Chronik | Wien 26.01.2015

AKH Wien: Die Not leidenden Notfallmediziner

Schon am Vormittag sammeln sich zahlreiche Patienten im Warteraum © Bild: /Privat

Am Wochenende haben es die Ärzte mit vielen Patienten zu tun, die anderswo besser aufgehoben wären.

Es ist ein vergleichsweise ruhiger Samstagvormittag in der Notfall-Aufnahme des Wiener AKH. Dennoch ist die Schlange vor dem Begutachtungszimmer, in die man sich als Patient einreihen muss, schon relativ lang. Zwei Pflegekräfte sitzen in dem winzigen Büro, das die Mitarbeiter scherzhaft "Ordination" nennen.

Warum, das wird rasch klar: "Ich habe einen Eisenmangel, muss aber heute Abend arbeiten", sagt die junge Patientin, die als Nächstes an die Reihe kommt. "Nun, eigentlich ist das ja kein Notfall, sondern eher was für den Hausarzt", macht sie der Stationsassistent freundlich aufmerksam. "Aber wir lassen uns etwas für Sie einfallen."

Als Nächstes kommt ein Patient mit Grippebeschwerden an die Reihe, dann eine Frau, die nach einer Verbrennung ein leichtes Taubheitsgefühl in der Hand hat.

"Natürlich müssen wir uns jeden Fall anschauen", erzählt eine Ärztin. "Doch die Ressourcen für die Patienten, die tatsächliche Notfälle sind, werden dadurch ziemlich knapp." So müssten immer wieder Kollegen aus anderen Abteilungen aushelfen, damit die Diensträder besetzt werden können.

Die Ärztin schildert beispielhaft, woran es im Wiener Gesundheitswesen am meisten krankt: Die mangelhafte Verteilung der Patientenströme zulasten der Krankenhäuser. Bis zu 400 Patienten versorgt allein die AKH-Notfallaufnahme pro Tag. Ein großer Teil davon wäre beim klassischen Hausarzt (oder Ärztefunkdienst) besser aufgehoben – und könnte dort auch wesentlich kostengünstiger versorgt werden.

In den anderen Wiener Spitälern sei die Situation kaum anders, sagt Notfallmediziner Fritz Sterz. "Wir sitzen alle im selben Boot. Man kann aber auch den Patienten keinen Vorwurf machen", betont er. Gerade an den Wochenenden gebe es einfach zu wenige Einrichtungen außerhalb der Spitäler, in denen harmlosere Beschwerden behandelt werden können.

Rettungsfahrten

Seit Jahren weisen Mediziner wie Sterz auf dieses Problem hin, passiert ist nicht viel. "Es ist mittlerweile 5 vor 12", warnt er.

Was Sterz besonders zu schaffen macht: Auch die Rettung liefert immer wieder Patienten an, die problemlos vom Ärzte-Notdienst zu Hause behandelt werden könnten. So etwa an diesem Vormittag eine 84-jährige Frau, die mittlerweile friedlich im Nebenzimmer in ihrem Krankenbett schläft. In der Nacht war sie in ihrer Wohnung ausgerutscht und hingefallen. So fand sie in der Früh ihre Haushälterin, die sofort die Rettung alarmierte. Anders als befürchtet hat sie aber keinen Herzinfarkt. "Genauso gut kann bei einem derartigen Fall auch ein praktischer Arzt hinfahren", sagt Mediziner Sterz. Wenn nötig, könne dann immer noch die Rettung gerufen werden.

Das wäre nicht nur für die Patienten wesentlich weniger belastend, sondern würde auch die Kosten drastisch senken. Die Einlieferung, Aufnahme, Behandlung und schließlich der Rücktransport schlagen sich mit mehr als 2000 Euro zu Buche, rechnet der Arzt vor. Die Versorgung durch den Ärztefunkdienst käme wesentlich günstiger – selbst wenn man das derzeit magere Stundenhonorar von knapp 39 Euro deutlich erhöhen würde. Das fordert denn auch die Ärztekammer, weil sich immer weniger Mediziner finden, die diesen anstrengenden Job übernehmen möchten.

Die Spezialisten auf der AKH-Notfallaufnahme könnten sich dann mit ganzer Kraft um jene Patienten kümmern, die die moderne Hightech-Infrastruktur an ihrer Klinik auch tatsächlich brauchen. Wie jener 38-Jährige, der mit schweren Brustschmerzen an diesem Vormittag eingeliefert wurde. Herzinfarkt, lautet der Verdacht. Zur genauen Abklärung wird er rasch in das Herzkatheter-Labor gebracht.

Arbeitszeiten

Als ob die Situation auf der Notfall-Abteilung nicht angespannt genug wäre, droht jetzt eine weitere Verschärfung durch die neue Arbeitszeit-Regelung. Denn auch im AKH dürfen seit Neujahr die Ärzte – mit Ausnahmen – im Schnitt nur mehr 48 Stunden pro Woche arbeiten (siehe unten). "Momentan spüren wir die Auswirkungen noch nicht, weil wir aufgrund des Durchrechnungszeitraums derzeit noch etwas länger arbeiten können. Wie es im Februar weitergeht, ist aber noch völlig unklar. Es gibt noch keine Dienstpläne. Leichter wird es sicher nicht", ist eine Ärztin überzeugt.

Es sind die alltäglichen Erfolgserlebnisse, die dabei helfen, all diese Belastungen und Ungewissheiten wegzustecken. Eine Stunde später kommt sie aus dem Katheter-Labor zurück: "Wir konnten das Herzkranzgefäß bei dem jungen Patienten erfolgreich aufdehnen. Es geht ihm schon wieder besser."

Zähe Verhandlungen um Arbeitszeit-Regelung

Noch ist keine endgültige Lösung gefunden, wie die neue Arbeitszeit-Regelung im AKH in der Praxis umgesetzt werden soll. Immerhin: Vergangene Woche einigten sich die Ärztevertreter und das zuständige Wissenschaftsministerium auf eine schrittweise Gehaltsanpassung rückwirkend ab 1. Jänner 2015. So sollen die von der Arbeitszeit-Verkürzung verursachten Einkommenseinbußen ausgeglichen werden. Die Verhandler geben sich noch drei Wochen Zeit, um ein entsprechendes Gesamtpaket zu schnüren.

Die Zeit drängt: Wegen der Verkürzung der durchschnittlichen Wochen-Arbeitszeit auf 48 Stunden kommt es bereits zu ersten Leistungseinschränkungen im AKH. So mussten die OP-Kapazitäten um zehn bis 15 Prozent zurückgefahren werden.

Ungeachtet der laufenden Verhandlungen findet am Dienstagnachmittag eine weitere Betriebsversammlung an der Klinik statt. Die Wahl des Gastredners zeigt, dass sich die AKH-Ärzte bereits vorsichtshalber auf den Worst Case, das Platzen der Verhandlungen, vorbereiten: Der deutsche Ärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery wird ein Referat zum Thema Ärzteproteste und Tarifverhandlungen halten. Montgomery weiß, wovon er spricht: 2006 hat er die großen Ärztestreiks in Deutschland organisiert.

Erstellt am 26.01.2015