Chronik | Welt
08.09.2017

Frauen und Haddsch: Pilgern in den hinteren Reihen

Rund zwei Millionen Menschen haben heuer den Haddsch, die Pilgerfahrt in Mekka, unternommen. 43 Prozent waren Frauen. Ein Erlebnisbericht einer österreichischen Muslima.

“Hajj mabrur”, angenommene Pilgerfahrt, ruft mir die Frau in Burka am seitlichen Eingang der Al Haram-Moschee zu und deutet auf meine Tasche. Sie möchte sie durchsuchen. Bei nahezu jedem Tor stehen solche Sicherheitsfrauen, die andere Frauen durchsuchen sollen. Weder ihre Augen noch ihre Hände sind sichtbar, da sie ganz in Schwarz gehüllt ist. Trotzdem - oder genau deshalb - ist sie nicht zu übersehen. Erst als sie mich durchwinkt, darf ich die Moschee betreten. Das Gedränge innerhalb des Gebäudes ist mit keinem Sommerschlussverkauf bei Primark zu vergleichen. Man wird von der Menge weitergeschoben. Es bleibt kaum Zeit sich umzusehen oder die Eindrücke auf sich wirken zu lassen.


Stichwort Haddsch: Der Haddsch ist eine der fünf Säulen des Islam. Jeder gesunde und volljährige Muslim, der finanziell dazu in der Lage ist, sollte mindestens einmal in seinem Leben nach Mekka reisen. Die Pilgerreise dauert fünf Tage. Die Hauptbestandteile sind das Umkreisen der Kaaba, das Verweilen in der Arafat-Ebene und das Werfen der Steine im Mina-Tal.


Ich erhasche lediglich einen flüchtigen Blick auf die Kaaba. Sie strahlt Eleganz und Bescheidenheit aus und wirkt wie ein Magnet auf die Pilger. Sie steht im starken Kontrast zur sonst pompös dekorierten Umgebung. Als wäre sie ein schlicht designtes Apple-Produkt und um sie herum stehen luxuriöse, von Prada entworfene Artikel. Meine Hoffnung, sie aus der Nähe zu betrachten, verwerfe ich, da ich von fremden Händen und Ellenbogen vorangepresst werde. Ich weiß nicht, wer aggressiver schubst. Männer oder Frauen? Egal. Die Schmerzen sind die gleichen.

Im sonst strikt geschlechtertrennenden Saudi-Arabien entfallen ausgerechnet in der heiligsten Moschee des Islam diese Grenzen. Männer und Frauen stehen hier dicht gedrängt nebeneinander, um Allah zu gedenken. Angesichts der Hitze und der in Richtung der Kaaba treibenden Menschenmassen fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren. Tausende barfüßige Menschen vollziehen die Tawaf, die siebenmalige Umkreisung der Kaaba. Sie schreiten über den weißen Marmorboden der Moschee und sprechen Gebete aus. Von wie vielen Menschen bin ich wohl umgeben? Ich sehe Araber, Afrikaner, Indonesier, Pakistaner, Türken, Chinesen.

Etwa 43 Prozent der Pilger hier sind Frauen. Einige sind von Kopf bis Fuß schwarz verhüllt und das, obwohl das Gesicht während dem Haddsch unbedeckt bleiben sollte. Andere wiederum tragen bunte Kopftücher und noch buntere Kleider. Manche haben Maschen auf ihren Kopftüchern angebracht, um sich in der Masse wiederzufinden, sollten sie von der Gruppe getrennt werden.

Ich gelange in den Menschenstrom, der gegen den Uhrzeigersinn die Kaaba umkreist. Das Schluchzen der Gläubigen, das Flüstern der Bittgebete, der Schweißgeruch von fremden Menschen und das Geschrei der Polizisten in braunen Uniformen vereinnahmen mich. Ich versuche Schritt zu halten, um den Rhythmus der Pilger nicht zu stören. Dann ertönt der Gebetsruf und alles gerät für einige Minuten außer Kontrolle. Die Menschen unterbrechen die Umkreisung, um das Abendgebet zu verrichten. Ich suche einen Platz in der vorderen Reihe, da ich unmittelbar vor der Kaaba beten möchte.

