Bundespräsident Heinz Fischer

© ServusTV / Wieser Florian

Tschernobyl
04/26/2016

Wo waren Sie am Tag der Atomkatastrophe?

Wie Österreich die Tage zwischen Angst und Ahnungslosigkeit erlebt hat.

Am 26. April vor genau 30 Jahren ereignete sich in Reaktor 4 des sowjetischen AKW in Tschernobyl das bisher Unvorstellbare, ein atomarer Super-GAU. 11 Persönlichkeiten erinnern sich.

Heinz Fischer, Bundespräsident und damals Wissenschaftsminister: "Am 26. April 1986, verbrachte ich den Abend mit dem Psychiater Erwin Ringel. Als ich nach Hause kam, rief man mich aus dem Wissenschaftsministerium an und berichtete mir von einer Meldung über einen ernsten Kernkraftunfall in einem sowjetischen Kernkraftwerk in der Nähe von Kiew. Ich rief sofort Umweltminister Franz Kreuzer, an und wir vereinbarten, für den Ministerrat am 29. April alle verfügbaren Informationen einzuholen. Die russische Meldung war so formuliert, dass zunächst kein Grund zu besonderer Aufregung bestand. "Der Reaktor sei beschädigt worden und alle Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen seien ergriffen worden. Aber die Meldungen in den europäischen Nachrichtenagenturen wurden von Stunde zu Stunde besorgniserregender. Um 12:30 Uhr hatte ich eine Besprechung mit Kanzler Sinowatz, um 14:40 Uhr eine Besprechung mit österreichischen Experten. Den Abend dieses Tages verbrachte ich übrigens mit Erich Fried. Am 30. April musste entschieden werden, ob große Versammlungen im Freien, insbesondere die Aufmärsche am 1. Mai verboten werden sollten. Aufgrund der Meldungen der Meteorologen haben Franz Kreuzer und ich Innenminister Karl Blecha empfohlen, den Maiaufmarsch nicht zu verbieten, und die Entscheidung hat sich als richtig erwiesen."

