Ansturm: Wiener Bildungsbürger entdecken die Mehrstufenklas­sen

Lernwerkstatt Sowiedu, Knollgasse 5
Foto: KURIER/Gilbert Novy "In einer Mehrstufenklasse ist der Lehrer auch ein Coach", sagt Pädagoge Obernberger.

Die Nachfrage an Mehrstufenklassen steigt: Eine frühere Notlösung ist heute modern.

Retal, Moritz und Noah sind Schüler in der Lernwerkstatt "Sowiedu" in Favoriten. Diese wirbt damit, "ein wenig wie eine kleine, geborgene Dorfschule" zu sein. Deshalb werden die drei gemeinsam mit anderen Kindern, die normalerweise verschiedene Stufen einer Volksschulklasse besuchen würden, in einer Klasse unterrichtet.

Urbaner Trend

Mehrstufenklassen galten früher am Land als Notlösung, gewinnen aber ausgerechnet in Wien an Beliebtheit: Im Schuljahr 2006/’07 gab es noch 67 solcher Klassen, heuer sind es bereits 104. In Kärnten und Salzburg hingegen gibt es keine einzige.

Vonseiten des Wiener Stadtschulrates heißt es dazu: "So wie viele pädagogische Innovationen, etwa projektorientierter Unterricht oder offenes Lernen, ist auch dieses Modell bei den Wiener Eltern sehr beliebt."

Bildungsexperte Andreas Salcher sagt: "Die heutigen Mehrstufenklassen haben aber nicht mehr viel mit dem früheren Modell zu tun, sondern richten sich eher nach reformpädagogischen Ansätzen." Er spricht von einem begrüßenswerten Bildungsbürgertum, vermutet aber auch einen Lifestyle-Faktor hinter dem Trend: "Es ist ein schichtspezifisches Phänomen, dass bestimmte Bezirke oder Bildungsschichten offener für moderne Lernformen sind."

Gleichzeitig wären individuelle Lehrpläne gerade für die bildungsfernere Schicht wichtig, damit das Bildungsniveau nicht noch weiter auseinander klafft.

Andrang schon Jahre vorher

Clemens Obernberger, der pädagogische Leiter der Lernwerkstatt, sieht den Vorteil von klassenübergreifendem Lernen in der Altersdurchmischung: "Später ist man ja auch nicht nur unter Gleichaltrigen." Und Lernwerkstatt-Gründerin Maria Kraze ist überzeugt, dass Schüler hier viel selbstständiger und voneinander lernen. Allerdings seien die Plätze zu rar: "Leute melden ihre Kinder oft Jahre vorher an öffentlichen Schulen mit Mehrstufenklassen an", so Kraze.

(kurier) Erstellt am
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