Oscar Pistorius und sein Onkel Arnold Pistorius nach der Urteilsverkündung

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Strafmaß-Verkündung
10/21/2014

Fahrlässige Tötung: Fünf Jahre Haft für Pistorius

Der südafrikanische Sprinter akzeptiere das Urteil, sagte sein Onkel vor Journalisten.

Es wäre ein trauriger Tag, wenn der Eindruck entstünde, dass es ein Gesetz für die Armen und eines für die Reichen und Berühmten gibt", mit diesen Worten erläuterte die südafrikanische Richterin Thokozile Masipa in Pretoria im Prozess gegen den Paralympics-Star Oscar Pistorius das Strafmaß: Pistorius wurde zu fünf Jahren Haft wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Zudem verurteilte Masipa den behinderten Sportler wegen eines anderen Falls zu drei Jahren Haft wegen rücksichtslosen Gebrauchs einer Waffe. Diese Strafe wurde auf fünf Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Pistorius hatte im Jänner 2013 in einem Restaurant einen Schuss abgegeben.

Die Findung des Strafausmaßes sei laut Masipa keine "einfache Sache" gewesen. Der Prothesen-Sprinter hatte seine Freundin Reeva Steenkamp in der Nacht zum Valentinstag 2013 erschossen und erklärt, sie mit einem Einbrecher verwechselt zu haben.

Fernsehstationen aus aller Welt übertrugen live aus dem Gericht. Der 27-jährige Pistorius folgte der mehr als einstündigen Verlesung mit ausdruckslosem Gesicht. Nach dem Urteilsspruch wischte er sich Tränen aus dem Gesicht. Er trug einen dunklen Anzug und - wie stets in dem mehr als siebenmonatigen Prozess - einer schwarzen Krawatte zum Zeichen der Trauer um seine Freundin.

Der Prothesen-Sprinter akzeptiere das Urteil, sagte sein Onkel Arnold Pistorius vor Reportern. "Oscar wird diese Möglichkeit nutzen, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben", meinte Pistorius' Onkel nach dem Richterspruch. Die Familie sei bereit, den Sportler zu unterstützen und anzuleiten.

Pistorius in Haft genommen

Nach seiner Verurteilung wurde Pistorius noch im Gerichtssaal in Haft genommen. Pistorius wurden Fingerabdrücke abgenommen. Dann bekam er Gelegenheit, sich von seiner Familie zu verabschieden. Seine Strafe soll er nach Mitteilung des Gerichts im Zentralgefängnis von Pretoria verbüßen. Die Haftstrafe für Pistorius könnte bei guter Führung bereits nach zehn Monaten in Hausarrest umgewandelt werden, erklärten südafrikanische Justizexperten.

Weder Verteidigung noch Staatsanwaltschaft kündigten zunächst Berufung an. Sie haben dafür bis zu zwei Wochen Zeit. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor zehn Jahre Haft für Pistorius gefordert. Ein Berufungsverfahren würde die Vollstreckung der Gefängnisstrafe bis zur Entscheidung durch das Oberste Gericht Südafrikas aussetzen.

Richterin sprach von grober Fahrlässigkeit

Die Richterin hat dem Angeklagten in ihren Erklärungen zu dem Urteil "grobe Fahrlässigkeit" vorgeworfen. Als der südafrikanische Paralympics-Star in der Valentinsnacht 2013 vier Schüsse auf eine geschlossene Toilettentür in seiner Villa abfeuerte, hätte er laut Richterin Thokozile Masipa wissen müssen, dass es für die Person dahinter kein Entkommen geben konnte. Mit der Einschätzung, dass Pistorius nicht einfach versehentlich, sondern auf grobe Weise fahrlässig handelte, schloss sich die Richterin der Auffassung der Staatsanwaltschaft an. Die Anklage hatte für Pistorius eine Strafe von mindestens zehn Jahren verlangt.

Die Verteidigung hatte zuvor darum gebeten, ihm das Gefängnis zu ersparen und nur Hausarrest zu verhängen. Sie hatte dabei auf die Behinderung des beidseitig beinamputierten Sportlers verwiesen. Masipa erklärte hingegen, auch Behinderte könnten eine Gefängnisstrafe absolvieren. Sie fügte hinzu, dass es schlecht für die Gerechtigkeit in Südafrika wäre, wenn der Eindruck entstünde, dass Reiche und Berühmte vor Gericht besser behandelt werden als Arme.

