Das Angiografie-Team hat in dieser Nacht Schwierigkeiten, die große Zahl an Patienten zu versorgen. Die Personaldecke sei einfach zu dünn, heißt es nicht ohne Frust

© KURIER/Gilbert Novy

Nacht-Reportage
11/09/2014

Ärzte am Limit: Die geliebte Sisyphos-Arbeit

Für Laien ist es kaum vorstellbar: 70-Stunden- Wochen sind für viele Spitalsärzte keine Seltenheit. Die geplante Arbeitszeit-Reduktion ist dennoch umstritten. Ein Lokalaugenschein im AKH Wien.

von Josef Gebhard

Wer mit Florian Thalhammer mithalten möchte, muss gut zu Fuß sein. An diesem Freitagabend ist er wieder einmal für den 24-stündigen Infektionsdienst im Wiener AKH zuständig und eilt zwischen den Stationen im roten und grünen Bettenhaus hin und her. "Wenigstens bergab verzichte ich auf den Lift", sagt der 50-jährige Mediziner und deutet auf seinen Bauch.

Es ist 19 Uhr. Thalhammer ist mittlerweile seit elf Stunden im Dienst. Auf der Neurologie wartet Fall Nummer 22 an diesem Tag: Eine Frau, die seit Monaten mit komplexen Beschwerden hier liegt: "Eine sehr interessante Geschichte: Es wurde bereits eine Toxoplasmose und eine Infektion mit Akanthamöben festgestellt." Diese Parasiten gelangen über Kontaktlinsen in den Körper. Thalhammer studiert die Krankenakte, bespricht mit dem Nachtdienst die weitere Therapie und hetzt durch die mittlerweile fast menschenleeren Gänge weiter in Richtung Chirurgie.

Fünf Nacht- bzw. Wochenenddienste spult der Arzt pro Monat ab. Wenn alles gut geht, bleibt nach Mitternacht Zeit für ein paar Stunden Ruhe. "Aber mit zunehmendem Alter schafft man es kaum mehr, auch einzuschlafen."

Überlastet fühlt sich Infektionsspezialist Thalhammer trotzdem nicht. "Mich dürfen Sie zum Thema Arbeitszeit nicht befragen, ich arbeite einfach gern. Es ist wie in der Formel 1: Wer mitfahren möchte, muss bereit sein, Belastungen auf sich zu nehmen." Freilich, räumt er ein, gebe es im AKH Abteilungen, auf denen das Personal deutlich mehr gefordert sei.

Personalmangel

Wie zum Beispiel das Angiografie-Team. Gegen 23 Uhr muss es bei einer Frau einen akuten Gefäßverschluss beheben, sonst droht der Verlust eines Beines. Hektisch telefoniert eine Ärztin im OP-Vorraum mit anderen Stationen, um ein Intensivbett zu organisieren. An diesem Abend wurden so viele Fälle gemeldet, dass nicht alle umgehend behandelt werden können. Die Stimmung ist gereizt, von Personalmangel ist die Rede. Sorgen macht man sich hier auch wegen der Arbeitszeit-Verkürzung ab Jänner und den damit verbundenen Einkommenseinbußen (siehe links).

Ein paar Zimmer weiter, in einem abgedunkelten Raum, schiebt das Team des Radiologen Siegfried Trattnig gerade eine Frau zu einer Magnetresonanz-Untersuchung. Sie hat vor Kurzem einen Hirninfarkt erlitten. Auf dem Bildschirm begutachten die Ärzte das Ausmaß der Blutung. "Bis zwei, drei Uhr in der Früh haben wir auf alle Fälle zu tun", schildert Trattnig. "Ständig kommen neue Patienten zur Akutliste hinzu. Eine Sisyphos-Arbeit."

70-Stunden-Wochen sind für den Arzt die Regel – ein für Nichtmediziner fast unvorstellbares Pensum. Den geplanten Arbeitszeit-Verkürzungen steht der gebürtige Kärntner dennoch eher skeptisch gegenüber. "Studien aus den USA haben gezeigt, dass dadurch die Qualität der Ausbildung leidet. Um Fächer wie etwa die Chirurgie zu erlernen, braucht es einfach viel Zeit."

Trattnig macht es jedenfalls nichts aus, so viel zu arbeiten. "Mein Beruf ist schließlich gleichzeitig mein Hobby. Auch wenn meine Frau nur wenig Freude damit hat."

Es droht der Zusammenbruch des Systems

Auf einen neuen Tiefpunkt steuert die Stimmung auf vielen Abteilungen im AKH zu. Ohnehin unter chronischem Personalmangel leidend, stellt die ab Jänner gültige Beschränkung der Arbeitszeit das Mega-Spital vor eine schier unlösbare Aufgabe.

Gemäß einer EU-Vorgabe dürfen Spitalsärzte ab Jahresbeginn im Schnitt statt 60 nur noch 48 Stunden pro Woche arbeiten. Nur wer sich freiwillig dafür entscheidet, darf im Rahmen einer Übergangsfrist weiter 60 Stunden arbeiten. Zusätzliches Personal wird es aber nicht geben. Wie unter diesen Rahmenbedingungen die Patientenversorgung aufrechterhalten bleiben soll, bleibt manchen AKH-Ärzten ein Rätsel.

"Es ist naiv, wenn man glaubt, dass mit weniger Arbeitszeit ein identes Maß an Leistung durch eine idente Zahl an Mitarbeitern rauskommen wird", sagt etwa der Onkologe Christoph Zielinski.

Drastischere Worte findet Peter Husslein: "Die Situation ist grotesk", kritisiert der Leiter der Uniklinik für Frauenheilkunde. "Seit Jahren hat die Politik gewusst, dass die Arbeitszeit neu geregelt werden muss. Doch sie hat nichts unternommen."

