier ein Mensch zugrunde ging, weil sich niemand die Arbeit antun wollte. Jeder schiebt es auf den nächsten – der Polizist auf den Staatsanwalt, der wiederum auf die Ärzte."

Fließbandgutachten

Doch dafür müsste sich erst einmal ein Gutachter finden, der ein fundiertes Gutachten erstellt. Das, so Fuchs, tun sich aber heute wegen der lächerlich geringen Kostenersätze kaum noch Kollegen an. So werden etwa laut Gesetz bei einer besonders zeitaufwendigen körperlichen Untersuchung oder bei einer neurologischen oder psychiatrischen Untersuchung, je mit eingehender Begründung des Gutachtens ganze 116,20 Euro bezahlt.

Das Ergebnis, so Fuchs, seien "Fließbandgutachten", für die sich der Gutachter zehn Minuten Zeit für den Patienten nimmt. "Zur seriösen Diagnose einer Schizophrenie brauche ich aber mindestens zwei Stunden."

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