Postzugräuber Ronnie Biggs ist tot

File photo shows Ronnie Biggs, posing in Brazil
Foto: Reuters/SERGIO MORAES Der 63-jährige Ronnie Biggs, wie er sich selbst gerne sah: Als Lebemann bei einem Fotoshooting

Er vermarktete den Coup und narrte die Justiz. Jetzt starb Biggs mit 84 Jahren

Großbritanniens berühmtester Posträuber ist tot: Ronnie Biggs, der seit Jahren schwer krank war, starb am Mittwoch im Alter von 84 Jahren in einem Pflegeheim im Norden von London. Biggs konnte nach mehreren Schlaganfällen nicht mehr gehen, sprechen und essen; zudem litt er an Hautkrebs.

Bei dem Coup 1963, der als „Großer Postzugraub“ in die Geschichte einging, war Biggs nicht Drahtzieher, sondern nur Mitläufer in einer etwa 15-köpfigen Bande. Doch er verstand es, sich mit dem Verbrechen in Szene zu setzen, sich als Underground-Ikone zu vermarkten und die britische Justiz zu narren.

Am 8. August 1963 – an Biggs’ 34. Geburtstag – stoppten die Gangster den mit Geldsäcken beladenen Postzug von Glasgow nach London. Sie schlugen dem Zugführer Jack Mills eine Eisenstange über den Kopf und verletzten ihn so schwer, dass er sich nie wieder erholte. Mills starb 1970. Die Gangster flohen mit Geldsäcken im Wert von 2,6 Millionen Pfund – damals etwa 14 Millionen Euro, der heutige Gegenwert entspricht etwa 40 Millionen Pfund.

Gefängnisausbruch

FILES BRITAIN CRIME TRAIN Foto: APA/Staff Ronnie Biggs wurde schnell gefasst und zu 30 Jahren Haft verurteilt. Doch nach nur 15 Monaten gelang dem gelernten Zimmermann der Ausbruch: Er seilte sich mit einer Strickleiter ab und entkam. In Paris ließ er sich das Gesicht umoperieren, über Australien floh er nach Rio de Janeiro. Seinen Anteil an der Beute – 147.000 Pfund – verprasste er angeblich in drei Jahren.

Dennoch gelang es ihm, mehr als 35 Jahre lang das süße Leben an der Copacabana zu genießen. Da Großbritannien bei Biggs’ Ankunft in Rio kein Auslieferungsabkommen mit Brasilien hatte, konnte sich der Posträuber relativ frei bewegen. Als Verbrecher bekam er jedoch keine Anstellung. Um sich über Wasser zu halten, gab er Interviews, lud Touristen gegen Bezahlung ein und prahlte mit dem „Great Train Robbery“.

Biggs entdeckte auch seine musikalische Ader und nahm mit den Sex Pistols Lieder auf: Für die britische Punkgruppe sang er das Lied „No One Is Innocent“. Ronnie Biggs und Schauspieler James Jeter posierten mit Sex-Pistols-Musikern für Plattencover. Im Film „The Great Rock ’n’ Roll Swindle“ spielte er sich selbst. Für eine Verfilmung des Raubes wirkte er am Drehbuch mit.

Eine Zeit lang blieb Biggs in Rio nur deshalb unbehelligt, weil seine brasilianische Freundin Raimunda Rothen schwanger war. 1974 kam Sohn Michael zur Welt.

Heimkehr

Doch den Posträuber zog es wieder nach Hause: 2001 kehrte er, schwer krank und von Heimweh geplagt, nach Großbritannien zurück, wo er sofort in Haft kam. 2009 wurde er nach mehreren Schlaganfällen begnadigt. Das letzte Mal wurde Biggs im März öffentlich gesehen – beim Begräbnis von Bruce Reynolds, dem Drahtzieher des Postzugraubes.

