Chronik | Wien
05.12.2011

Auf der Jagd nach Schmutzfinken

Wer Zigaretten oder Kaugummis auf die Straße wirft, zahlt in Wien bis zu 75 Euro Strafe. Schon 500 Anzeigen wurden erstattet.

Der in Wien lässig durch das Autofenster geschnipste Zigarettenstummel kam eine Lenkerin aus Niederösterreich teuer. Als sie die zugestellte Anonymverfügung las, traute sie ihren Augen nicht: 75 Euro Strafe wegen Verstoßes gegen das Wiener Reinhaltegesetz (gültig seit 1. Februar 2008).

Offensive

Die Stadt macht gegen Umweltsünder mobil. Seit Jahresbeginn wurden bereits mehr als 500 Anzeigen oder Strafmandate gelegt. Verantwortlich dafür ist die Waste-Watcher-Truppe der MA 48 (Abfallwirtschaft und Straßenreinigung) . Deren Chef, Roland Kolb, spricht Klartext: "Die Zeiten der Ermahnungen und Aufklärungsgespräche sind vorbei. Seit heuer wird gestraft."

Der KURIER war bei einer Kontrolle am Urban-Loritz-Platz bei der Wiener Stadthalle dabei. Es dauerte keine drei Minuten, bis die beiden "Waste Watcher" Daniela K. und Eduard K. den ersten Umweltsünder zur Rede stellten. Der elegant gekleidete Herr wartete auf die 6er-Bim und warf beim Eintreffen der Straßenbahn den Tschik auf den Boden.

Den smarten Akademiker erwischte die Kontrolle am falschen Fuß. Denn Andreas Hammerl bezahlte die 36 Euro Strafe nicht ohne Diskussion. Ob er überhaupt gewusst hat, dass er zur Kasse gebeten werden kann? "Eigentlich nicht, das war jetzt ein Aha-Erlebnis." Die Strafe macht immerhin neun Packerl seiner Lieblingsmarke aus. Hammerl: "In Zukunft suche ich mir einen Mistkübel mit Aschenbecher."

Kaum war das Geld einkassiert, ortete das Auge des Gesetzes einen auf den Boden gespuckten Kaugummi. Die junge Dame zeigte sich über die Kontrolle wenig erfreut. "Da liegen ja mehrere Kaugummis herum. Warum muss gerade ich 36 Euro zahlen. Das ist nicht Ihr Ernst?"

Doch, lautet die Antwort der Waste Watchers. Die Barzahlung wurde verweigert, der Zahlschein widerwillig entgegengenommen. Detail am Rande: Wer nicht zeitgerecht einzahlt, muss mit 75 Euro Bußgeld rechnen. Denn die Beamten dürfen zwar keine Passanten festhalten, sehr wohl aber die Personalien aufnehmen.

Attacken

Das stößt nicht immer auf Gegenliebe der Umweltverschmutzer. "Heikel darf man bei dem Job nicht sein. Von wüsten Beschimpfungen bis zu körperlichen Attacken hatten wir schon alles. Wird es eng, rufen wir die Polizei", so die Kontrollore. Daniela K. ergänzt: "Mit den größten Schmutzfinken gibt es auch die heftigsten Diskussionen."

Und die sind laut MA 48 in den Bezirken 2, 10, 15, 16, 20, 21 und 22 zu Hause. In den kommenden Wochen sind für diese Bezirke Schwerpunktkontrollen angesetzt.

Geldbeschaffung

Das rigorose Vorgehen der Stadt wird von so manchem verärgerten Bürger als Geldbeschaffung kommentiert. Wien verteidigt als Tourismus-Metropole einen Weltruf. Und dazu gehört Sauberkeit. Pro Jahr landen drei Billionen (!) Tschik-Stummel auf Straßen und Gehsteigen der Stadt. Diese Menge würde ganze 60 Fußballfelder bedecken.

Anrainer sollen Verschmutzungen melden
Zivile Kontrollen
Um regionale Verschmutzungen auch zu lokalisieren, wurde die Info-Hotline 01/54648 der MA 48 eingerichtet. Anrainer-Beschwerden gehen die Beamten der Waste- Watcher-Truppe gezielt nach. Um die Verursacher auch zu erwischen, wird immer häufiger in Zivil kontrolliert.
Reinhaltegesetz
Wien ist das einzige Bundesland mit einem Reinhaltegesetz. Dabei gilt: Verschmutzungen öffentlicher Flächen können mit Geldstrafen geahndet werden. Insgesamt streifen 50 hauptberufliche und 380 nebenberufliche Magistratsmitarbeiter - im Dienste der Sauberkeit - durch die Stadt.