Chronik | Welt
13.04.2017

"Wir leben in der Türkei in einer Art Gefängnis"

Weil sie an Erdoğan Kritik übten, wurden Tausende Wissen- schaftler gefeuert. Zwei erzählen von ihrem schwierigen Alltag und dem unge- brochenen Kampfgeist.

Wenn sie jetzt ins Gefängnis müsste, so die türkische Wirtschaftswissenschaftlerin Özlem Albayrak, wäre es ihr auch schon egal. Gefeuert wurde sie bereits, weil sie gegen die Kurden-Politik von Präsident Tayyip Erdoğan aufgestanden war, ihr Pass wurde für ungültig erklärt, und ein anderer Job ist weit und breit nicht in Sicht.

Klein beigeben kommt für die 39-Jährige aber überhaupt nicht infrage. Sie hofft bei dem Verfassungsreferendum am Sonntag, bei dem sich der Staatschef weitgehende Vollmachten abholen will, auf eine Abfuhr für Erdoğan. Das könnte eine Chance für einen Neubeginn sein.

"Mobbing"

Begonnen hat der Leidensweg von Albayrak, als sie gemeinsam mit schlussendlich mehr als 2000 AkademikerInnen im Jänner des Vorjahres eine Petition unterzeichnete, in der das brutale Vorgehen der türkischen Sicherheitskräfte in den kurdischen Gebieten im Südosten des Landes gegeißelt und für Frieden geworben wurde. "Gleich danach setzte an unserer Ankara-Uni ein Mobbing gegen uns ein, an dem sich auch der Rektor beteiligte", sagt die Politologin Elcin Aktoprak, 38. "Forschungsfonds wurden gekappt, wir erhielten keine Erlaubnis mehr, zu Konferenzen ins Ausland zu fahren. So gesehen leben wir in der Türkei in einer Art Gefängnis."

Nach dem Putschversuche vom vergangenen Juli, für den Ankara die Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen verantwortlich macht, habe Erdoğan die Gangart nochmals verschärft. Mittlerweile wurde rund ein Fünftel der Petitionsunterzeichner entlassen, Albayrak war im heurigen Jänner an der Reihe, ihre Freundin Aktoprak im Februar. Insgesamt wurden mindestens 130.000 Menschen aus dem Staatsdienst eliminiert, davon 4000 bis 5000 WissenschaftlerInnen – stets mit demselben Vorwurf: Sie seien "Gülenisten" und damit Terroristen.

Nationalistische Karte

Das sei in ihrem Fall völlig absurd, betonen die beiden Akademikerinnen unisono. Aber Erdoğan habe vor der Volksabstimmung die nationalistische Karte gespielt, und da würden kritische Intellektuelle ein perfektes Feindbild abgeben.

So wie viele ihrer Kollegen und Kolleginnen stünden sie jetzt vor den Trümmern ihrer noch so jungen Uni-Karriere – und kämpfen ums pure Überleben. "Wir sind in der Gewerkschaft organisiert und erhalten von dieser wenigstens 1700 türkische Lira monatlich (rund 430 Euro). Doch die Frage ist, wie lange deren finanzieller Atem noch reicht", betont Albayrak. Andere hätten gar nichts. Für diese versuche man, via Crowdfunding an den Hochschulen wenigstens an ein paar Lira hereinzubekommen.

"Street Academy"

Auch was ihre ureigenste Profession anbelangt, lassen die Wissenschaftlerinnen nicht locker und halten unter widrigsten Umständen an der Lehre und Forschung fest. "Wir haben uns untereinander vernetzt und arbeiten weiter an unseren Projekten in Form von ,Street Academys‘", erzählt Aktoprak. Zur Not trifft man sich auch im Kaffeehaus zum Gelehrten-Diskurs in dieser Art von Parallel-Universität. Um dafür die nötigen finanziellen Mittel aufzustellen, peile man auch an, Quellen im Ausland anzuzapfen.

Noch hoffen die beiden Power-Frauen, das dieser Albtraum einmal endet und wieder einigermaßen Normalität in ihr Leben einzieht. Verstecken wollen sie sich bis dahin aber keineswegs. "Erdoğan macht sowieso, was er will. Vor meiner Kündigung war ich vorsichtig, was ich sagte, jetzt ist er mir egal."