Sarrazin: "Reiche sollen sich schuldig fühlen "

In seinem dritten Buch zieht der Bestseller-Autor gegen den Tugendterror in die Schlacht.

Der Provokateur vom Dienst ist wieder da. Der neue Feind von Thilo Sarrazin sind die Medien. In seinem dritten Werk "Der neue Tugendterror – über die Grenzen der Meinungsfreiheit" wettert der Bestsellerautor gegen eine meinungsprägende "Medienklasse", der eine geistig unsichere Politikerklasse fast widerstandslos folgt. Die Folge seien Gleichmacherei und Tugendterror. Sarrazin analysiert 14 Axiome dieser Entwicklung. Das Interview über Denkverbote und die Grenzen des Sagbaren:

KURIER: Herr Sarrazin, welche Meinung durften Sie denn in den letzten Jahren nicht sagen?

Thilo Sarrazin: Es gibt in jeder Gesellschaft Grenzen des Sagbaren. Wer dagegen verstößt, muss mit Sanktionen rechnen. Ohne das könnte eine freie Gesellschaft auch nicht funktionieren. Diese Grenzen sind mal enger und mal weiter, und sie ändern auch ihre Inhalte. Aber die Frage ist: Wo sind die Grenzen angesiedelt? Das, was ich Tugendterror nenne, beginnt dann, wenn man die Grenzen des Sagbaren übermäßig einschränkt und all jene, die unangenehme Frage stellen, gerne beschämt, falsch wiedergibt und sanktioniert. Wir müssen zwischen der Atmosphäre des Tugendterrors und den Grenzen der Meinungsfreiheit, wie sie durch die Verfassung gegeben sind, unterscheiden.

Und diese Art von Tugendterror haben Sie in den letzten Jahren wegen Ihrer provokanten Thesen erlebt ...

Bei den Reaktionen der Medien auf "Deutschland schafft sich ab" wurde mir die Bedeutung einer manipulativen und verfälschenden Berichterstattung bewusst. Auslöser der Wut in den Medien waren nicht die von mir erwähnten Fakten und Statistiken, sondern meine Fragestellungen. Diese verstießen gegen ein ideologisch geprägtes Gleichheitsgebot, das die Medien beherrscht. Derjenige, der Fragen stellt und Antworten gibt, die dazu nicht passen, darf moralisch angezweifelt werden, falsch wiedergegeben werden, verleumdet werden usw. Alles scheint erlaubt, um ein unpassendes Weltbild zu diffamieren. Der Gleichheitswahn möchte z. B. angeborene Unterschiede in den menschlichen Begabungen oder die Bedeutung von kulturellen und religiösen Unterschieden für Bildungsleistung und Lebenserfolg am liebsten ganz leugnen. Fast gar nichts liegt am Menschen selber, fast alles an den Umständen und sozialen Ungerechtigkeiten. Unterschiede zwischen Männern und Frauen, zwischen klugen und dummen Menschen, zwischen Fleißigen und Faulen, werden geleugnet, oder sie sollen keine Bedeutung haben. Zur Gleichheitsideologie dominiert in den Medien ein relativ geschlossenes Weltbild, an dem nicht gerüttelt werden darf.

Das heißt, Sie behaupten: Gleichheit ist schlecht und Ungleichheit ist besser?

Nein, das sage ich nicht. Ich setze mich sehr differenziert mit dem Gleichgewicht von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit auseinander. Freiheit und Gleichheit sind ein Stück weit gegensätzlich. Je mehr Gleichheit der Staat verwirklichen will, desto weniger Freiheit gibt es. Je mehr Freiheit es gibt, desto mehr hat man auch Ungleichheit, weil die Menschen unterschiedlich sind. Und das Ganze muss man vereinbaren mit einem angemessenen Maß an Gerechtigkeit. Wer aber Gerechtigkeit und Gleichheit gleichsetzt, endet leicht bei der Unfreiheit.

Sie schreiben in Ihrem Buch "Die Dekadenz der Sprache führt zu Dekadenz des Denkens, Einschränkungen der Meinungsfreiheit laufen auf Einschränkungen des zulässigen Denkens – also auf Denkverbote – hinaus." Wo gibt es denn solche Denkverbote?

Vom Tugendwahn formulierte Sprachgebote sind tatsächlich Denkgebote, die eine unerwünschte Sichtweise tabuisieren sollen, insoweit sind es immer auch Denkverbote. Viele Themen etwa wie die Währungsunion oder die Einwanderung werden dadurch viel zu eng diskutiert und nicht das ganze Spektrum beachtet. Aber wenn man sich zu sehr einengt, gehen gewisse Fragestellungen verloren und damit auch wichtige Antworten.

Welches Denkverbot sehen Sie beim Euro?

