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Bettlerhaus
09/09/2014

Altmieter werden rausgeekelt

In der Neulerchenfelder Straße 88 muss eine Familie nach 22 Jahren ausziehen.

von Birgit Seiser

Das Haus in der Neulerchenfelder Straße 88 wirkt nicht wie eines im Wien des 21. Jahrhunderts. Durch einen Wasserschaden ist der Boden durchnässt, die Betten, auf denen rumänische Bettler schlafen, sind völlig verwahrlost. Kleine Kinder spielen im Dreck zwischen den überfüllten Mülltonnen.

Nur einen Stock darüber befindet sich eine Wohnung, die aussieht wie aus dem Katalog. Es ist das Zuhause von Familie T. Seit 1992 leben Lejla und ihre Eltern dort auf 70 Quadratmetern. Alles ist neu hergerichtet und sehr gepflegt. Über die Jahre hat die Familie 50.000 Euro in die Wohnung investiert. Die Altmieter und ihr unbefristeter Vertrag sind ein Dorn im Auge des Hausbesitzers, der den Altbau sanieren will.

Räumungsklage

Vor wenigen Wochen hat der Vermieter jetzt auch eine Räumungsklage durchgebracht. Demnach soll die Familie am schlechten Zustand des Hauses schuld sein. Delogierungstermin ist der 13. Oktober. Die letzten Mieter in dem Bettlerhaus wollen trotz unzähliger Schikanen aber nicht einfach das Handtuch werfen, obwohl die Angst seit vielen Monaten ihr ständiger Begleiter ist. "Ich traue mich nur noch mit meinem Mann zum Hauseingang gehen. Außerdem haben wir immer ein Messer dabei", schildert Mutter Vesna T. ihren Alltag. "Wir wurden überwacht. Jedes Mal wenn ich aus der Wohnung gegangen bin, haben Männer draußen gewartet, haben uns sogar gedroht", erzählt Tochter Lejla. Die 27-jährige Studentin ist derzeit in einer Notwohnung der Stadt Wien untergekommen. Der KURIER sah sich in dem Haus um. Die Bettler sprechen sehr schlecht Deutsch, glauben dass 400 Euro Miete für zehn Quadratmeter angebracht wären. In den fensterlosen Zimmern ist es dunkel, weil die Stromkästen zerstört wurden . Wasser aus der Leitung gibt es in dem Haus in Ottakring schon lange nicht mehr.

Massive Manipulation

Auch das Büro für Sofortmaßnahmen ist mittlerweile ein Dauergast im Haus. "Wir sind täglich vor Ort, um zu schauen, wie die Lage ist", erzählt Walter Hillerer, der Leiter des Büros. "Es ist mühsam, weil an dieser Adresse immer wieder massive Manipulationen an den Stromzählern durchgeführt wurden. Wenn wir es repariert haben oder dem Eigentümer den Auftrag dazu gaben, dann war es oft am nächsten Tag wieder zerstört", erzählt der Experte weiter.

Bei der Frage, wie es in der Neulerchenfelder Straße weitergehen wird, kann auch Hillerer nur spekulieren. "Im Moment schaut es so aus, als ob sich das Haus leeren würde. Aber es kann auch sein, dass in wenigen Tagen wieder neue Menschen kommen.Wir werden jedenfalls penibel darauf achten, dass mit den Altmietern fair umgegangen wird."