Chronik | Welt
05.06.2017

Strafprozess gegen Bill Cosby beginnt

Der Prozess gegen den Star-Entertainer beginnt am Montag in Pennsylvania.

In der Rolle als liebenswürdiger Arzt und gutmütiger Familienvater war Bill Cosby in seiner "Cosby Show" einer der populärsten TV-Stars der USA. Doch diese Zeiten erscheinen ewig her. Heute, Montag, wird dem 79-Jährigen der Prozess wegen sexuellen Missbrauchs gemacht. Rund 60 Frauen haben die Fernsehlegende im Verlauf der vergangenen Jahre beschuldigt, sich an ihnen vergangen zu haben. Das Verfahren wird voraussichtlich zwei Wochen dauern. Bei einer Verurteilung drohen dem 79 Jahre alten Schauspieler mehrere Jahre Gefängnis.

Viele der Geschichten der Frauen ähneln sich auf eklatante Weise: Cosby habe sie mit Beruhigungsmitteln und Alkohol betäubt, so dass sie ihm willenlos ausgeliefert waren. Die Fälle reichen bis in die 60er-Jahre zurück, die meisten sind daher bereits verjährt. Der Prozess in Norristown im Bundesstaat Pennsylvania konzentriert sich ohnehin auf einen einzigen Fall aus dem Jahr 2004. Der Richter hat zudem nur eine einzige weitere Frau, die Missbrauchsvorwürfe gegen den Schauspieler erhebt, als Zeugin zugelassen - eine schwere Niederlage für die Anklage, die 13 Frauen in den Zeugenstand rufen lassen wollte.

Cosby selbst hat angekündigt, nicht auszusagen. Insgesamt werfen ihm mindestens 60 Frauen sexuellen Missbrauch vor - die Vorwürfe sind aber nicht Gegenstand dieses Verfahrens.

Die Vorwürfe und die Beweislage

Die Staatsanwaltschaft wirft Cosby dreifache schwere sexuelle Nötigung vor. Drei Vorwürfe des sogenannten "aggravated indecent assault" liegen vor, weil Cosby dabei (1) Beruhigungsmittel benutzt haben soll, Constand (2) bewusstlos gewesen sein soll und der sexuelle Kontakt (3) ohne ihr Einverständnis stattgefunden haben soll.

Laut Washington Post droht für jeden dieser Vorwürfe eine Höchststrafe von 20 Jahren Gefängnis. Angesichts von Cosbys hohem Alter von 79 Jahren und der Tatsache, dass der Fall 13 Jahre zurückliegt und fast verjährt ist, könnte das Gericht bei einer Verurteilung aber auch eine deutlich geringere Haftstrafe verhängen.

Gegen Cosby sprechen seine Aussagen aus einem Zivilprozess im selben Fall, bei dem sich beide Seiten 2006 außergerichtlich einigten. Cosby gab damals zu, ein kräftiges Beruhigungsmittel besorgt zu haben, um es Frauen zu verabreichen, mit denen er Sex haben wollte. Er beschrieb im Detail auch den seiner Aussage zufolge einvernehmlichen sexuellen Kontakt mit Constand und erklärte, ihr zuvor ein Allergie-Medikament in Form von Pillen verabreicht zu haben.

Für Cosby spricht im Prozess die Tatsache, dass Constands Vorwürfe sich vermutlich nicht mit Spuren untermauern lassen und sie sich nach dem geschilderten Vorfall auch nicht von einem Arzt untersuchen ließ. Die Polizei kontaktierte sie erst ein Jahr später und machte gegenüber Ermittlern teils widersprüchliche Angaben.

Aufstieg und Fall eines Entertainers

Er schnitt Grimassen, verstellte seine Stimme, blödelte sich durch seine Sitcom-Familie. Doch vom Humor, mit dem Bill Cosby einst viel Geld verdiente, scheint heute wenig übrig. Sein Strafprozess im Alter von fast 80 Jahren markiert das vorläufige Ende einer Star-Karriere.

79 Jahre ist Cosby alt, Mitte Juli feiert er seinen 80. Geburtstag. Altersflecken zeichnen sein Gesicht, zu Gerichtsanhörungen kommt er mit Gehstock und schiebt sich dann etwas schwerfällig zum Eingang. Er hakt sich bei Verteidigern unter, tapst hinterher. Ende April hatte er in einem Interview erklärt, seit etwa zwei Jahren blind zu sein - eines Morgens sei er aufgewacht und habe nicht mehr sehen können. Den Gang zum Sessel auf der Bühne müsse er Stunden vor einer Show mit Hilfe einer am Boden markierten Linie üben.

