Sinai-Crash: Flugschreiber zeichnete Explosion auf

Was vom ägyptischen Tourismus blieb. © Bild: AP/Russian Emergency Situations Ministry

Vieles deutet auf einen Terroranschlag hin. Dies bestätigten laut einem Medienbericht anonyme Ermittler.

Hat der Kreml jetzt dieselben Geheimdienstakten gelesen wie London und Washington?“, fragte ein britischer Journalist am Freitag via Twitter. Sein zynischer Kommentar folgte auf die Nachricht aus Moskau: Auf Vorschlag des Inlandsgeheimdienstes hat Präsident Putin angeordnet, alle Flüge nach Ägypten einzustellen. Das klingt nach einem Eingeständnis, dass Flug 9268 doch einem Terroranschlag zum Opfer gefallen ist. Zudem hat ein ägyptischer Regierungsvertreter gegenüber ABC eine Bombe als „plausibelstes Szenario“ bezeichnet.

Die Auswertung der Flugschreibers des in Ägypten abgestürzten Ferienfliegers stützt nach französischen Medienberichten diese These. Während des Flugs sei klar ein Explosionsgeräusch zu hören, berichtete der Fernsehsender France 2 am Freitag online unter Verweis auf einen Ermittler. Dieser habe erklärt, die Explosion sei nicht die Folge einer Triebwerkspanne.

Wenige Stunden zuvor hatte sich Moskau noch verschnupft gegenüber London gezeigt, das seit Donnerstag von einem möglichen Bombenattentat spricht. Doch voreilige Schlüsse auf einen Vergeltungsschlag auf den russischen Airbus wegen Moskaus Einsatz in Syrien will die Regierung in Moskau auf keinen Fall ziehen. Die Operation zur Unterstützung Assads hat in Russland nicht nur Befürworter. Doch nun ordnete Putin den Heimtransport russischer Urlauber aus Sharm el Sheik an. Briten und Amerikaner fühlen sich bestätigt.

Nach den Russen (45.000) sind die Briten (20.000) die zweitgrößte Urlaubergruppe in Sharm el Sheik. Zu Tausenden hätten sie von 29 Flugzeugen zurück in die Heimat geflogen werden sollen. Nur mit Handgepäck, die Koffer würden aus Sicherheitsgründen nachgeschickt. Doch dann die Hiobsbotschaft für die Gestrandeten: Die meisten britischen Flüge wurden gestrichen. Nur acht der geplanten Maschinen sollten am Freitag Sharm el Sheik verlassen. Grund soll die mangelnde Kapazität des Flughafens für das zurückgelassene Gepäck gewesen sein. Doch die Wogen gingen hoch. Britische Medien vermuteten einen diplomatischen Hintergrund: Ägypten „bestrafe“ Großbritannien wegen dessen Vermutung, eine Bombe im Frachtraum sei Schuld am Absturz des Metrojet Flugs 9268, bei dem alle 224 Insassen ums Leben kamen. Kairo dementierte. Laut BBC hat die britische Regierung Hinweise auf eine Bombe im Flugzeug. Die Informationen stammen von abgehörten Gesprächen von Dschihadisten.

„IS hat gewonnen“

Die Dschihadisten der örtlichen IS-Zweigstelle, „Ansar Bait al-Maqdis“, versuchen jedenfalls – zu Recht oder nicht – sich den größten Terroranschlag außerhalb eines Krisengebiets seit 9/11 auf die Fahnen zu heften, um im internationalen Wettstreit der Islamisten Aufwind zu bekommen. Und geht es nach Shadi Hamid, US-Autor und Islamismus-Experte, hat die IS-Filiale bereits gewonnen. „Es glauben bereits genug Menschen, dass es der IS gewesen sein könnte. Die Wahrheit spielt keine Rolle mehr – es ist ein Propagandakrieg“, sagte er der New York Times.

Für Tourismus fatal

Bis zu dem Flugzeugabsturz vor einer Woche galt Sharm el Sheik neben den Destinationen am Golf von Suez als relativ sicheres Reisegebiet – auch wenn Wien schon länger ein erhöhtes Sicherheitsrisiko angibt. Für den ägyptischen Tourismus sind der Absturz und der Verdacht auf einen Terroranschlag fatal. Bereits in den Wirren nach dem „Arabischen Frühling“ musste der für den Staat so wichtige Wirtschaftszweig starke Einbußen verkraften. Von 14,7 Millionen Touristen im Jahr 2010 blieben nur 9,9 im Vorjahr. Aus gut elf Milliarden Euro Einnahmen wurden vier Jahre später sieben.

USA fordern schärfere Kontrollen an ausländischen Flughäfen

Betroffen seien einige Flughäfen mit direkten Verbindungen in die USA, berichtete der Sender ABC am Donnerstag (Ortszeit).

Das Heimatschutzministerium erwäge auch, die Gepäckkontrollen an US-Flughäfen zu verschärfen, meldete der Sender unter Berufung auf Luftfahrt- und Regierungsvertreter weiter. In einem Interview hatte US-Präsident Barack Obama am Donnerstag einen Bombenanschlag als mögliche Ursache für den Absturz des russischen Passagierflugzeugs auf der Sinai-Halbinsel bezeichnet. "Ich denke, es gibt eine Möglichkeit, dass eine Bombe an Bord war. Und wir nehmen das sehr ernst", sagte Obama in einen Rundfunkinterview.

Auch die britische Regierung sieht es als zunehmend wahrscheinlich an, dass der A321 einer russischen Fluglinie durch eine Bombe zerstört wurde, wie Regierungsvertreter sagten. Russland und Ägypten sprachen dagegen von Spekulationen. Vertreter der Sicherheitsbehörden in den USA hatten zudem erklärt, eine Urheberschaft der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) sei wahrscheinlich. Eine mit dem IS verbündete Islamistengruppe hatte sich zu dem Anschlag bekannt, bei dem am Samstag kurz nach dem Start vom Flughafen der Rotmeer-Stadt Sharm el-Sheikh alle 224 Menschen an Bord starben.

( kurier.at ) Erstellt am 06.11.2015