Chronik | Wien
08.11.2015

Bettenlager im Großraumbüro

Wie 250 Flüchtlinge in einem Transitquartier leben, versorgt dank Hilfsbereitschaft.

Das rote Haus in der Bachofengasse 8, 19. Bezirk, war einst eine Handschuhfabrik, zuletzt ein Bürogebäude, so viel echtes Leben wie jetzt hat es noch nie gesehen.

Es ist Donnerstagvormittag, und es wuselt gewaltig.

Eine Gruppe Kinder, Burschen und Männer macht sich im Eingangsbereich fertig zum Kicken; freiwillige Fußballfreunde haben eine Halle in der Nähe aufgetrieben.

Eine Frau schleppt einen Kindertisch und zwei Bänke an, die Kleinen bringen sie vor lauter Freude fast zu Fall.

Ein Mann gibt Supermarktsackerln voll mit Essen und Hygiene-Artikeln ab, Windeln, und, wie eine Helferin freudig feststellt, "super, Bananen sind auch dabei".

Wartezone

Die Bachofengasse 8 ist ein Transitquartier, 250 Flüchtlinge warten hier. Manche darauf, dass sie weiterziehen; die meisten darauf, Asyl, damit das Recht auf Grundversorgung und ein permanentes Quartier, zu erhalten.

Ein Besuch hier wühlt auf, vieles ist schwer einzuordnen, weil sich der Großteil davon außerhalb dessen bewegt, was einem das Leben in einem sicheren, reichen Land wie Österreich als Bezugsrahmen mitgibt.

Wenn Mohammed, 13, erzählt, wie er mit seiner Familie aus dem Irak geflüchtet ist, mit einem Boot von der Türkei nach Griechenland und weiter bis nach Österreich ist, dann muss man seine Freude teilen, dass er hier angekommen ist. Einerseits.

Andererseits hat die Familie alles verloren, was sie besessen hat, sie wird vielleicht nie in ihre Heimat zurückkehren (können), die Mutter, zu Hause Lehrerin, ist hier auf ihren Sohn als Übersetzer angewiesen.

Wenn Mohammeds Mutter dankbar ist, weil sie sogar ein Familienzimmer hat, dann wirkt das eingedenk der Tausenden, die unterwegs sind und die kalten Nächte im Freien verbringen, wie ein Glücksfall. Einerseits.

Andererseits sieht dieser Glücksfall, das Familienzimmer, so aus, dass sich zwei Familien ein kleines, nacktes Zimmer teilen, ihre Matratzenlager am Boden nur durch einen Vorhang getrennt.

Und was sagt man dem Mann am Gang, der einen fragt, ob es stimmt, dass in Deutschland jeder ein eigenes Haus bekommt?

Duschen im Freien

Die Standards sind, schon aus baulichen Gründen, niedrig: Die meisten Zimmer waren einmal Großraumbüros, es gibt keine Privatsphäre, nur dicht gedrängte Feldbetten.

Es gibt keine Sanitärräume im Haus – sondern Dusch- und WC-Boxen im Garten.

Es gibt eine kleine Küche.

Ein Mal am Tag bringt das Bundesheer Abendessen (meistens Suppe) und Frühstück für den nächsten Tag.

Was es sonst gibt, gibt es dank Spendern: UNIQA hat das Gebäude zur Verfügung gestellt; Hofer spendet Lebensmittel; Anrainer bringen Kleidung und Lebensmittel, die von Freiwilligen sortiert werden. Wer das Glück hat, einen Platz im Deutschkurs zu haben, muss auch das Glück haben, dass jemand Fahrscheine spendet.

Mikl als Motivatorin

"Tee?", fragt Mohammed, und während er das heiße Wasser eingießt, erzählt er, was er den ganzen Tag so treibt: Spielen mit den anderen Kindern, Übersetzen für seine Mama, Behördengänge und sonstige Termine ausmachen mit den Caritas-Mitarbeitern, und bald, hoffentlich, in die Schule gehen.

Eine Freiwillige, die heute zum ersten Mal mithilft, erzählt, wieso sie überhaupt hier ist: Vor ein paar Tagen hat sie die Innenministerin im Fernsehen gesehen, und sich "so über ihre blöden Aussagen geärgert, dass ich mir gedacht habe, ich mach’ was, ich geh jetzt helfen".

Was die Ministerin so alles gesagt hat, hört Mohammed nicht mehr. Er ist im Gewusel verschwunden.

Mit Geld

Bei Hilfsorganisationen wie der Caritas (die auch das Haus in der Bachofengasse versorgt) oder dem Roten Kreuz kann man für gezielte Pakete spenden, z. B. für Essen, Hygiene oder ein Baby-Paket. Infos: Caritas.at, Roteskreuz.at

Mit Zeit

Viele Flüchtlingsheime brauchen Freiwillige, die mithelfen und z. B. Sachspenden sortieren u. verteilen.

Mit Sachspenden

Kleidung und Lebensmittel werden allerorts benötigt – am besten vorher nachfragen, was gerade fehlt.