Auch 50 Jahre nach dem Coup zeigte Biggs keine Reue – er verspürte sogar immer noch Stolz. Das einzige, was ihm leid tue, sei, dass der Zugführer verletzt wurde, sagte er einmal: „Das bedaure ich sehr. Ich würde es ungeschehen machen, wenn ich könnte. Aber ich kann die Uhr nicht zurückdrehen.“

"Der große Eisenbahnraub" (1979)
Donald Sutherland (l.) und Sean Connery spielten hier einen frühen Eisenbahnraub von 1855 nach. Die knifflige Aufgabe: Einen Tresor bei fahrendem Zug zu knacken. An die entsprechenden Schlüssel kommen die Gauner durch Beischlafdiebstahl, Trickbetrügereien und einen Einbruch. Die Beute im Film: 25.000 Pfund. Der Postzugraub von 1963 wird in der Tragikomödie "Buster" von 1988 behandelt. Popstar Phil Collins spielt darin Ronald Buster Edwards. Zu sehen ist die Vorgeschichte, der Raub und Busters Flucht nach Acapulco. Dort trifft er im Film auf den nun verstorbenen Bruce Reynolds. Reynolds erlangte durch die Beratertätigkeit zum Film noch einmal größere Bekanntheit. Ein Klassiker des französischen Gaunerfilms ist "Rififi" von 1955 von Jules Dassin (im Original: "Du rififi chez les hommes". Dabei dringen die Gangster über ein darüber liegendes Stockwerk in ein edles Juweliergeschäft ein. In der Originalversion dauert die Einbruchsszene ganze 32 Minuten! Sie enthält keinen Dialog und keine Musik. Ein Sehnsuchtsort für jeden, der ein gestandener Gangster sein will: Fort Knox im US-Bundesstaat Kentucky. Der Militärstützpunkt ist vor allem als Lager für die Goldreserven der USA bekannt. Ein Superschurke wie Auric Goldfinger (Gert Fröbe) kann sich nur Fort Knox als Angriffsziel aussuchen. Aber da er in einem James-Bond-Abenteuer mitspielt ("Goldfinger", 1964), ist klar, dass letztlich doch das Gute gewinnt. "Frankie und seine Spießgesellen" (1960) sind so gut drauf, dass man ihnen ob ihres geplanten Las Vegas-Casino-Coups gar nicht richtig böse sein kann. Das "Rat Pack" mit Frank Sinatra, Dean Martin, Sammy Davis jr., Joey Bishop und Peter Lawford war hier auf der Höhe seines coolen Schaffens. Der Originaltitel lautet übrigens "Ocean's Eleven". In echten "Heist-Movies" sind die Gauner auch Sympathieträger - so auch im Remake von "Ocean's Eleven" im Jahr 2001. Regisseur David Soderbergh lässt die prominent besetzte Elferbande mit George Clooney (als Danny Ocean), Brad Pitt, Matt Damon, Elliott Gould und Don Cheadle elegant durch Las Vegas spazieren. Das Ziel ist der Tresor unter dem Casino-Hotel Bellagio. Auch in "The League of Gentlemen" (1959) ist eine größere Bande an Spezialisten am Werk. Und diese hat auch noch militärischen Hintergrund. Colonel Hyde ist wütend, weil er nach 25 Jahren in der Armee ihrer Majestät entlassen wurde. Der Racheplan: Mit anderen enttäuschten Ex-Militärs, einem Sprengmeister und anderen Spezialisten auf ihrem Fachgebiet, will Hyde bei einem Bankraub über eine Million Pfund erbeuten. Im Film "Heist" (englisches Wort für: Raub) von Regisseur David Mamet will der Profi Joe Moore (Gene Hackman) mit seinen Kumpanen ein letztes Ding drehen. Nachdem die Bande einen Juwelier ausgeraubt hat, nimmt der Finanzier des Unternehmens, Mickey Bergman (Danny deVito), zwar die Beute an sich, will die drei aber erst auszahlen, nachdem sie einen weiteren, letzten Auftrag für ihn erledigen. In "Lola rennt" von Tom Tykwer (2008) ist der Bankraub, den Lola (Franka Potente) durchzieht, eher ein Zufallsprodukt. Denn es bleiben ihr nur zwanzig Minuten um die 100.000 D-Mark aufzutreiben, die ihr Freund Manni einem Gangster schuldet. Also, lauf, Lola, lauf! Und wenn man denkt, der Film ist schon aus, fängt er einfach wieder von vorne an. Wer wirkt noch unverdächtiger, einen Bankraub durchzuführen, als eine rothaarige Frau? Genau: ein Clown. In "Der Boss" (1985) spielt Jean-Paul Belmondo den Gangster Grimm, der von seinen Kollegen ehrfürchtig der "Boss" genannt wird. Seine verrückte Idee: Verkleidet als Clown dringt er in die größte Bank Montreals ein und nimmt die Bankangestellten und Kunden als Geiseln.
Der Postraub

2,6 Millionen Pfund in nur 15 Minuten

Wir schreiben den 8. August 1963. Es ist drei Uhr früh, als sich der königliche Postzug von Glasgow nach London einem Lichtsignal nähert. Die Räuber verdecken die grüne Lampe und schalten eine rote ein. Der Lokführer bleibt stehen und wird von maskierten Männern überwältigt. Sie wissen, dass der zweite Waggon mit 120 Geldsäcken angefüllt ist. Er wird aufgebrochen, die vier Wächter werden gefesselt. Dann muss der Lokführer zur nahen Bridego-Bridge fahren, unter der mehrere Autos warten. Die Beute von 2,6 Millionen Pfund wird hinuntergeworfen, 15 Minuten später ist die Aktion beendet.

