Chronik | Wien
18.10.2017

Bankerin von Terrasse gestürzt: Mordanklage gegen Ehemann

Ursprünglich war man in dem Fall von Selbstmord ausgegangen. Obduktionsergebnis deutet auf Fremdverschulden hin.

Nach dem Tod einer Bankerin, die am 22. April 2017 von einer Dachterrasse in der Schwindgasse in Wien-Wieden gestürzt war, wird sich der Witwer wegen Mordes vor einem Schwurgericht verantworten müssen. Die Anklageschrift ist bereits beim Landesgericht für Strafsachen eingebracht und zugestellt worden, bestätigte Gerichtssprecher Thomas Spreitzer am Mittwoch Informationen der APA.

Die Staatsanwaltschaft Wien geht in ihrer Anklageschrift davon aus, dass der 48 Jahre alte IT-Techniker seine Ehefrau mit Tötungsvorsatz über die Brüstung der Dachterrasse hob und 15 Meter in die Tiefe stieß. Ursprünglich hatte man in diesem Fall Selbstmord vermutet. Die 45-jährige Bankerin soll seit längerem unter Depressionen gelitten haben. Daher lag der Gedanke nahe, die Frau wäre ohne fremdes Zutun in den Tod gesprungen. Das Obduktionsgutachten förderte allerdings Verletzungsspuren an der Leiche zutage, die auf Fremdverschulden hindeuteten. Der Ehemann wurde daraufhin unter Mordverdacht festgenommen.

Was sich genau in der Wohnung in der Schwindgasse abgespielt hat, ist unklar. Es dürfte - aus welchen Gründen auch immer - zwischen dem Ehepaar zu Handgreiflichkeiten gekommen sein. Davon zeugen Verletzungsspuren, die der Gerichtsmediziner an der Leiche feststellen konnte. Der unter Mordverdacht in U-Haft befindliche Ehemann hat zuletzt den inkriminierten Tötungsvorsatz bestritten.

Notwehrähnliche Situation

Der 48-jährige IT-Techniker behauptet, in einer notwehrähnlichen Situation gehandelt und den Tod seiner Ehefrau nicht gewollt zu haben. Sein Rechtsvertreter war am Mittwochnachmittag für die APA vorerst nicht erreichbar.

Fest steht, dass der Angeklagte am 22. April in Begleitung seiner Tochter eine Geburtstagsfeier bei Freunden im achten Bezirk besucht hatte. Die Ehefrau und Mutter des Kindes blieb zu Hause - die 45-Jährige war angeblich psychisch angeschlagen und nicht in Feierstimmung. Ihr Ehemann soll auf der Feier offen über ihre schon länger anhaltenden Depressionen und mögliche Behandlungsmethoden gesprochen haben.

Schließlich verließ der Mann die Feier und machte sich auf den Heimweg - möglicherweise um seine Frau zu bewegen, ihn doch noch zu den gemeinsamen Freunden zu begleiten. In der Wohnung kam es laut Anklage dann zu einem Streit, der eskalierte und sich auf die Dachterrasse verlagerte.

Nach der tödlichen Auseinandersetzung war der mordverdächtige Ehemann zu seinen Freunden zurückgekehrt. Er verbrachte in der fremden Wohnung im achten Bezirk auch die Nacht, ohne etwas davon zu sagen, dass zu Hause seine Frau von der Terrasse in die Tiefe gestürzt war. "Er hat das Geschehen verdrängt", erklärte dazu Timo Geresdorfer, der Verteidiger des 48-Jährigen, im Gespräch mit der APA.

"Von geplantem Mord kann keine Rede sein", versicherte Geresdorfer am Mittwochnachmittag. Die Frau habe seinen Mandanten attackiert, als er in der ehelichen Wohnung in der Schwindgasse auftauchte - die Freunde, die er zuvor mit der Tochter aufgesucht hatte, hätten ihn dazu überredet, weil es der 45-Jährigen offenbar nicht gut ging. Die Bankerin habe Gläser und andere Gegenstände nach ihrem Mann geschmissen, diesen beschimpft und auch ein Messer ins Spiel gebracht. Schließlich habe sich die Auseinandersetzung auf die Terrasse verlagert. Beim Versuch, seine Ehefrau wegzudrücken, sei die 45-Jährige über die Brüstung in die Tiefe gestürzt, schilderte Gerersdorfer.