Altersschwach oder nicht, Cosby muss sich den Vorwürfen stellen. Zumindest denen der früheren Angestellten der Temple University in Philadelphia, Andrea Constand. In dem am 5. Juni beginnenden, ersten Strafprozess gegen den früheren Star aus "Die Bill Cosby Show" lautet der Vorwurf, Cosby habe ihr im Jänner 2004 Tabletten verabreicht und sie in seinem Haus sexuell belästigt. Bei einer Verurteilung drohen mehrere Jahre Gefängnis, auf freiem Fuß ist Cosby derzeit nur dank einer Kaution von einer Million Dollar (894.000 Euro).

Durchbruch mit Krimi-Serie

Erste Gehversuche als Entertainer machte William Henry Cosby in den 1960er-Jahren in einem Nachtclub in New York, bald folgten Engagements in Spielfilmen und TV-Serien. Der Durchbruch kam, als er mit der Krimi-Serie "Tennisschläger und Kanonen" als erster schwarzer Schauspieler einen Emmy gewann. Die nach ihm selbst benannte Show in den Jahren von 1984 bis 1992 mit mehr 200 Folgen brachte ihm Millionen ein, auch an den Wiederholungen verdiente er kräftig.

Vor allem aber führte Cosby den Alltag der Afroamerikaner in das von weißen Darstellern dominierte TV-Universum ein. "Unnachgiebig brachte Mister Cosby im Alleingang eine neue Bewusstseinsebene in die Hauptsendezeit", schrieb die "New York Times" zu der im Jahr 1992 ausgestrahlten letzten Folge. Für die "Los Angeles Times" war die Show eine "Darstellung herzerwärmender familiärer Beständigkeit".

Wo ist er hin, dieser Vorzeigevater, der Grimassen-Schneider mit den ulkigen Stimmen, der Lieblings-Quatschkopf im Abendprogramm von Millionen Amerikanern? Für Fans aus Cosbys besten Tagen sind seine Auftritte am Gericht das traurige Ende eines in Ungnade gefallenen Alleinunterhalters in der Fernseh-Nation USA. Seine von den Vorwürfen erstickte Show, mit der er seiner Laufbahn als Comedian noch einmal etwas Leben einhauchen wollte, hieß ausgerechnet "Far From Finished" - noch lange nicht fertig.

Mindestens 60 Frauen haben Cosby nach einer Zählung der Washington Post sexuelle Belästigung, Missbrauch oder Vergewaltigung vorgeworfen. Weil die meisten Fälle verjährt sind, bleibt ihnen heute nur der Gang zum Zivilgericht: Mindestens sieben Zivilklagen wegen Verleumdung, sexueller Nötigung oder sexueller Belästigung haben 13 Frauen der Zeitung zufolge in drei Bundesstaaten gegen ihn angestrengt. Für sie wäre eine Verurteilung Cosbys ein spätes Machtwort der Justiz in einem Land, in dem Vergewaltigungen, vor allem an Colleges und Universitäten, zu oft übersehen, hingenommen oder nicht strafrechtlich verfolgt werden.

Familie hält sich bedeckt

Man kann nur vermuten, ob die Skandal-Schlagzeilen und der Alltag an der Seite von Anwälten und auch innerhalb der Familie Cosby Spuren hinterlassen haben. Cosbys Frau Camille scheint sich öffentlich so bedeckt wie nur möglich zu halten. Vier Töchter im Alter von 40 bis 52 Jahren haben die beiden, der einzige Sohn wurde im Alter von 27 Jahren in Los Angeles auf der Straße ausgeraubt und erschossen.

Evan, die jüngste Tochter, hält jedenfalls zu ihrem Vater, der einst der gefühlte Zweit-Vater so vieler TV-Zuschauer war: "Er liebt und respektiert Frauen. Er begeht weder Missbrauch, noch ist er gewalttätig oder ein Vergewaltiger", schreibt Evan Cosby beim Verband afroamerikanischer Zeitungsverleger NNPA. "Sicher, wie viele Berühmtheiten, die sich von Gelegenheiten in Versuchung bringen ließen, hatte er seine Affären, aber das war zwischen ihm und meiner Mutter. Sie haben es verarbeitet und sind darüber hinweg, und ich bin froh, dass sie es für sich und unsere Familie getan haben."