Scotland Yard leitet eine Großfahndung ein, doch es dauert Monate bis die ersten der 16 Täter gefasst werden. Ronald Biggs, der am Tag des Überfalls seinen 34. Geburtstag gefeiert hat, geht den Kriminalisten erst nach einem Jahr ins Netz und wird zu 30 Jahren Haft verurteilt. Doch am 8. Juli 1965 gelingt ihm eine spektakuläre Flucht aus dem Londoner Wandsworth-Gefängnis.

Die Flucht ist die beste Publicity für den kurz danach gesendeten Postraub-Dreiteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“, mit dem Horst Tappert als Bandenchef seine Popularität begründet. Die Serie war ein „Straßenfeger“: 78 Prozent der deutschen TV-Teilnehmer saßen vor den Bildschirmen – das war die bis heute höchste Einschaltquote. In der Schweiz und Österreich war’s ähnlich.

Ronald Biggs

Mit seiner Flucht wurde der charismatische Ronald Biggs zur Symbolfigur des Postraubs. Und es sollte neun Jahre dauern, bis Scotland Yard erfährt, dass der weltweit gesuchte Ganove in Rio de Janeiro das Leben eines Dandys führt. Doch der Krimi ist noch lange nicht zu Ende.

Zwischen England und Brasilien gibt es kein Auslieferungsabkommen. Und: Ronald Biggs’ Geliebte, die brasilianische Stripteasetänzerin Raimunda de Castro, erwartete ein Kind von ihm. Damit durfte er aufgrund der Gesetzeslage nicht aus Brasilien ausgewiesen werden – womit die britischen Behörden keine Chance hatten, an ihn heranzukommen.

Der populäre Räuber

„Ronnie“, wie er in den Medien längst genannt wurde, begann seine Popularität in bare Münze umzusetzen. Er kassierte für Interviews, trat in Werbespots auf, verkaufte Kaffeehäferl und T-Shirts mit „Ronald Biggs“-Aufklebern. Außerdem konnte jeder, der nach Rio kam, für ein Honorar von 60 Dollar mit ihm frühstücken, seine Telefonnummer stand in den Reiseführern. Gerne plauderte der fesche Charmeur mit seinen Besuchern über den Postraub inklusive Flucht.

Biggs spielte in Filmen mit und nahm Alben mit der Band „The Sex Pistols“ und später mit den „Toten Hosen“ auf.

Ronald Biggs Foto: AP/RENZO GOSTOLI Bis 1981 sein feines Leben an der Copacabana abrupt zu Ende zu gehen schien. Als er von einer Londoner Security-Agentur nach Barbados entführt wurde, die ihn gegen Bezahlung dem Scotland Yard übergab. Doch die Kriminalisten mussten ihn wieder laufen lassen, weil die Festnahme widerrechtlich erfolgt war. Biggs kehrte nach Brasilien zurück.

Im Mai 2001 flog er nach zwei Schlaganfällen überraschend nach England, wobei ihm die Zeitung The Sun – gegen Überlassung der Exklusivrechte seiner Story – den Flug bezahlte. Womit Biggs nicht gerechnet hat: Er wird in London verhaftet.

Haftunfähig

Auch seine schwere Krankheit schützt ihn jetzt nicht vor dem Gefängnis. Erst acht Jahre später, am 6. August 2009, ging er – zwei Tage vor seinem 80. Geburtstag – nach einem weiteren Schlaganfall, der ihm die Sprache nahm, wegen Haftunfähigkeit frei. Bis zuletzt lebte er in London.

Zwei Gangster starben in der Haft, einer wurde nach seiner Entlassung von Drogendealern erschossen, zwei begingen Selbstmord, drei blieben unentdeckt. Fast in Vergessenheit geraten ist der Boss der Bande, Bruce Reynolds. Er wurde 1968 gefasst und war zehn Jahre in Haft. Danach gelang es auch ihm, von seiner Vergangenheit zu leben: Reynolds schrieb seine Memoiren, arbeitete an Film- und TV-Projekten mit und überreichte Horst Tappert 1998 den Fernsehpreis Telestar, weil der ihn einst so gut dargestellt hatte.

