Chronik | Welt
03.07.2017

18 Tote bei Busunglück in Bayern: "Tut uns leid"

Nach einem Aufahrunfall auf der Autobahn brannte ein Reisebus vollständig aus. Alle 18 Leichen wurden mittlerweile geborgen. Busunternehmer: "Es tut uns sehr sehr leid."

Bei einem schweren Busunglück auf der Autobahn 9 in Nordbayern sind 18 Menschen ums Leben gekommen. 30 der 48 Menschen im Reisebus seien bei dem Unglück verletzt worden - einige von ihnen schwer, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Montag mit. Zwei der Verletzten waren in den Stunden danach in Lebensgefahr.

Kurz nach 7.00 Uhr war das Fahrzeug nahe Münchberg im Landkreis Hof bei sich stauendem Verkehr auf einen Sattelzug geprallt. Der Bus fing sofort Feuer und stand rasch "lichterloh in Flammen", wie ein Feuerwehrsprecher sagte. Vom Fahrzeug blieb nur ein verkohltes Wrack übrig.

Zuvor saßen darin 46 Fahrgäste und zwei Chauffeure im Alter von 41 bis 81 Jahren. Einer der Busfahrer kam ums Leben, der andere wurde verletzt. Auch der Anhänger des beteiligten Sattelzugs geriet in Brand. Der Lkw-Fahrer erlitt einen Schock.

Am Nachmittag waren alle Leichen aus dem Unglücksfahrzeug geborgen. Wie das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Hof mitteilten, handelt es sich bei den Toten um Frauen und Männer im Alter von 66 bis 81 Jahren. Spezialisten der Rechtsmedizin und des deutschen Bundeskriminalamtes sollen nun die Identifizierung übernehmen.

Ziel Gardasee

Der verunglückte Reisebus gehörte einem Unternehmen aus Sachsen und war in Richtung Gardasee in Italien unterwegs. Das Fahrzeug sei drei Jahre alt gewesen und zuletzt im April ohne Beanstandungen vom TÜV geprüft worden, teilten der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (bdo) und der Landesverband des Sächsischen Verkehrsgewerbes (LSV) am Montag mit.

Er sei vorschriftsmäßig mit zwei Fahrern unterwegs gewesen. Der Kollege, der zum Zeitpunkt des Aufpralls am Steuer saß und umkam, war demnach seit mehr als zehn Jahren bei dem Unternehmen beschäftigt und 2013 für langjähriges unfallfreies und sicheres Fahren ausgezeichnet worden. Er hatte zuletzt im November 2016 ein Fahrsicherheitstraining gemacht.

Laut einer Mitteilung des Landrats von Bautzen, Michael Harig, handelt es sich um einen Bus aus der Oberlausitz, nach dpa-Informationen gehörte er einem Busunternehmen in Löbau. Der Inhaber bestätigte der Sächsischen Zeitung, dass der Bus in der Nacht zum Montag um 0.30 Uhr dort losgefahren ist. Er habe in Weißwasser, Senftenberg (Brandenberg) und Dresden Fahrgäste aufgenommen.

Neben einigen Senioren aus Sachsen waren laut dem sächsischen Innenstaatssekretär Michael Wilhelm (CDU) auch Reisende aus anderen deutschen Bundesländern dabei. Laut brandenburgischem Innenministerium gehörten dazu mindestens vier Brandenburger. Die sächsischen Fahrgäste kamen aus der Oberlausitz und dem Großraum Dresden.

Keine Hilfe mehr möglich

"Was wir gesehen haben, ist erschreckend, wie man es sich kaum vorstellen kann", sagte der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) an der Unglücksstelle an der Autobahn A9 bei Münchberg. Die Rettungskräfte seien nur zehn Minuten nach der Alarmierung am Unfallort gewesen. Doch aufgrund der großen Hitze hätten sie nichts mehr tun können. Dobrindt sagte, es sei noch völlig unklar, wieso der Bus so schnell völlig ausbrennen konnte.

Diese Situation - nicht mehr helfen zu können - sei für die Feuerwehrleute extrem hart gewesen, so Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Dabei sei es eigentlich nur ein leichter Auffahrunfall gewesen. Warum sich dann so schnell ein so heftiges Feuer mit solch dramatischen Folgen entwickelt habe, müsse untersucht werden. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) versprach eine schnelle Aufklärung der Unfallursache. Etwa 100 Polizisten und mehr als 150 Rettungskräfte sowie fünf Hubschrauber waren an dem Einsatz beteiligt.

Die Unfallstelle wurde weiträumig abgesperrt. Etwa 100 Polizisten und mehr als 150 Rettungskräfte sowie fünf Hubschrauber waren an dem Einsatz beteiligt. Die A9 wurde im Bereich der Unfallstelle in beiden Fahrtrichtungen gesperrt, es entwickelten sich lange Staus.

Innenminister beklagt "unverantwortliche" Autofahrer

Innenminister Herrmann beklagte ein "völlig unverantwortliches Verhalten" mancher Autofahrer im Stau. Sie hätten es damit den Rettern erschwert, zur Unglücksstelle zu kommen, sagte Herrmann am Montag am Ort des Unglücks.

