© APA

KURIER-Serie: Die Macht der Kirche
02/28/2013

Wie es zum umstrittenen Zölibat kam

Katholische Priester. Einst verheiratet, sollten sie enthaltsam leben. Erst viel später kam das Eheverbot.

von Georg Markus

Das enthaltsame Leben der Priester. Das ist wohl eines der meistdiskutierten Themen in der katholischen Kirche. Dabei steht fest, dass die hochwürdigen Herren in den Anfängen des Christentums ein normales Sexual- und Eheleben führten. Vom Zölibat war keine Rede, allerdings zeigte sich früh, dass die Kirche dazu neigte, ihren Amtsträgern die Lust an der geschlechtlichen Liebe zu nehmen. So hielt es bereits Papst Siricius im Jahre 385 für „ein Verbrechen, wenn Priester nach ihrer Weihe noch mit ihren Ehefrauen verkehren“.

Getrennte Betten

Mit anderen Worten: Geistliche Herren durften verheiratet sein, nicht jedoch mit ihren Frauen schlafen. Um jeglicher Versuchung zu widerstehen, sollten sie in getrennten Schlafzimmern ruhen, was in der Realität freilich – trotz angedrohtem Ausschluss aus dem Klerikerstand – ein frommer Wunsch der Kirchenherren blieb.

Es vergingen sechs Jahrhunderte, ehe die verordnete Lustfeindlichkeit zum Eheverbot führte. Es war Papst Benedikt VIII., der im Jahre 1022 die bis dahin geduldete Priesterehe untersagte, obwohl die Ehelosigkeit nirgendwo in der Bibel verlangt wird. Auch Jesus hat sie nicht gefordert, sondern nur Ehebruch und Scheidung angeprangert, was von Theologen später dann als Argumentfür den Zölibat umgedeutet wurde.

Geistliche, die Ehefrauen hatten, galten von nun an als „schmutzig“ und das, obwohl sämtliche Apostel inklusive Petrus, dem ersten Papst, verheiratet waren.

Flucht aus dem Dom

Wie wenig Verständnis die Priester anfangs für den als „Geschenk Gottes“ bezeichneten Zölibat hatten, bekam Bischof Altmann von Passau im Jahre 1074 zu spüren. Als er während einer Messe die von Rom geforderte, noch ziemlich neue Enthaltsamkeit verkündete, wurde er vom anwesenden Klerus fast gelyncht, und der Bischof verließ aus Angst um sein Leben fluchtartig den Dom.

Das Eheverbot hatte aber weiterreichende Folgen, war es doch mit ein Grund, dass es im 11. Jahrhundert zur Abspaltung der Ostkirche und 500 Jahre später der Protestanten kam. Martin Luther bezeichnete den Pflichtzölibat als Werk des Teufels und stellte es evangelischen Priestern frei, „ehelich oder nicht ehelich sein zu wollen“.

Sicher spielte bei den Argumenten, die für den Zölibat sprachen, auch das Vermögen adeliger Bischöfe und Äbte eine nicht unbedeutende Rolle. Erwies es sich doch als überaus vorteilhaft, dass die Herren Schwarzenberg, Auersperg, Kinsky, Liechtenstein und wie die reichen Kardinäle alle hießen, ehe- und kinderlos bleiben mussten. Hätten sie Frauen und Nachkommen gehabt, wären diese erbberechtigt gewesen. So aber konnte ihr Vermögen in den Schoß der Mutter Kirche fallen. Das, so meinen Historiker, ist mit ein Grund, dass es den Zölibat gibt. Er hatte – und hat – also auch ökonomische Gründe.

16 Kinder

So sehr der Vatikan auf die Enthaltsamkeit seiner Priester, Ordensmänner und Nonnen bedacht war, so wenig hielt man sich dort selbst an die Gesetze, wobei die Päpste in der Zeit der Renaissance sexuellen Reizen gegenüber besonders „aufgeschlossen“ waren. Am tollsten trieb es wohl Papst Innozenz VIII., der 16 Töchter und Söhne zeugte, die er selbst taufte, traute und mit einträglichen Posten im Kirchenstaat versorgte.

Nicht besser war sein Nachfolger Alexander VI., der den Bruder seiner Mätresse – um sein Schweigen zu erkaufen – zum Kardinal ernannte. Er ist dann als Paul III. selbst Papst geworden.

Wie in der Renaissancezeit überhaupt manch Heiliger Vater mehr Vater als heilig war. Allerdings ist die sexuelle Askese keine Erfindung der katholischen Kirche. Heidnische Priester gingen in vorchristlichen Zeiten so weit, sich entmannen zu lassen, um „reine Mittler zwischen Gott und der Menschheit“ zu sein – durch Geschlechtsverkehr wären sie, so die Ansicht der Babylonier, Ägypter und Phönizier, befleckt gewesen.

Unterirdische Gänge

Andere Religionen verboten ihren Priestern Tage vor Betreten des Tempels eine Frau zu berühren. Zwischen Ideal und Wirklichkeit lagen freilich in allen Kulturen Welten.

Der wechselhafte Besuch katholischer Mönche und Nonnen gehörte zum Alltag, es gab Männer- und Frauenkloster, die durch unterirdische Gänge miteinander verbunden waren, um den sündhaften Verkehr heimlich gestalten zu können.

Der Zölibat ist ein seit Jahrhunderten beliebtes Diskussionsthema. Er wird aber heute von der überwiegenden Mehrheit des Kirchenvolks abgelehnt, während unverheiratete Priester im Mittelalter durchaus noch erwünscht waren.

Begleitend zum bevorstehenden Konklave finden Sie exklusiv in der Printausgabe des KURIER die ausführliche Serie "Die Macht der Kirche". Für alle, die nicht auf die Online-Zusammenfassung warten wollen - hier geht's zum E-Abo.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.