Bruce Reynolds starb heuer im Februar im Alter von 81 Jahren und beriet bis zuletzt die Dreharbeiten der neuen Postraub-Dokumentation.

Hintergrund

Chef von Scotland Yard kassierte von der Beute

Sensationeller Fund. Polizeiakte geöffnet.

Der Großteil der Beute des Postraubs von 1963 ist bis heute verschollen, nur rund 400.000 der 2,6 Millionen Pfund konnten sichergestellt werden. Das eben gedrehte Doku-Drama „Die Gentlemen baten zur Kasse“ fördert anhand jüngst freigegebener Polizei- und Gerichtsakte sowie bisher unbekannter Zeugenaussagen Sensationelles zutage.

So kassierte der Vizechef des Raubdezernats von Scotland Yard, Frank Williams, mindestens 50.000 Pfund der Beute (heute rund eine Million Euro) und verschonte dafür zwei Räuber vor der Verfolgung. Andererseits stellte sich heraus, dass der Druck vonseiten der britischen Regierung, den Fall rasch zu lösen, so groß war, dass Indizien gefälscht wurden und ein Unschuldiger namens Billy Boal verurteilt wurde. Er starb im Gefängnis.

Interview

„Mein Vater, der Posträuber-Boss“

Nick Reynolds: Der Sohn des Anführers im Interview

Nick Reynolds<br />
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honorarfrei…
Foto: Marika Rákóczy

Nick Reynolds (*1962) ist der Sohn des Banden-Chefs Bruce Reynolds. Er lebt als erfolgreicher Musiker in London und erzählt im KURIER-Interview, wie er die Folgen des Postraubs erlebte.

KURIER: Wie haben Sie erfahren, dass Ihr Vater der Kopf der Posträuber-Bande war?

Nick Reynolds: Er war längst in Haft, ich besuchte ihn regelmäßig, aber dass er mit dem Postraub zu tun hatte, erfuhr ich erst 1975, als ein Buch über den Coup erschienen ist.

Wie sind Sie aufgewachsen?

Wir waren ständig auf der Flucht: Acapulco, Las Vegas, Vancouver, Nizza und wechselten unsere Namen. Als er 1968 verhaftet wurde, öffnete ich den Polizisten die Tür.

Wie viel hat Ihr Vater von der Beute bekommen?

Er erhielt wie jeder Beteiligte 150.000 Pfund.

Haben Sie und Ihre Familie von dem Geld gelebt?

Mein Vater war vor dem Postraub Antiquitätenhändler, danach kaufte er sich mit seinem Anteil der Beute in eine Zigarettenfirma ein und hat bis zu seiner Verhaftung recht gut verdient. Er war ein angesehener Kaufmann, trug Maß-Anzüge und -Hemden, hatte den selben Schuster wie die Queen. Seine Eleganz führte zu dem Titel „Die Gentlemen bitten zur Kasse“.

Er kam 1978 aus der Haft, konnten Sie danach eine Vater-Sohn-Beziehung aufbauen?

Ja, wir hatten eine gute Beziehung, waren uns sehr nahe. Er war ein guter Vater.

Haben Sie mit ihm je über den Postraub gesprochen?

Leider viel zu wenig. Erst als er gestorben war, hatte ich das Bedürfnis dazu.

Hat er seine Tat jemals bereut?

Nein. Er sagte, wenn er jung wäre, würde er es noch einmal tun. Doch es tat ihm leid, dass der Lokführer verletzt wurde. Sein Plan war, dass es keine Gewalt gibt.

War er auf Ronald Biggs eifersüchtig, für den sich die Medien viel mehr interessierten?

Nein, gar nicht. Ronnie ist ein Clown, der sich gut verkaufte. Er war für viele ein Abenteurer, der der Polizei entwischte. Mein Vater wollte nur Ruhe, ging erst 1995 in die Öffentlichkeit, als seine Memoiren herauskamen.

Hatte Ihr Vater nach der Haft Kontakt zu seinen Komplizen?

Sie trafen sich nur noch bei Begräbnissen, wenn einer von ihnen gestorben war. Sonst wollte mein Vater mit jeder Art von Kriminalität nichts mehr zu tun haben.

(KURIER) Erstellt am
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