“Hajji, Hajji”, ruf mir ein Polizist zu. Vom Binnen-I haben sie hier nie was gehört. Ich schaue mich um und merke, dass ich von Männern umgeben bin. Die meisten beachten mich nicht oder fühlen sich von meiner Anwesenheit nicht gestört. Es gibt aber auch welche, die mir strenge Blicke zuwerfen. Der Polizist weist mir einen Platz am äußersten Rand der “Laufbahn” der Kaaba zu. Mir ist unklar, warum ich nicht direkt neben den Männern beten kann, so wie es hier in der Moschee eigentlich erlaubt wäre. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass ich kein Arabisch kann, um ihm zu erklären, dass ich hier beten möchte.

Ich beschließe, den Kampf um Gleichbehandlung nicht hier auszutragen und laufe resigniert über die Gebetsteppiche der Männer in den hinteren Frauenbereich. So locker sind die Regelungen in der Al Haram-Moschee wohl doch nicht. Das wundert mich aber nicht wirklich. In der Arafat-Ebene, wo vor einigen Tagen das wichtigste Ritual der Haddsch stattfand, wurde ich auch von meinem Ehemann getrennt.

Der Weg zur Kaaba

Als wir die Ebene erreichten und aus dem Bus ausstiegen, schlug mir die Hitze direkt ins Gesicht. Obwohl der Abend bereits angebrochen war, kühlte es nicht ab. Der heftige Temperaturunterschied zwischen dem klimatisierten Bus und der gnadenlosen Sonne Saudi-Arabiens machten mir zu schaffen. Ich schwitzte aus jeder Pore. Meine Kleider klebten an meinem Körper. Ich hatte das Gefühl, dass mein Hals dampft. Das lag wahrscheinlich an der falschen Bindeart meines Kopftuches. Ich hatte das Tuch zusätzlich noch einmal um den Hals gewickelt. Am liebsten hätte ich es mir vom Kopf gerissen, um ein wenig Luft um den Hals zu spüren. In Wien trage ich kein Kopftuch. Das war für mich eine neue Erfahrung und Herausforderung.

Die Arafat-Ebene ist etwa fünfzehn Kilometer von Mekka entfernt. Das Verweilen in dieser harschen Gegend ist von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang vorgeschrieben. Nicht jedoch die Art, wie man dort zu verweilen hat. Und so kommt es zu krassen Gegensätzen. Am Straßenrand schliefen Menschen auf Kartons und Wellbleche. Einige hatten sich bescheidene Zelte aus Stöcken und Tüchern gebaut.

Hier wurde mir der Klassenunterschied der Haddschis bewusst. Diejenigen, die sich ein Zimmer in einem der Container leisten können, zählen zu den “oberen Zehntausend” unter den Pilgern. Jene aus den ärmeren Ländern erleben die Strapazen der Pilgerfahrt in voller Härte. Ihr Haddsch wird von der brennenden Sonne, dem hartem Asphalt und den Essensvorräten begleitet, die von saudischen Firmen kostenlos verteilt werden.

Zehn Menschen auf zwölf Quadratmetern

Zwischen den Behausungen für Männer und jenen für Frauen befand sich ein Parkplatz für Busse, der als quasi Trennwand diente. Ich schnappte meinen Koffer und wartete, bis mir ein Zimmer zugewiesen wurde. Im Container Nummer 8 sollte ich den Tag verbringen. Mein Ehemann im Container 43, am anderen Ende des Komplexes. Die Ausstattung war bescheiden. Zehn Matratzen und jeweils eine Decke sowie ein Kissen. Eine riesige Klimaanlage kühlte permanent. Wir waren auf ungefähr zwölf Quadratmeter wie Sardinen zusammengepfercht. Ich war die erste im Raum.

Das Zimmer füllte sich mit Frauen, die durcheinander redeten. Panik überkam mich, denn ich verstand sie nicht. Sie sprachen ausschließlich Arabisch. Nur die junge Palästinenserin Amina sprach Englisch. Ich bat sie, mir die Toiletten zu zeigen. Der nächste Schock. Dusche und Klo zugeschnitten auf die Größe einer H&M-Umkleidekabine. Acht solcher Klos für rund vierzig Frauen. Hier benötigt man eine Blase aus Stahl. Dann erst wurde mir bewusst, dass ich meine Komfort-Zone verlassen musste. Der Haddsch-Guide, den ich mir in Wien auf Deutsch besorgt hatte und den ich derart oft gelesen hatte, dass die Seiten mittlerweile gewellt sind, hat mich auf diese Situationen vorbereitet – auf das Gedränge, die intensiven Gerüche oder den permanenten Sauna-Zustand.

