Chronik | Welt
18.06.2017

"Dörfer von Flammen eingekesselt": Dutzende Tote nach Waldbrand in Portugal

Die Opferzahl wurde mittlerweile auf 61 korrigiert. Wind und Hitze erschwerten die Arbeit der Feuerwehrleute. Frankreich und Spanien helfen mit Löschflugzeugen.

Beim einem der schlimmsten Waldbrände in Portugals Geschichte sind mindestens 61 Menschen ums Leben gekommen. Viele der Opfer verbrannten in ihren Autos bis zur Unkenntlichkeit, mehrere Dörfer wurden von den Flammen in Mitleidenschaft gezogen, Dutzende Häuser wurden zerstört. Ein Blitzeinschlag hatte den Brand laut Polizei am Samstagnachmittag in der Region Pedrogao Grande ausgelöst.

Die Gegend liegt knapp 200 Kilometer nordöstlich von Lissabon. Das Feuer breitete sich dann vor allem am späten Samstagabend wegen starker Winde rasch aus.

Die Zahl der Todesopfer wurde am frühen Sonntagabend von Ministerpräsident Antonio Costa von 62 auf 61 korrigiert. Es wurde aber noch mit einem Anstieg der Opferzahlen gerechnet. Einige betroffene Dörfer habe man wegen der noch stark wütenden Flammen nicht erreichen können, sagte der Staatssekretär im Innenministerium Jorge Gomes. Es ist der Waldbrand mit den meisten Todesopfern in Portugal seit Beginn der Aufzeichnungen

Dutzende Menschen wurden bei dem verhängnisvollen Waldbrand zum Teil schwer verletzt. Wie groß die betroffene Fläche ist, war zunächst unklar. Am Sonntagnachmittag hatte die Feuerwehr zwei der vier Feuerfronten unter Kontrolle, sagte Gomes. Knapp 700 Feuerwehrmänner kämpften am Abend mit mehr als 215 Fahrzeugen und vier Löschflugzeugen gegen die Flammen.

Einsatz für Löschflugzeuge erschwert

Der Einsatz von Löschflugzeugen und Hubschraubern sei am Sonntag zunächst aufgrund der starken Rauchentwicklung unmöglich gewesen, sagte Gomes. Die extreme Trockenheit und die starken Winde behinderten weiterhin die Löscharbeiten. In der Region ist es derzeit sehr heiß mit Temperaturen von deutlich über 30 Grad.

Staatsoberhaupt Marcelo Rebelo de Sousa war in der Nacht zur Unglücksstelle geflogen und sprach dort von einer "beispiellosen Situation". Der sozialistische Ministerpräsident Antonio Costa, der die Entwicklung die gesamte Nacht von der Zentrale des Zivilschutzes in Carnaxide bei Lissabon aus verfolgte, sagte, er sei vom "Ausmaß der Tragödie schockiert". Costa kündigte eine dreitägige Staatstrauer von Montag bis Mittwoch an.

Zudem wurde am Sonntag mit einem Moment des Schweigens vor der Confed-Cup-Partie Portugal gegen Mexiko der zahlreichen Todesopfer gedacht. Cristiano Ronaldo & Co. trugen im russischen Kasan Trauerflor.

Das Leiden stand den unzähligen Betroffenen der Region ins Gesicht geschrieben. "Wir haben alles verloren, unser Haus, unsere Tiere, alles", erzählte eine ältere Frau unter Tränen dem TV-Sender RTP. Ein Mann sagte kopfschüttelnd: "In meinen 53 Jahren habe ich so etwas nicht gesehen."

Dörfer "von Flammen eingekesselt"

Es gebe einige Dörfer, die "von den Flammen völlig eingekesselt" seien, hatte in der Nacht der Bürgermeister von Pedrogao Grande, Valdemar Alves, der Zeitung Publico gesagt.

Nach Angaben des Innenministeriums waren etliche der später tot geborgenen Menschen mit ihren Fahrzeugen unterwegs, als die Flammen sie plötzlich einschlossen. Auf Bildern waren ausgebrannte Autos, brennende Bäume und Häuser zu sehen.

Blitzschlag

Das Feuer wurde nach Angaben der Polizei durch einen Blitzschlag ausgelöst. "Alles deutet ganz klar auf natürliche Ursachen hin", sagte der Direktor der Kriminalpolizei, Jose Almeida Rodrigues, der portugiesischen Nachrichtenagentur Lusa. Zuvor hatte Bürgermeister Alves noch gesagt, er sei überzeugt, dass das Feuer gelegt wurde.

Zu Beginn war die Feuerwehr nach Angaben von Augenzeugen völlig überfordert. "Als die Flammen in der Nacht unseren Häusern immer näherkamen, habe ich stundenlang keinen einzigen Feuerwehrmann gesehen", sagte eine ältere Frau dem Fernsehsender RTP. Bürgermeister Alves hatte zuvor eine "ungenügende Zahl von Einsatzkräften" beklagt.

EU sagt Hilfe zu

Die EU sagte Portugal Hilfe zu. Auf Bitte des Landes würden Löschflugzeuge organisiert. Frankreich habe sofort drei Maschinen zugesagt. Zusätzlich helfe Spanien mit zwei Flugzeugen.

"Es wird alles getan werden, um den Behörden und den Menschen in Portugal in dieser Zeit der Not zu helfen", erklärte der zuständige EU-Kommissar Christos Stylianides am Sonntag.

Auch die deutsche Bundesregierung bot Portugal Hilfe an, wie Regierungssprecher Steffen Seibert auf Twitter schrieb. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe gegenüber dem portugiesischen Ministerpräsidenten Antonio Costa zudem die Anteilnahme der Deutschen zum Ausdruck gebracht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schickte Rebelo de Sousa ein Kondolenzschreiben. Darin heißt es: "Die dramatischen Bilder von dem zerstörerischen Waldbrand in Portugal, dem so viele Menschen nicht entfliehen konnten, haben mich sehr betroffen."

Der Kreis Pedrogao Grande hat auf 128 Quadratkilometer Fläche lediglich rund 4.000 Einwohner, die sich in erster Linie der Land-, aber auch der Textilwirtschaft widmen. Die nahezu unberührte Natur mit Lagunen und Stauseen zog in den vergangenen Jahren immer mehr Wanderer und Wassersportler an.