Chronik | Welt
18.01.2012

Schweres Kreuzfahrt-Unglück vor Italien

Vor der Toskana lief ein Kreuzfahrt-Schiff in der Nacht auf Grund, mindestens drei Menschen starben. Der Kapitän wurde verhaftet.

Es hätte eine Traumreise durchs Mittelmeer werden sollen, als das luxuriöse Kreuzfahrtschiff Costa Concordia am frühen Freitagabend im italienischen Hafen von Civitavecchia aufbrach. Knapp drei Stunden später verwandelte sich der 290 Meter lange Luxusdampfer der italienischen Gesellschaft Costa Crociere mit 4229 Personen an Bord, darunter auch 77 Österreicher, in einen Ort des Albtraums.

Bei dem Schiffsunglück vor der Insel Giglio, einem kleinen Eiland südlich der Insel Elba, sind nach letzten Angaben drei Menschen – zwei französische Touristen und ein peruanischer Matrose – ums Leben gekommen, 14 wurden verletzt, zwei davon schwer. 43 Personen galten am Samstagabend noch als vermisst – ein Paar aus Südkorea konnte in der Nacht auf Sonntag lebend aus einem der unteren Decks des Schiffs gerettet werden.

Patrizia Perilli saß gerade in eleganter Abendrobe beim Galadiner, als plötzlich ein lauter Knall für Aufregung sorgte. „Als auch noch der Strom ausfiel, brach Panik aus“, erzählte die Journalistin.Das Schiff bekam rasch Schlagseite, in weiterer Folge spielten sich dramatische Szenen ab: „Mütter suchten in der Dunkelheit nach ihren Kindern, andere riefen verzweifelt nach ihren Angehörigen, denn es war allen Passagieren schnell klar: Das Schiff sinkt.“

„Viele weinten und schrien, es war die Hölle“, berichtete Perilli. „Menschen stolperten zu Boden, Vasen, Teller und Gläser fielen von den Tischen, während sich das Schiff immer stärker zur Seite neigte. Es war wie im Film Titanic, es war unglaublich“, schilderte eine weitere Augenzeugin die grauenhaften Momente. In Panik sprangen Passagiere ins eiskalte Tyrrhenische Meer, um zur nahe gelegenen Insel Giglio zu schwimmen. Dabei erlitt ein 70-jähriger Mann einen Herzinfarkt und starb. Die Küstenwache rettete 150 Menschen aus dem Wasser.

Das zehnstöckige Riesenschiff fuhr angeblich viel zu nahe am Ufer, als es einen Felsen rammte, der den Rumpf auf einer Länge von über 70 Metern aufschlitzte. Laut Experten ist ein menschlicher Fehler oder ein defektes elektronisches System Ursache des Unglücks.

Kapitän Francesco Schettino, 52, und sein Erster Offizier wurden nach mehrstündigen Verhören in Haft genommen. Ihnen wird vorgeworfen, die Havarie fahrlässig herbeigeführt und außerdem die Costa Concordia verlassen zu haben, bevor alle Passagiere gerettet waren. Schettino, der das Schiff selbst steuerte, widersprach dieser Darstellung und sagte, auf seiner Seekarte sei der Felsen nicht verzeichnet gewesen. Die Staatsanwaltschaft Grosseto ermittelt.

Das mittlerweile fast gesunkene Schiff mit seinen 1000 Crewmitgliedern galt als „ein Gigant der Meere“: Es sollte auf seiner Tour in den kommenden Tagen in Marseille, Barcelona, Palma di Mallorca, Cagliari, Palermo einlaufen.

Augenzeugen waren empört über die langsamen und chaotischen Rettungsmaßnahmen der Besatzung: „Das Personal war komplett unvorbereitet für einen derartigen Notfall.“ Nachdem erst eine Stunde nach dem Unfall die Notfallsirene ertönte, wurde viel zu spät mit der Evakuierung begonnen. „Als das Schiff bereits sank, hat sogar noch jemand vom Bordpersonal gemeint, wir sollten in unsere Kabinen gehen. Zum Glück sind wir ins Freie und Richtung Rettungsboote gerannt“, erzählt ein Passagier. „Die Menschen führten sich auf wie die Tiere“, schilderten andere: „Sie versuchten, sich gegenseitig die Schwimmwesten zu stehlen.“