Der Euro kommt aus dem Versuch Deutschlands, sich als Nation aufzugeben und einzubringen in ein größeres Ganzes jenseits des Nationalstaates. Das geben ja Wolfgang Schäuble und Helmut Kohl auch ganz klar zu. Die Schweizer sehen das anders, die Franzosen auch, die Polen sowieso. Das ist also eine unhistorische Bemühung. Aber bei uns heißt der Obersatz: Der Euro ist etwas Wunderbares! Alles Nationale geht weg, das Europäische wird überhöht und moralisiert. Angela Merkel bringt das auf den Punkt: "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa." Das kann und soll man gedanklich verlängern: Scheitert Europa, dann scheitert der Frieden. Dann haben wir wieder Krieg. Also: Wer gegen den Euro ist, möchte mindestens zurück in das Zeitalter der Nationalstaaten, die sich waffenklirrend gegenüber standen. Wenn nicht gar zurück in die Zeit, als man von einer militärischen Vormachtstellung Deutschlands träumte. Vielleicht will man so die eigentliche Sachfrage vermeiden: Ist diese Gemeinschaftswährung richtig konstruiert, und kann die Rettungspolitik überhaupt funktionieren?

Apropos: Moral. In Ihrem Buch gehen Sie auch der These auf den Grund "Wer reich ist, sollte sich schuldig fühlen". Ist das tatsächlich so?

Die 14 Axiome sind zugespitzt, aber es steckt natürlich eine Kernwahrheit darin. Und die schaut in diesem Fall so aus: Wer heute reich ist, wird tendenziell mit Neid und Misstrauen betrachtet.

Herrscht das Misstrauen nicht zu Recht? Als kleiner Steuerzahler versteht man nicht, warum Reiche wie Uli Hoeneß noch Steuern hinterziehen müssen...

Reichtum macht einen Menschen nicht schlechter und schuldiger als andere, macht ihn aber auch nicht besser. Aber in der Art, wie in den Medien Reichtum und wie die Verfehlungen der Reichen behandelt werden – daran sieht man das Vorurteil. Das ist auch eine Kultur des Neides. Wer gegen Ungleichheit ist, ist es ja oft nicht aus moralischen Gründen, sondern weil er Neid verspürt.

Wurde der Neid gegenüber Reichtum in den letzten Jahren nicht durch die exorbitanten Boni-Zahlungen der Bankmanager geschürt?

Das ist doch gar zu simpel. Bei den Banken sind nicht die Boni der Manager des Problem, sondern die Haftung durch den Staat. Wo die Eigentümer, also die Aktionäre haften, können sie natürlich ihre Manager bezahlen, wie sie wollen. Im Durchschnitt der großen deutschen Aktiengesellschaften machen die Vorstandsgehälter zwei Prozent der Dividenden aus. Wer das Privateigentum an den Unternehmen akzeptiert, sollte sich nicht darüber aufregen, dass die Eigentümer ihre Manager so bezahlen, wie Sie es für richtig halten.

Sie behaupten, auch der Leistungswettbewerb bleibt auf der Strecke. Aber ist es nicht unbestritten, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben?

Ich zeige , dass zum Gleichheitswahn auch Vorurteile gegen die sogenannten Sekundärtugenden wie Fleiß, Tüchtigkeit und andere bürgerliche Tugenden gehören, weil diese die Ungleichheit verstärken können. Denn umso fleißiger, tüchtiger und pünktlicher einer ist, umso ungleicher wird er am Ende sein, weil er gegenüber den anderen Vorteile gewinnt. So wird den Deutschen vorgeworfen, sie sind zu tüchtig, zu fleißig und sie arbeiten zu lange und verderben damit den anderen in der EU die Preise.

Der ARD hat Ihren Auftritt bei "Menschen bei Maischberger" abgesagt. Fühlen Sie sich mit Ihrem Buch nun bestätigt?

Natürlich gefällt es den Medien nicht, dass sie nun kritisiert werden. Die Absagen für den Auftritt bei "Menschen bei Maischberger" in der ARD und für ein Interview mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg kamen drei Tage vor Erscheinen des Buches nahezu zeitgleich und erfolgten jeweils auf Weisung der Programmdirektion.

Der nächste Sarrazin-Aufreger

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© Bild: DVA Verlag
Wieder Nummer 1. Der Weg an die Spitze der Bestseller-Listen hat nicht lange gedauert. Bei Amazon ist "Der neue Tugendterror – über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland" (DVA-Verlag, um 22,90 Euro) schon auf Platz 1. In seinem dritten Werk will Thilo Sarrazin mit der Diktatur der medialen Denkverbote aufräumen.

Sarrazin stellt in seinem Buch 14 Axiome des Tugendwahns, die von der Familie über den Euro bis zum Islam reichen, der Wirklichkeit gegenüber.

( Kurier ) Erstellt am 09.03.2014