"Verloren fühlen sie sich alle"

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Deutsche, spanische und französische Zeitungen kommentieren die Unruhen in London und anderen Städten.

Die Ausschreitungen in mehreren Städten Englands sind am Mittwoch Kommentarthema in vielen europäischen Blättern:

Tagesspiegel (Berlin): "Sozialproteste, Gesetzlosigkeit, Sparmaßnahmen, wachsende Arbeitslosigkeit - das sind Vokabeln, die Briten an die Zeiten Thatchers erinnern. Solche Wortreihen werden auch Labourabgeordnete bei der Dringlichkeitsdebatte im Unterhaus gegen Cameron richten. Ihnen und den Briten überhaupt muss der Premier nun erklären, wie er die britische Gesellschaft wieder regierbar machen will, wie die Polizei zugleich Schlagkraft und das Vertrauen der Bürger bekommen kann und welche Perspektive er den entfremdeten Randgruppen und Jugendlichen geben kann. Er muss den Spagat schaffen zwischen notwendiger Härte und konstruktiven Angeboten an diejenigen, die das Interesse an einer friedlichen Gesellschaft offenbar verloren haben."

Süddeutsche Zeitung (München): "Die Botschaft für Britanniens Unterklasse könnte eindeutiger nicht sein: Einmal arm, immer arm, und das gilt selbstverständlich auch für eure Kinder und Enkel. Ihr habt mehr Chancen, einen Sechser im Lotto zu tippen, als aus eurer Klasse auszubrechen. (...) Ein rein britisches Problem sind die Krawalle dennoch nicht. Soziale Not gibt es überall in Europa, wo klamme Staaten knapsen und knausern müssen. Und überall sind es die Teenager und die Zwanzigjährigen, die den von der Nachkriegsgeneration in leichtfertiger Manier angehäuften Schuldenberg abtragen werden. Schon jetzt nennt man sie die Lost Generation, die verlorene Generation. Die Jugendlichen in London sind nur ihre hässliche Kehrseite. Aber verloren fühlen sie sich alle."

El Mundo (Madrid): "Die Ausschreitungen in Großbritannien begannen in heruntergekommenen Stadtteilen. Dies bedeutet, dass sich dahinter ein gesellschaftlicher Konflikt verbirgt. Die Arbeitslosigkeit, fehlende Zukunftsperspektiven und soziale Ungleichheit bildeten ein Pulverfass, das nun explodiert ist. Damit kann man die Krawalle erklären, aber keineswegs rechtfertigen. (...) Die Bilder der Gewalt und Plünderungen erinnern nicht an soziale Forderungen oder Proteste, sondern an kriminelle Vergehen. Die britische Regierung muss ihre Politik ändern und sich mehr um die benachteiligten Gruppen kümmern. Sie darf dies aber nicht unter dem Druck des Vandalismus tun. Premier David Cameron ist für die Lage nicht verantwortlich, denn er ist erst seit 15 Monaten im Amt."

Le Figaro (Paris): "Die Krawalle in den armen Londoner Vororten könnten sich in jeder anderen europäischen Metropole abspielen. Sie sind übrigens eine Art Antwort auf diejenigen, die es vor sechs Jahren in unseren Vororten gegeben hat - als das französische Integrationsmodell von allen Seiten kritisiert worden war. Der Auslöser der Probleme ist der gleiche: ein Polizeipatzer löst punktuell ein Gefühl der Ungerechtigkeit aus, das die allgemeinen und latent vorherrschenden Ressentiments nährt, die von einer in England wie anderswo durchaus realen sozialen Ausschluss-Situation herrührt. (...) Die armen Vorstädte der großen Metropolen sind ein fruchtbarer Boden für eine soziale Explosion, vor allem in Krisenzeiten mit hoher Arbeitslosigkeit und Budgetkürzungen. Das ist keine Überraschung. Doch was in Tottenham passiert, - die Geschwindigkeit, mit der die Gewalt um sich greift und sich auf das gesamte Land ausdehnt - zeigt, wie weit schon der geringste Funke die trügerische Ruhe unserer modernen Gesellschaften in Gefahr bringen kann."

Sud-Ouest (Bordeaux): "Szenen städtischen Krawalls, Geschäfte und öffentliche Gebäude in Flammen, eine unglaubliche Verkettung von Gewalt sowie eine von den Ereignissen überforderte Polizei: Das bringt einige schlechte Erinnerungen zurück an das Aufflackern der Gewalt im Jahre 2005 in unseren eigenen Vorstädten. Es geschieht heute in London, Liverpool oder Birmingham, doch es könnte sich überall sonst in Europa abspielen - selbst hier bei uns. Denn auch wenn sich das soziale Netz in den Städten von einem Land zum anderen unterscheidet (...): Die Probleme sind mehr oder weniger die gleichen, wohin man auch schaut. (...) Wie 2005 in Frankreich hat ein einziger Funke einen Flächenbrand ausgelöst, der nur darauf wartete, sich auf einem höchst entflammbaren Terrain auszubreiten. Dem der aufgegebenen Vorstädte, der sich selbst überlassenen Bewohner, der schlecht oder gar nicht integrierten Einwanderer, der Jugendlichen ohne Hoffnung. (...) Ein purer Zufall will es, dass diese Krawalle in Großbritannien im gleichen Augenblick ausbrechen, in dem die Finanzkrise in Europa und den USA wütet."

La Croix (Paris): "Großbritannien hat solche Krawalle mehrfach erlebt. Sie rufen die Gewalt in Erinnerung, die im Frühjahr 2005 bestimmte französische Vorstädte zerrissen hat. Die Zutaten zu Beginn dieser Ereignisse weisen Ähnlichkeiten auf: Zum Auftakt - in Clichy-sous-Bois wie in London - gab es Todesfälle durch Gewalt bei Zwischenfällen, an denen die Polizei beteiligt war. Es gab junge Menschen mit Migrations-Hintergrund ohne Zukunftsperspektiven oder mit Problemen, einen Job zu finden; aber auch ein kriminelles Klima, das die Sicherheitskräfte zu häufigen Einsätzen und bestimmte Jugendliche - mitunter sogar sehr junge - zum Randalieren, Plündern und Zerstören veranlasst hat. Ohne dabei den Medienverstärker außer Acht zu lassen, die Macht der Bilder, einen möglichen Konkurrenzkampf unter den Gruppen und nun auch die Nutzung der Massenkommunikation, die den Randalierern eine bessere Organisation ermöglicht. In Großbritannien schien die Polizei zunächst überfordert zu sein (...) (Premierminister) David Camerons Regierung steht vor einer schweren Herausforderung, während sein wirtschaftlicher Handlungsspielraum knapp bemessen ist."

Erstellt am 05.12.2011