Nach einem Unfall sei "sofort eine Rettungsgasse zu bilden - und zwar so, dass ein Lkw durchkommen kann", sagte Herrmann. Er betonte, dass dennoch "so schnell wie irgendmöglich Hilfe geleistet" worden sei.

Eigentlich "leichter Auffahrunfall"

Zehn Minuten nach der Alarmierung seien die Rettungskräfte am Ort des Geschehens gewesen - doch da sei die Hitze des Feuers bereits so groß gewesen, dass kein Feuerwehrmann mehr an den Bus herantreten konnte. Herrmann sagte, diese Situation, nicht mehr helfen zu können, sei für die allesamt ehrenamtlichen Feuerwehrleute extrem hart gewesen.

Eigentlich sei es nur ein leichter Auffahrunfall gewesen. Warum sich der Brand so schnell und mit solch dramatischen Folgen entwickelt habe, müsse nun aufgeklärt werden.

Abgerissene Kraftstoffleitung als Ursache?

Ein Kraftfahrtexperte des Tüv Rheinland beschrieb eine abgerissene Kraftstoffleitung als mögliche Ursache. "Im Fall eines Unfalls kann es sein, dass eine Kraftstoffleitung abreißt und der Kraftstoff auf heiße Fahrzeugteile gelangt und das Ganze anfängt zu brennen", sagte Hans-Ulrich Sander in Köln. Der Tank befinde sich regelmäßig in der Mitte oder im hinteren Bereich und könne 400 bis 500 Liter Kraftstoff enthalten. "Wenn der Kraftstoff dann unter dem Bus herläuft und alles brennt, geht es rasend schnell."

Merkel zeigte sich bestürzt

Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie eine Reihe weiterer Politiker sprachen den Angehörigen ihr Mitgefühl aus. Merkel habe "mit großer Bestürzung" auf das Unglück reagiert, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Das Mitgefühl gelte den Opfern und ihren Angehörigen.

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker schrieb in einem Brief an Seehofer: "Die erschütternden Bilder des Busunglücks in Bayern haben mich zutiefst betroffen gemacht."

Busunternehmer

Nach dem tödlichen Busunfall auf der A9 in Nordbayern hat der Besitzer des Unglücksfahrzeugs sein Mitgefühl geäußert. "Die Gedanken sind natürlich bei denen, die im Krankenhaus liegen - und natürlich auch bei denen, die zu Hause warten auf eine Information.

"Was ist denn mit meinen Verwandten und Bekannten?"", sagte der Unternehmer Hartmut Reimann aus dem sächsischen Löbau am Montag im ARD-Brennpunkt, und: "Es tut uns sehr, sehr leid - aber ich kanns nicht mehr ändern."

Schon einmal hatte es auf der A9 nahe Münchberg ein schweres Unglück gegeben: Vor 27 Jahren kam es dort wegen dichten Nebels zu einer der schlimmsten Massenkarambolagen, die es je auf deutschen Straßen gegeben hat. Rund 100 Autos waren damals in den Unfall verwickelt - zehn Menschen starben, 122 wurden verletzt.

Experte: Löscheinrichtung hätte kaum geholfen

Eine automatische Löscheinrichtung hätte aus Expertensicht die Katastrophe kaum verhindern können. "Selbst eine moderne Löscheinrichtung im Bus löscht im Motorraum, im Zweifelsfall auch noch im Gepäckraum und auch noch in der Bustoilette, darf aber nicht im Innenraum löschen", so Johannes Hübner, Sicherheitsexperte vom RDA Internationalen Bustouristik Verband in Köln.

Die chemischen Löschmittel könnten Passagiere sonst beeinträchtigen. Montagfrüh war nahe Münchberg südwestlich von Hof ein Reisebus auf einen Sattelzug aufgefahren. Die Polizei ging nach ersten Erkenntnissen von 18 Toten durch das Unglück aus.

Im Armaturenbrett eines Busses sei die Elektrik des Fahrzeugs zusammengefasst sei, dort könnte es zu einem Kurzschluss gekommen sein, erläuterte Hübner. Auch wenn die Materialien in einem Bus feuerhemmend seien, breite sich der Brand schnell aus, wenn er nicht sofort gelöscht werde. "Die Beeinträchtigung ist nämlich vor allem der Rauch, der in den Innenraum dringt", sagte Hübner.

Wenn der Fahrer nicht mehr in der Lage war, die hintere Tür zu öffnen, könne das einer der Gäste gemacht haben. Meist würden aber Fenster eingeschlagen - doch tue man dies, ziehe der Rauch noch schneller durch den Bus. "Mit anderen Worten: Die Situation ist sehr schnell außer Kontrolle", sagte der Sicherheitsbeauftragte.

Generell seien die deutschen Busunternehmen vorbildlich bei der Einhaltung europaweit einheitlicher Sicherheitsstandards. Zwar seien Abstandswarner und Notbremsassistenten noch nicht in Serie eingebaut. Aber Busse müssten alle sechs Monate zu einer Zwischenuntersuchung und jährlich zum TÜV. Busfahrer könnten wegen auch technischer Kontrollsysteme keine Lenk- und Ruhezeiten mehr überschreiten. Zudem gebe es ein von der EU vorgeschriebenes Nachschulungsprogramm, wobei Fahrer alle fünf Jahre den Führerschein aktualisieren lassen müssen.