Auch das Interesse der Öffentlichkeit an einer angemessenen Strafe sei zu berücksichtigen gewesen, sagt Masipa. Die Entscheidung über das Strafmaß habe bei ihr gelegen und sei von ihr allein getroffen worden, fügte sie hinzu. Die Richterin führte zudem mehrere frühere Gerichtsverfahren und Urteile an, die von ihr zum Vergleich herangezogen worden seien.

Valentinstag 2013

Der Prothesen-Sprinter hatte das 29-jährige Model in der Nacht zum Valentinstag 2013 erschossen und erklärt, sie mit einem Einbrecher verwechselt zu haben. Richterin Masipa akzeptierte dies. Sie wies die Mordanklage gegen Pistorius am 12. September zurück und sprach ihn stattdessen lediglich der fahrlässigen Tötung schuldig.

Opfer-Familie mit Urteil zufrieden

Steenkamps Familie zeigte sich zufrieden mit dem Strafausmaß. Ihr Vater Barry betonte: "Wir haben das Gefühl, dies nun hinter uns lassen zu können." "Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan", kommentierte der Anwalt der Familie, Dup De Bruyn, die Entscheidung des Gerichts.

"Blade Runner"

Oscar Pistorius war einer der bekanntesten Sportler bei den Olympischen Spielen 2012 in London. Damals trat der "Blade Runner", wie er wegen seiner beiden Unterschenkelprothesen aus Karbonfaser genannt wurde, im Halbfinale des 400-Meter-Laufes gegen seine nicht behinderte Konkurrenz an.

Der Sprintstar ist nun für die gesamte Zeit seiner Haft von den Paralympics ausgeschlossen. Selbst wenn seine Strafe nach einiger Zeit in Hausarrest umgewandelt würde, bleibe Pistorius fünf Jahre lang gesperrt, sagte ein Sprecher des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) am Dienstag in Bonn. Die Paralympics in Rio de Janeiro in zwei Jahren würde Pistorius damit verpassen. Ein Start wäre nur dann im Bereich des Möglichen, wenn die Haftstrafe in einem Berufungsverfahren verkürzt würde. Pistorius hat bei drei Paralympischen Spielen Goldmedaillen gewonnen.

Die zweite schwarze Richterin Südafrikas

Eine Prominente war Thokozile Masipa in Südafrika schon, bevor der Dienstplan sie zur Richterin im Prozess gegen Oscar Pistorius bestimmte. Die 67-Jährige, die heftige Wortgefechte von Anklägern und Verteidigern souverän und gelassen in ruhigere Bahnen zu lenken versteht, hat schon mehrere Aufsehen erregende Prozesse geleitet.

Für Männer, die Frauen Gewalt antun, gibt es bei Masipa keine Gnade. Umso erstaunter, ja sogar erboster zeigten sich viele Südafrikaner über das milde Schuldurteil im Fall Pistorius: Dass der einstige Paralympics-Star seine Freundin erschossen hat, war aus der Sicht der Staatsanwaltschaft Mord.

Doch Masipa zeigte in diesem Prozess einmal mehr, dass sie strikt ihrer Pflicht als Richterin folgt, indem sie Beweise und Zeugenaussagen akribisch prüft – und im Zweifel für den Angeklagten entscheidet. Nüchtern denkende Juristen lobten sie dafür, Recht und Gesetz vor den Ruf nach Bestrafung zu stellen.

Ärmliche Verhältnisse

Thokozile Masipa wurde 1947 in Soweto als ältestes von zehn Kindern geboren, von denen nur drei überlebten. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Bereits als Schülerin arbeitete sie hart. 1974 erhielt sie ihr Diplom als Sozialarbeiterin. In den 70er-Jahren war sie als Gerichtsreporterin tätig; Themen wie Anti-Apartheid-Proteste und Polizeigewalt – vor allem gegen Frauen – waren ihr ein besonderes Anliegen. Neben dem Job sorgte sie für ihre Familie und studierte Jus. Wenn andere ausgingen, habe sie Paragrafen gelernt, berichteten Freunde. 1990 schloss sie das Studium der Rechtswissenschaften ab. Die Anerkennung kam wenige Jahre später, als sie zur zweiten schwarzen Richterin Südafrikas ernannt wurde.