Meine Zimmernachbarinnen plauderten bis früh in die Morgenstunden. Trotz Erschöpfung konnte ich wegen der Klimaanlage, die mir direkt ins Gesicht blies, und dem lauten Gerede nicht einschlafen. Der Blick auf das Handy zeigte halb drei Uhr an. Ich beschloss, aus Protest das Zimmer zu verlassen, in der Hoffnung draußen einen ruhigen Platz zum Schlafen zu finden. Erst Tage später wurde mir bewusst, dass man während der Haddsch so oder so kaum zum Schlafen kommt. Meine Aktion zeigte Wirkung. Amina folgte mir und bat mich wieder in das Zimmer zurück zu kommen. Die Frauen würden nicht mehr so laut sein. Sie entschuldigte sich.

Der erste Gedanke gilt einem freien Klo

Der knapp zweistündige Schlaf wurde durch den Ruf für das Morgengebet unterbrochen. Mein erster Gedanke war die Warteschlange vor den Toiletten. Ich lief hinaus, um ein freies Klo zu erwischen und wurde enttäuscht. Nach dem Morgengebet brachen Amina und ich zum Berg Rahma in der Mitte der Arafat-Ebene auf. Noch waren die riesigen Massen nicht in die Arafat angereist und die Sonne schien sanft. Die Straße, die zum Berg führt, füllte sich langsam. Je näher wir dem Berg kamen, desto lauter wurde es.

“Hajji, Hajji”, wiesen die Polizisten die Pilger zurecht. Sie kontrollierten die Wege und versuchten Ordnung im Chaos zu halten. Aufgrund der Menschenmassen schafften wir es nicht, den Berg zu erklimmen. Am Fuße der Erhebung breiteten wir unsere Gebetsteppiche aus, genossen den Sonnenaufgang und die Atmosphäre. Um uns herum saßen Frauen, Männer, Kinder und Senioren. Ein paar Katzen gab es auch. Kurz nach acht Uhr brachen wir zu unserem Camp auf.

Jede Straße und jeder Durchgang sah für mich nun gleich aus, da sie alle von Hajjis überfüllt waren. Amina und ich verirrten uns im Gedränge. Wir wussten lediglich, dass wir die achtspurige Straße, die zu unserer Unterkunft führte, überqueren mussten, doch die war von schnellfahrenden Bussen blockiert. Ein Polizist am Straßenrand bemerkte unsere Hilfslosigkeit und stoppte die Busse, damit wir sicher über die Straße gehen konnten. Das tat er für andere männliche Pilger nicht. Es gibt also doch eine Art Respekt für Frauen hier auch wenn er sehr subtil ist.

Ob das die männlichen Pilger wissen?

Ich beende meine Tawaf und den Gang zwischen den zwei Hügeln Safa und Marwa, der ebenso Teil der Hajj ist. Hier wird der Leistung einer Frau gedacht. Ob das die männlichen Pilger auch wissen? Hagar, die Frau des Propheten Abraham, befand sich in der Wüste und suchte Wasser. Sie soll mit ihrem Sohn Ismael zwischen den beiden Hügeln sieben Mal hin und her gelaufen sein, bis Allah ihr in ihrer Not die Quelle Zam Zam schenkte. Seitdem gehen die Pilger die gleiche Strecke symbolisch ab.

Ich wühle in meiner Tasche und suche nach meinem Plastiksackerl, um meine Crocs raus zu holen. Es erfordert viel Geschick, die Schuhe beim Ausgang anzuziehen, ohne sich zu bücken, da es vor lauter Menschen keinen Platz gibt. Obwohl meine Schlapfen hässlich (aber komfortabel) sind, möchte ich sie dennoch nicht verlieren und barfuß zum Bus gehen. Ich werfe einen nach dem anderen auf den Marmorboden und gleite vorsichtig hinein. Meine Haddsch ist vollendet. Erleichterung und Zufriedenheit umgeben mich. Aber auch der Hunger macht sich bemerkbar. Es ist gut, dass der nächste Al Baik, eine Art Saudi-Kentucky Fried Chicken, nur wenige Schritte von der Al Haram-Moschee entfernt ist. Natürlich ist es dort übervoll. Und natürlich wird dort beim Eingang nach Geschlecht getrennt.