Mercedes Echerer, Schauspielerin:Anfangs wusste sie nicht so genau, ob die Gefahr real war, oder „ob es sich nur um eine Art Science-Fiction handelt. Das ist doch ganz weit weg, Tschernobyl – oder doch nicht?“ Klar, welche Gefahr sich da näherte, wurde der jungen Schauspielerin erst klar, als die Sandkisten gesperrt wurden. Plötzlich war da auch die Verwandtschaft aus Rumänien am Apparat. Die hatten alle Hebel in Bewegung gesetzt, um aus der Diktatur hinter dem Eisernen Vorhang eine Telefonleitung nach Österreich zu bekommen: „Die wollten unbedingt wissen, wie es uns geht, ob wir was abbekommen haben.“
Toni Faber, Dompfarrer zu St. Stephan:„Ich weiß genau, wo ich war. Auf der Donauinsel mit Freunden aus München, denen aus unerfindlichen Gründen schlecht geworden ist. Das war die Strahlung. Wir haben das jedenfalls so gedeutet. Die Gefühlslage war ganz große Unsicherheit, die Beschwichtigungen hat niemand richtig geglaubt. Man hat das erste Mal gespürt, der Mensch darf nicht alles, was er kann. Das Global Village reicht von Tschernobyl über Fukushima bis nach Wien.“
Adele Neuhauser, Schauspielerin:„Ich weiß noch ganz genau, was ich gemacht habe, nämlich alles falsch.“ Sie war mit ihrem Sohn schwanger und lebte in Oberbayern. „Ich bin bloßfüßig durchs Gras gegangen, habe in stehendes Gewässer gegriffen – und dann die Panik gekriegt. Da gab es Aufnahmen von zweiköpfigen Schafen. Es war furchtbar. Dann hab’ ich mich zusammengerissen und mir eingeredet: Mein Kind wird gesund. Aber die Halbwertszeit sind 30 Jahre ... Ich denke, wir haben es geschafft. Ich finde es aber irgendwie schaurig, dass die Japaner nach Fukushima ihre Atomkraftwerke wieder hochfahren.“
Therezija Stoisits, Grüne: Mit der Panik der schwangeren Kollegin im Bezirksgericht Oberwart konnte Therezija Stoisits, damals Rechtspraktikantin, nichts anfangen: „Ich hab das locker genommen.“ Den Ausflug nach Schloss Hof habe man ohne Bedenken unternommen. Die Verwandten dagegen fingen an, Sand aus der Sandkiste zu schaufeln. Dieser Gegensatz, so die Grüne, würde die Gemütslage damals beschreiben: „Man hat nicht gewusst, was sich da abspielt.“
Klaus Eberhartinger, EAV, Dancing Stars:„Wir waren damals mit der EAV in der DDR und haben das gar nicht mitbekommen. Bei der Ausreise, das war vier Tage später, also am 30. April, mussten dann sowohl der Bus als auch der Lkw dekontaminiert werden. Wir fragten uns: Was ist jetzt los? Da haben wir zum ersten Mal erfahren, dass ein größerer Unfall im Kernreaktor Tschernobyl passiert ist. Es war auch das erste Mal, dass man merkte, welchen unglaublichen Zynismus dieses Regime hatte, einen Atomunfall zu vertuschen – weil es im eigenen System passiert ist. Der Song ,Burli‘ ist auch wegen Tschernobyl entstanden.“
Christoph Leitl, Wirtschaftskammer-Präsident:Er war schon gegen die Atomkraft, als seine Parteifreunde noch für Zwentendorf gekämpft haben. „Mein Sohn war damals in der Volksschule und hat über Bedrohungen geschrieben: ,Schuld daran ist nur das Tschernobyl.‘ Ich bin gegen Atomkraft: Ein Mensch soll eine Technologie nicht einsetzen, deren Folgen er nicht abschätzen kann. Die Entsorgung ist ungeklärt. Das ist unverantwortlich und ethisch unvertretbar.“
Konstanze Breitebner, Schauspielerin: „Ich weiß genau, wo ich war: Im Garten in Klosterneuburg, es hat geregnet und dann hab’ ich Rasen gemäht. Wir haben uns dann einen Geigerzähler geholt, die hat’s ja gegeben, und der hat bei den Pfoten der Katze ausgeschlagen. In einem Dokumentarfilm, den wir gemacht haben, hat der Bundeskanzler Sinowatz gesagt, was er isst: ,Wenig, möglichst wenig‘. Der Professor Erwin Ringel ist mir im Gedächtnis geblieben: ,Bei Gefahren gibt es normalerweise Grenzen, aber was wollen sie zur radioaktiven Wolke sagen, bleiben Sie stehen, weisen Sie sich aus?‘ Ich bin sicher, wir haben viel abgekriegt.“
Florian Scheuba, Kabarettist:An die anfänglich „völlige Überforderung“ mit den ersten Informationen aus den Nachrichten kann er sich erinnern. „Wenn da tatsächlich ein AKW explodiert ist, wieso steht dann die Welt noch?“, waren Gedanken, die dem Kabarettisten durch den Kopf gingen. Die teilweise skurrilen Anweisungen der Behörden hätten alles noch verwirrender gemacht: „Man fragte sich, ist die Gefahr real, oder sind da Verschwörungstheoretiker am Werk?“
Rudi Anschober, Grüner:Welche Nachrichtensendung es war, das weiß Rudi Anschober heute nicht mehr. An das unbestimmte Grummeln im Bauch aber kann er sich genau erinnern, damals als er erfuhr, dass die Radioaktivitäts-Messungen eines schwedischen AKW angeschlagen hatten. Erklären konnte der Student sich das damals überhaupt nicht. Am Tag darauf war klar, woher die radioaktive Wolke wehte, und der heutige Landesrat in Oberösterreich verfolgte mit wachsendem Ärger die „politische Hilflosigkeit“ der Verantwortlichen. Drei Wochen später war er bei seiner ersten Demo gegen Atomkraft.
Michael Landau, Caritas-Präsident:„Ich war damals 25 Jahre alt. Ich studierte zu diesem Zeitpunkt Biochemie und wie es der Zufall wollte, absolvierte ich gerade ein Praktikum in Seibersdorf, bei dem es um Fragen der Kernenergie und um Radioaktivität ging. Als die Katastrophe eintrat, wurde dieses Praktikum dann abgebrochen. Der Grund: Unsere Professoren wurden gebraucht. Die Erkenntnis heute: Kernkraft birgt immer auch ein nicht beherrschbares Risiko in sich.“
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