Den Fall Pistorius behandelte Masipa stets als ein Verfahren wie jedes andere. Doch es liegt eine tiefe Symbolik darin, dass heute eine Frau aus den Townships der Schwarzen das Urteil über einen reichen und prominenten Weißen spricht. „Auf gewisse Art ist sie eine Pionierin“, meint der einstige südafrikanische Verfassungsrichter Albie Sachs.

Der tiefe Fall des Oscar Pistorius

2013

14. Februar: Reeva Steenkamps Leiche wird in Pistorius' Wohnung gefunden. Der Sportler hatte die 29-Jährige durch die geschlossene Toilettentür erschossen. Insgesamt gab er vier Schüsse ab. Er wird festgenommen.

15. Februar: Bei einem ersten Gerichtstermin, bei dem Pistorius Mord an seiner Freundin zur Last gelegt wird, bestreitet er den Mordvorwurf.

19. Februar: Pistorius macht geltend, er habe hinter der Klotür einen Einbrecher vermutet und "furchtbare Angst" gehabt.

20. Februar: Die Polizei teilt mit, dass in Pistorius' Wohnung Spritzen und Testosteron als Doping-Substanz gefunden wurden. Das Kosmetikunternehmen Clarins setzt eine Werbekampagne mit dem unterhalb der Knie amputierten Ausnahmesportler aus.

21. Februar: Nike stoppt die Zusammenarbeit mit Pistorius. Chefermittler Hilton Botha wird von dem Fall abgezogen, als bekannt wurde, dass er selbst des versuchten Mordes verdächtig ist.

22. Februar: Pistorius wird gegen eine Kaution von umgerechnet 75.000 Euro freigelassen.

28. März: Pistorius bekommt seinen Pass zurück und darf wieder ins Ausland reisen.

14. April: Presseberichte erscheinen, nach denen Pistorius am 6. April in zwei Lokalen in Johannesburg mit Freunden gefeiert hat.

13. August: Der Prozess wird für März 2014 angekündigt.

2014

25. Februar: Das Gericht entscheidet, dass im Saal gefilmt werden darf, aber nicht während der Aussage von Pistorius. Tonaufnahmen sind aber auch dann gestattet.

3. März: Zum Prozessauftakt sagt eine Zeugin aus, sie habe in der Tatnacht "schreckliche Schreie" einer Frau und Schüsse gehört.

10. und 13. März: Pistorius übergibt sich bei der Verlesung des Autopsieberichts und als auf dem Bildschirm im Gerichtssaal versehentlich eine Aufnahme von Steenkamps Leiche erscheint.

7. bis 15. April: Pistorius beginnt seine Aussage mit einer Entschuldigung bei Steenkamps Familie. Immer wieder bricht er im Kreuzverhör in Tränen aus und verwickelt sich auch in Widersprüche. Er bleibt aber dabei, dass er zwar geschossen hat, jedoch nicht wusste, dass sich Steenkamp in der Toilette aufhielt.

30. Juni: Nach sechswöchiger Unterbrechung, in der sich Pistorius psychiatrischen Untersuchungen unterziehen musste, erklären drei Psychiater und ein Psychologe übereinstimmend, dass der Angeklagte zum Tatzeitpunkt voll schuldfähig war.

7. August: Staatsanwalt Gerrie Nel wirft Pistorius vor, seine Version der Tatnacht erfunden zu haben und diese nun mit immer neuen Lügen zu untermauern.

8. August: Die Anhörungen enden mit dem Schlussplädoyer der Verteidigung.

11. September: Richterin Thokozile Masipa spricht Pistorius von den Vorwürfen des Mordes und des Totschlags frei.

12. September: Pistorius wird wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässigen Waffengebrauchs in einem Fall schuldig gesprochen - das Strafausmaß wird noch nicht verkündet. Es liegt allein im Ermessen der Richterin.

17. Oktober: Nach viertägigen Anhörungen zum Strafausmaß fordert die Staatsanwaltschaft mindestens zehn Jahre Haft. Die Verteidigung plädiert auf Hausarrest sowie gemeinnützige Arbeit.

21. Oktober: Richterin Thokozile Masipa verurteilt Oscar Pistorius wegen der tödlichen Schüsse zu fünf Jahren Haft. Für den fahrlässigen Gebrauch einer Waffe in einem anderen Fall verhängt sie außerdem drei Jahre Haft auf Bewährung gegen den 27-Jährigen. Er wird anschließend sofort ins Gefängnis gebracht.

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