Chronik | Wien 05.12.2011

Aufg'sperrt wird um vier Uhr Früh

© Bild: Deutsch Gerhard

...fordern Cafetiers. In Wien und Graz wird heftig um Lokal-Öffnungszeiten gestritten. Selbst das Ministerium schaltete sich ein.

Das Gespräch mit Manfred Stallmajer beginnt wie ein schlechter Witz. Der Chef des Wiener Café Drechsler fragt: "Was ist der Unterschied zwischen einem kleinen Ort in Niederösterreich und der Weltstadt Wien?" Nachdem Stallmajer bei seinem Kellner Espresso geordert hat, gibt er selbst die Antwort auf seine Frage. Sogar in Gramatneusiedl dürften Cafetiers, was ihnen in Wien versagt bleibt: 24 Stunden am Tag kleine Biere und große Braune servieren (siehe Grafik).

In der Bundeshauptstadt, aber auch in Graz ist erneut eine Debatte rund um die Öffnungszeiten von Clubs und Kaffeehäusern entbrannt. Selbst das Wirtschaftsministerium schaltete sich dem Vernehmen nach in die Diskussion mit ein. Während sich an der Mur Bürger gegen exzessives Partymachen in der City wehren, wollen in der Donaumetropole nun auch Cafetiers erweiterte Öffnungszeiten einführen. Wie berichtet könnte Wiens Partyvolk bereits ab August in Clubs bis sechs Uhr anstatt wie bisher nur bis vier Uhr in der Früh tanzen.

"Wenn die Politik in Wien entdeckt, dass es klug ist, am Wochenende die U-Bahn durchfahren zu lassen, verstehe ich nicht, warum nicht auch wir aufsperren dürfen", sagt Berndt Querfeld, Chef des Café Landtmann.

"Weltstadt nicht würdig"

Drechsler-Chef: Manfred Stallmajer würde sein Kaffeehaus am liebsten 24 Stunden offen halten
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Nur mit Mühe ist es Leuten wie Drechsler-Besitzer Stallmajer bisher erlaubt, schon vor sechs Uhr aufzusperren. Seit 91 Jahren serviert das Traditionshaus Kaffee ab drei Uhr in der Früh. Möglich ist das mit einer Sondergenehmigung, die von der Polizei alle drei Monate verlängert werden muss. "Es ist mühsam und einer Weltstadt nicht würdig", sagt Stallmajer. "Wir benötigen Planungssicherheit."

Machtwort des Ministers

Drechsler-Chef: Manfred Stallmajer würde sein Kaffeehaus am liebsten 24 Stunden offen halten
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"Außerdem hat die Polizei im Frühjahr begonnen, Ausnahmeregelungen nur noch sehr ungern zu erteilen", sagt auch Josef Bitzinger von der Wirtschaftskammer (WK). Die Beamten drohten, nur noch im Falle von besonderen Anlässen ein Auge zuzudrücken. "Gerade im Sommer wäre das verheerend", sagt Stallmajer, dessen Café Samstag- und Sonntagfrüh bis auf den letzten Platz gefüllt ist.

Bitzinger wandte sich Hilfe suchend an Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP). "Seine Hausjuristen verfassten eine Expertise, die über das Innenministerium schließlich auch die einzelnen Polizeistuben erreichte", erklärt er. Demnach können Gastronomen auch ohne konkreten Anlass längere Öffnungszeiten gewährt werden.

"Ein erster wichtiger Schritt", sagt Bitzinger. Weitere sollen nun folgen. In den nächsten Tagen starten die Gespräche mit einer skeptischen Wiener Stadtregierung. Die Forderung der WK: Kaffeehäuser sollen schon um vier statt wie jetzt um sechs Uhr öffnen dürfen. Eine Sprecherin von Stadträtin Sandra Frauenberger: "Wir nehmen nichts vorweg, geben aber zu bedenken: Es gibt wenige Clubs wie das Flex, aber sehr viele Cafés." Die Sozialpartner müssten hier eingebunden werden. Außerdem ist bis dato auch die erweiterte Disco-Sperrstunde noch keine beschlosse Sache. In einer Stellungnahme kritisiert Volksanwältin Gertrude Brinek das rot-grüne Vorhaben scharf. Sie warnt vor noch mehr Lärm für Anrainer. "Derzeit sind etliche Stellen aufgefordert, eine Stellungnahme abzugeben", so Frauenbergers Sprecherin. "Letztlich haben diese Stellungnahmen aber keine bindende Wirkung." Das heißt konkret: In Wiens Discos dürften die Lichter schon ab August erst um sechs Uhr ausgehen.
"Und das ist gut so", sagt Drechsler-Chef Stallmajer. "Auch wenn wir dann in der Nacht weniger Kundschaft im Kaffeehaus haben dürften." Trotzdem würde er weiterhin ab drei Kaffee servieren. "Wenn es nach mir geht, auch 24 Stunden am Tag."

Erstellt am 05.12.2011