Chronik | Wien
06.06.2014

Anklage gegen Josef S. verschärft

Der Zeuge der Anklage, ein Polizist, muss seine Aussagen abschwächen. Der Angeklagte schweigt.

Das Getöse spielte sich diesmal drinnen ab. Vor der Justizanstalt Wien-Josefstadt demonstrierte eine bunte Gruppe friedlich ihre Solidarität mit Josef S., der nach den gewaltsamen Ausschreitungen bei der Demo gegen den von der FPÖ veranstalteten Akademikerball seit viereinhalb Monaten in U-Haft sitzt. Rund 40 Unterstützer fanden sich ein und bekundeten auch auf ihren roten Stoff-Tragetaschen ihre Forderung: „Freiheit für Josef. Freundschaft im Herzen. Wut im Bauch.“ Doch es verlief alles ruhig. Die mitgebrachten Trommeln blieben vorerst unbenutzt.

Im Wiener Landesgericht marschiert unterdessen rund um den 23-jährigen Studenten aus der deutschen Universitätsstadt Jena, der wie ein adretter Gymnasiast wirkt, ein Dutzend Justizwachebeamte auf. Und der Staatsanwalt zeichnet Bilder der Verwüstung „wie in einem Kriegsgebiet“, herbeigeführt durch das „martialische Auftreten“ des angeblich vom Angeklagten angeführten sogenannten Schwarzen Blocks. Nach militärischer Taktik geht man gleich zu Beginn in die Offensive, daher schärft Staatsanwalt Hans-Peter Kronawetter die Anklage von versuchter schwerer auf versuchte absichtliche schwere Körperverletzung nach, was bis fünf Jahre statt nur bis drei Jahre Haft einbringen kann.

Selbst wenn Polizisten bei Demos nämlich Helme tragen, wären sie nicht gegen Verletzungen geschützt, die durch auf sie geschleuderte schwere Metallmistkübel entstehen, argumentiert er.

Gleich darauf muss allerdings der Hauptbelastungszeuge, ein WEGA-Beamter, zugestehen, dass bei der Demo der Linksaktivisten am 24. Jänner 2014 nur „der Inhalt der Kübel“ Richtung Exekutive geworfen worden sei. Und er muss zugeben, dass diese Drahtkörbe „wesentlich leichter“ sind. Weshalb er bisher immer behauptet habe, die Polizisten seien „mit Mistkübeln“ beworfen worden und nicht gleich vom Inhalt gesprochen habe, will Richter Thomas Spreitzer wissen. „Weil das für mich auch Mistkübel sind.“

Ob er noch andere Aktivitäten des Beschuldigten beobachtet habe. Der Zeuge verneint, nach einiger Zeit schiebt er nach, Josef S. habe auch Pflastersteine geworfen. „Aha“, sagt der Richter und wundert sich über die Nachdenkpause.

Die vom Beamten mit Handy aufgenommenen und von ihm eindeutig dem Angeklagten zugeordneten Anfeuerungsrufe für die mutmaßlichen Komplizen („weiter, weiter, Tempo“), die alle auf ihn gehört hätten, stammen laut Gutachten nicht von S.

Versteckt

„Aber bei dem, was Sie gesehen haben, sind Sie sich schon sicher?“, fragt der Richter nach. Der Zeuge nickt. Und berichtet von den zweifelsfrei als Anordnungen zu erkennenden Gesten, mit denen der Angeklagte zu Gewalthandlungen aufgefordert habe. Den Angriff auf eine Polizeiinspektion mit eingeschlagenen Scheiben und demoliertem Einsatzfahrzeug habe S. dann fast im Alleingang getätigt. Wo die Beamten dieser Dienststelle gewesen seien, wird er gefragt. „Die haben sich versteckt, weil sie Angst hatten.“

Der Angeklagte (Verteidigung Clemens Lahner, Kristin Pietrzyk) macht im Prozess von seinem Recht der Aussageverweigerung Gebrauch. Er habe schon mehrmals ausgesagt, mit dem Ergebnis, „dass ich noch immer in einer Zelle sitze.“ Nur so viel: „Ich komme aus einer Gegend, in der es zum guten Ton gehört, sich gegen Rechtsradikalismus zu stellen.“ Der Prozess wurde vertagt. Voraussichtlich nächste Termine am 21. und 22. Juli.

Bilder von der Demo im Jänner

Vater von Josef S.: „Ich habe ihm die Vertrauensfrage gestellt“

Der Angeklagte Josef S., der sich in der U-Haft in Wien als Ministrant betätigt, lebt daheim bei den Eltern in deren Einfamilienhaus. Die Eltern sind aus Jena angereist und verfolgen den Prozess.

KURIER: Mit welchen Gefühlen sitzen Sie im Gerichtssaal?
Bernd S.:Wir haben ihn mit Liebe und Sorgfalt erzogen. Es ist schlimm, wenn man dann sieht, was für ein Bild hier gezeichnet wird. Das Bild von einem Gewalttäter, den man wegsperren muss.

Sabine S.:Vor zwei Wochen haben wir ihn zuletzt in der Haft besucht. Bei einem Tischgespräch konnten wir ihn in die Arme nehmen.

Trauen Sie Ihrem Sohn solche Gewalttaten zu?
Bernd S.:
Das entspricht gar nicht seinem Charakter. Ich habe ihm gleich nach der Verhaftung die Vertrauensfrage gestellt: Wenn ich mich für dich einsetzen soll, muss ich wissen, ob du etwas getan hast. Wir haben einander in die Augen geschaut und er hat gesagt: Nein, Vater, ich habe das nicht getan.

Haben Sie ihn davor gewarnt, sich bei solchen Demos zu weit vorzuwagen?
Natürlich. Aber bei uns in Jena, auch in Dresden, gehört es dazu, sich als Bürger zu äußern und gegen Rechtsextreme aufzutreten. Unser Oberbürgermeister hat mehrere Auszeichnungen. Und in diesem Sinne ist Josef aufgewachsen.