Sieben Wochen vor dem Jahreswechsel weiß der Klinikchef nicht, wie er die Dienste für Jänner besetzen soll. "Nach wie vor gibt es kein Konzept, wie man die Versorgung aufrechterhalten will, ohne dass man zusätzliches Personal einstellt."

Husslein befürchtet, dass an seiner Klinik mit der Verkürzung der Arbeitszeit dermaßen viele Wochen-Arbeitsstunden wegfallen, "dass das zum Zusammenbruch des Systems führen wird. Wir werden uns wohl nur mehr auf unsere Kernaufgaben als Uniklinik beschränken können". Soll heißen: Notfall-Versorgung wird das AKH nicht mehr anbieten können. "Es könnte passieren, dass Patienten vor verschlossenen Türen stehen."

Kein Einzelfall: In der Notfall-Aufnahme ist die Personaldecke jetzt schon so dünn, dass es Probleme bei der Dienst-Besetzung gibt. Im Jänner könnte es zu einem Kollaps der Erstversorgung kommen, warnt ein Arzt, der anonym bleiben will.

Vor allem die Jungmediziner geraten in eine heikle Lage: "Im ganzen Haus müssen junge Kollegen befürchten, dass auf sie Druck ausgeübt wird, verlängerte Dienstzeiten weiter zu akzeptieren", so der Arzt. "Denn wer auf Drei-Monats-Verträgen sitzt, braucht schließlich nicht gekündigt zu werden."

Ruf nach mehr Geld

Ein weiteres Problem: Derzeit ist nicht daran gedacht, die mit der Arbeitszeitverkürzung einhergehenden Einkommensverluste auszugleichen. "Dabei sind die Gehälter jetzt schon inakzeptabel niedrig", sagt Husslein.

Schützenhilfe erhält er von Thomas Szekeres, Präsident der Wiener Ärztekammer: "Österreichs Ärztegehälter liegen im internationalen Vergleich in nahezu allen Stufen im unteren Bereich." (siehe Grafik). Er kündigt Protestmaßnahmen an, sollten die Gehaltseinbußen nicht ausgeglichen werden.

Aus dem Rektorat der MedUni kommt eine Absage: "Für die laufende Leistungsperiode gibt es keinen Spielraum. Wir haben aber beim Wissenschaftsministerium einen zusätzlichen Personalbedarf für die nächste (2016 bis 2018, Anm.) angemeldet."

Man versichert aber: "Die Versorgung der Patienten bleibt gewährleistet." Mit einer Betriebsvereinbarung habe man schon 2013 die Arbeitszeiten reduziert, um sich auf die jetzige Situation vorzubereiten. Derzeit erhebe man, wie viele Ärzte sich für die 60- bzw. die 48-Stunden-Variante entscheiden. Davon ausgehend werden man den Betrieb umorganisieren. "Es bleibt genug Zeit, die Dienstpläne für Jänner zu erstellen."

Streit um Gehalt eskaliert in Kärnten

Nicht nur in Wiens Spitälern sorgt die Reduktion der Ärzte-Arbeitszeiten für Kopfzerbrechen. In Kärnten hat sich das Ringen um die Neuregelung zu einer veritablen Polit-Krise ausgeweitet. Auch hier geht es um den Ausgleich der Gehaltseinbußen, die die kürzere Arbeitszeit mit sich bringen. Das Land hat den 900 Ärzten des Spitalsträgers KABEG ein 15-prozentiges Gehaltsplus angeboten. Inakzeptabel für die Ärztekammer, die weiterhin auf ein Plus von 30 Prozent beharrt (der KURIER berichtete).

Für den 13. November kündigen die Kärntner Spitalsärzte eine Demonstration an. Weitere Kampfmaßnahmen sind geplant, heißt es, beispielsweise Dienst nach Vorschrift. In der KABEG bereitet man bereits einen Notbetrieb vor.

Völlig anders ist die Situation in der benachbarten Steiermark: Hier hat man sich bereits vor einigen Wochen auf eine neue Gehaltstabelle geeinigt. Die Grundgehälter der 2000 KAGES-Ärzte wurden um bis zu 20 Prozent angehoben. Das kostet das Land pro Jahr bis zu 35 Millionen Euro mehr.

Eine andere Lösung hat man in Salzburg gefunden: Am 1. Jänner wird das Gehalt für Nachtdienste um ein paar Prozent angehoben. Ab Juli kommenden Jahres soll dann auch das Grundgehalt um 18 Prozent erhöht werden. Die Details müssen allerdings noch verhandelt werden.

In Oberösterreich will man bis Weihnachten eine Lösung finden.

Im Burgenland arbeitet man derzeit an einem Reorganisationskonzept. In den Landesspitälern rechnet man damit, dass man durch die Arbeitszeit-Umstellung rund 20 Ärzte mehr benötigt.

Wesentlich weiter ist man in Tirol: Bei dem vom Träger Tilak betriebenen Spitälern werde bereits jetzt die künftig vorgeschriebene durchschnittliche Wochen-Arbeitszeit von 48 Stunden "nur in Ausnahmefällen" überschritten.

Ähnlich die Lage in Niederösterreich, wo man bereits 2012 eine Novelle des Spitalsärztegesetzes verabschiedet. Nur ein Drittel der 3700 Ärzte in den nö. Landeskliniken arbeitet derzeit über 48 Stunden. Diese Mehrleistungen befänden sich aber innerhalb von Betriebsvereinbarungen und seien daher durchaus gesetzeskonform, heißt es in der Landeskliniken-Holding.