Erdogans neuer Amts- und Wohnsitz ist größer als Buckingham Palace oder der Élysée in Paris. Gerichte verboten den 280-Millionen-Bau.

© APA/EPA/OZGE ELIF KIZIL / ANADOLU AGENCY

Türkei
10/29/2014

Erdogans illegaler Palast

Die Eröffnung der 1000-Zimmer-Burg wurde wegen eines Grubenunglücks abgesagt.

von Hans Jungbluth

Ein Palast auf einer Fläche von 50 Fußballfeldern, ein Atombunker, ein abhörsicheres "Oval Office" für den Präsidenten – und das alles auf einem Gelände, das eigentlich nicht bebaut werden dürfte: Das ist der neue Palast des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan in Ankara. Der in der Öffentlichkeit "Ak Saray" – "Weißer Palast" – genannte Riesenbau hat eine eigene Moschee, einen Kindergarten und genug Platz für mehrere Tausend Mitarbeiter. Er kostete die Steuerzahler rund 280 Millionen Euro.

In der türkischen Presse wird bereits über einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde als größter Palast der Welt spekuliert. Doch nicht alle sind begeistert.

Für den aus kleinen Verhältnissen stammenden Erdogan ist der geplante Umzug in den "Ak Saray" ein neuer Höhepunkt in seiner Karriere. Der 60-Jährige setzt mit seinem Amtssitz neue Maßstäbe und übertrifft den recht bescheidenen "Rosa Palast" im Zentrum von Ankara, den Sitz der türkischen Präsidenten seit Staatsgründer Mustafa Atatürk, um ein Vielfaches. Die offizielle Einweihung des "Ak Saray" am türkischen Nationalfeiertag am Mittwoch wurde von Erdogan allerdings wegen des neuen Grubenunglücks mit 18 Vermissten im südtürkischen Ermenek verschoben.

Neues Dienstflugzeug

Auch bei anderen Projekten hütet sich Erdogan vor allzu großer Bescheidenheit. Vor Kurzem gönnte er sich ein neues Dienstflugzeug für mehr als 100 Millionen Dollar. In Istanbul entsteht derzeit eine neue Moschee, die mehr als 37.000 Gläubigen Platz bieten soll. Westlich der Metropole will Erdogan einen zweiten Bosporus graben lassen: einen Schiffskanal, der Schwarzes Meer und Marmarameer verbindet. Erdogan selbst spricht von einem "verrückten Projekt".

In Ankara steht die bombastische Architektur des "Ak Saray" für den Machtanspruch des Präsidenten und seines Landes, das sich als Regionalmacht zwischen Balkan, Kaukasus und Nahem Osten versteht. Wer in den "Ak Saray" kommt, soll spüren, dass hier das Herz eines mächtigen Staates schlägt. Der "Rosa Palast" wirkt im Vergleich wie eine Baracke.

Für Kritiker ist der neue Palast Ausdruck der Selbstherrlichkeit des Präsidenten. Sie werfen Erdogan vor, nach elf Jahren als entscheidender Mann in der türkischen Politik mehr und mehr einer Art Cäsarenwahn zu verfallen. Der Erdogan-kritische Kolumnist Yilmaz Özdil spottete in der Zeitung Sözcü, für Erdogans Ego sei der neue Palast eigentlich noch zu klein.

Nicht kleckern, sondern klotzen lautet die Devise des "Ak Saray"-Komplexes, dessen Name auf die "Ak-Partei" von Erdogan anspielt und der rund Tausend Zimmer hat. Es gibt ein eigenes Gebäude für den Empfang von Staatsgästen, osmanische und seldschukische Verzierungen, Springbrunnen, einen botanischen Garten und ein Kongresszentrum. Aufwendige Sicherheitseinrichtungen sollen das aus Stahlbeton errichtete Gebäude sogar bei einem Raketenangriff zur uneinnehmbaren Festung machen.

Regierungsgegner sprechen von einem illegal errichteten Protzbau. Das Palastgelände gehört zum sogenannten Atatürk-Forsthof aus den Frühzeiten der 1923 gegründeten Republik und unterliegt einem Bauverbot.

Baustopp ignoriert

Erdogans Palast wuchs trotzdem in die Höhe, mehrere Prozesse gegen den Bau haben das Projekt nicht stoppen können. Als ein Gericht im Frühjahr einen Baustopp anordnete, sagte Erdogan, seine Gegner könnten ruhig versuchen, das Gebäude wieder abzureißen. Inzwischen beschäftigt sich sogar das türkische Verfassungsgericht mit dem "Ak Saray". Einige Kritiker nennen den Palast bereits "Kac-Ak Saray", den illegalen Palast. Wenn sich Erdogan über diese Entwicklung Sorgen macht, dann zeigt er es nicht.

Oppositionschef Kemal Kilicdaroglu von der Partei CHP kündigte an, dass er den "Ak Saray" so rasch wie möglich wieder loswerden will. Wenn die CHP im kommenden Jahr die Parlamentswahl gewinnt, soll der Prunkbau einer Universität geschenkt werden.

Pomp und Pracht: Paläste für die Politik

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