Sozialarbeiterin Susanne Peter sieht bei den Obdachlosen auf der Straße nach dem Rechten. Günther stellt klar: „Die Frau ist der Chef“

© juerg christandl

Obdachlos
12/08/2013

Am Rand der Gesellschaft

Sozialarbeiterin Susanne Peter besucht jene, die selbst im Winter auf der Straße schlafen.

von Anna-Maria Bauer, Jürg Christandl

Zielsicher bahnt sich Sozialarbeiterin Susanne Peter im Dunkeln den Weg durch das Gestrüpp auf der Donauinsel in Wien. Der Lichtkegel der Taschenlampe ist die einzige Lichtquelle, die Kälte kriecht durch Schuhe und Winterjacke. Am Flussufer bleibt Peter stehen und ruft: „Jacques!“. Auf der kleinen Insel gegenüber erscheint ein Mann mit Stirnlampe, zieht sich zwei Bauschuttsäcke über die Beine, um nicht nass zu werden, und watet durchs Wasser auf die Sozialarbeiterin zu.

Sieben Mal die Woche sehen insgesamt acht Sozialarbeiter der Gruft auch bei jenen wohnungslosen Menschen nach dem Rechten, die keine Einrichtung aufsuchen, sondern es vorziehen, auf der Straße zu bleiben. „Manche halten es in den Notquartieren nicht aus, andere sind psychisch krank und einige sind einfach Einzelgänger“, erzählt die 43-Jährige.

Insel vor der Insel

Den Schweizer Jacques kennt Peter bereits seit einigen Jahren. Schon als er noch nicht auf der kleinen Insel, sondern in einem Zelt im Dickicht der Donauinsel wohnte.

Den angebotenen Schlafsack lehnt Jacques ab. „Aber es ist doch noch gar nicht kalt“, erwidert er. „Außerdem habe ich genug Decken in meinem Quartier. “

Auch die Polizei kennt den gelernten Astrologen mittlerweile und winkt ihm vom Boot aus manchmal zu. „Letztes Frühjahr kam sogar die Feuerwehr vorbei und vergewisserte sich, ob ich auch gut überwintert hatte.“

Bis Klienten so weit sind, Susanne Peter ihre Geschichte anzuvertrauen und sich vielleicht sogar von ihr helfen lassen, dauert es oft eine Zeit lang. „Einmal habe ich drei Jahre mit einem Mann hinter verschlossener Klotüre gesprochen.“

Die Herren-Toilette auf der Donauinsel, die sie diesmal aufsucht, ist zwar eindeutig bewohnt (Berge von getragener Kleidung liegen in dem kalten, mit Graffiti beschmierten Raum), doch die Bewohner trifft sie nicht an. Und so geht die Tour weiter. Die Donauinsel ist nur ein Stopp auf der Route.

Mariahilfer Straße

Den Beginn ihrer Nachtarbeit macht Susanne Peter meist auf der Mariahilfer Straße. Auf einer Bank sitzt Günther. Dick eingepackt in Wolljacke, Mütze und Handschuhe hat der gebürtige Mistelbacher sein Hab und Gut in Säcken und einen Koffer um sich herum verstaut. „Danke, Chefin, ich habe alles, was ich brauche“, erklärt er der Sozialarbeiterin. Eine Zigarette nimmt er aber doch von ihr.

Der 57-Jährige wohnt seit etwa 20 Jahren auf der Straße. Anfangs versteckte er sich in einem Bunker im Esterházypark. Derzeit wartet Günther auf einen neuen Platz in einem sozialbetreuten Wohnhaus.

Auch Herbert trifft Susanne Peter auf einer Parkbank an – allerdings im Stadtpark. Nur wenige Meter entfernt aufgewachsen, lebt der Wiener seit fast zwei Jahren im Stadtpark; zum Schlafen zieht er sich unter Bäume zurück. „Die Obdachlosigkeit zieht sich schon lange durch mein Leben.“ Kalt ist auch ihm noch nicht. Er erklärt: „Viel schlimmer ist es eigentlich, wenn es stark regnet.“

Unterwegs mit den Nacht-Streetworkern

Möglichkeiten, zu helfen

Kältetelefon

Wer das Schlafquartier eines Obdachlosen entdeckt, kann unter 01/480 45 53 Caritas-Mitarbeitern Bescheid sagen. Im Rahmen der Nacht-Streetworks gehen die Gruft-Mitarbeiter den Hinweisen dann nach.

Spenden

Caritas Spendenkonto RZB 404.050.050, BLZ 31000

Ehrenamt

Auch freiwillige Mitarbeiter sind vor allem in der kalten Jahreszeit gesucht. Infos unter:www.zeitschenken.at

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