Chronik | Welt
02.06.2017

Smolensk-Katastrophe: Fremde Leichenteile in Kaczynski-Grab

In Lech Kaczynskis Sarg wurden Teile von zwei anderen Leichnamen entdeckt. Neun der 96 Toten wurden am Unglücksort komplett vertauscht. PiS-Mitglieder werfen damaliger Regierung von Tusk Nachlässigkeit bei den Ermittlungen vor.

Nach dem Fund fremder Leichenteile im Grab des verunglückten polnischen Präsidenten Lech Kaczynski ist der politische Streit um die Flugzeugkatastrophe von Smolensk neu entbrannt. Die Fehler bei der Identifizierung der Absturzopfer seien ein Skandal, sagte die Sprecherin der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS), Beata Mazurek, am Freitag nach Angaben der Agentur PAP.

Sie machte die Vorgängerregierung dafür verantwortlich. Warschauer Behörden zufolge wurden im Grab Kaczynskis, des Bruders von PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski, sterbliche Überreste von zwei weiteren Menschen entdeckt. Darüber hatte zunächst die "Märkische Oderzeitung" (MOZ) berichtet.

Beim Absturz des Regierungsfliegers am 10. April 2010 im russischen Smolensk starben neben dem polnischen Präsidentenpaar 94 weitere Menschen. Seit Jahren werfen PiS-Mitglieder der damaligen Regierung von Donald Tusk Nachlässigkeit bei den Ermittlungen vor. Seit ihrem Regierungsantritt 2015 lassen die Nationalkonservativen, die hinter dem Absturz einen Anschlag vermuten, den Fall neu ermitteln und alle Opfer exhumieren.

Bisher wurden 24 Särge geöffnet - das Ergebnis ist laut der Warschauer Generalstaatsanwaltschaft erschütternd, wie CNN und "Guardian" berichten. In Lech Kaczynskis Sarg wurden Teile von zwei anderen Leichnamen entdeckt. Neun der 96 Toten wurden am Unglücksort komplett vertauscht.

Laut dem stellvertretendem Generalstaatsanwalt Marek Pasionek wurden weitere Tote fehlerhaft identifiziert. In einem Sarg seien sogar Überreste von sieben anderen Menschen gewesen. Regierungskritiker unterstellen der PiS wiederum, die Katastrophe zur Diskreditierung ihrer Vorgänger zu nutzen. Die Opposition warf der Staatsanwaltschaft nun vor, selektiv und zum Vorteil der Regierenden zu informieren. Die Behörden hätten weder Angaben dazu gemacht, wer für die Fehler verantwortlich sei, noch Erkenntnisse zur Anschlagstheorie geliefert.

"Im besten Fall schlampig, im schlechtesten Fall böswillig"

Magdalena Merta, die Witwe eines bei dem Unglück ums Leben gekommenen Ministerialbeamten, sagte gegenüber der staatlichen polnischen Nachrichtenagentur PAP, der Umgang Russlands mit den Leichen sei „im besten Fall schlampig, im schlechtesten Fall böswillig“ gewesen. Die Ergebnisse der Exhumierungen könnten die angesichts der Ukraine-Krise ohnehin sehr angespannte Beziehung zwischen Polen und Russland nun zusätzlich belasten.