Chronik Welt
12/05/2011

Nußbaumers "langer Weg nach Tibet"

Serie Teil 1: Heinz Nußbaumer schrieb seine Erinnerungen an Begegnungen mit den Großen dieser Welt.

Der Dalai Lama und Heinrich Harrer, sein Freund und Lehrer aus Österreich. Unzählige Millionen Menschen weltweit kennen diese Geschichte. Auf den Spuren Harrers hat auch ein anderer Österreicher eine besondere Nähe zum bekanntesten Flüchtling der Erde und zu Tibet gefunden: Heinz Nußbaumer, nahezu 25 Jahre lang Außenpolitiker des
KURIER. In seinem neuen Buch "Meine kleine große Welt" erzählt er von dieser Freundschaft. Hier ein kurzer Auszug.


Jetzt also werden wir beide alt, Tarkashing", sagt er lachend und legt seinen kahl geschorenen Kopf an meine Stirne. Mehr als 30 Jahre sind seit unserer ersten Begegnung vergangen. Für ihn beispiellose Jahre, weltweit beliebt und geehrt - und doch politisch im Stich gelassen. Der fröhliche Mönch heißt Tenzing Gyatso und ist nach Umfragen die meist bewunderte lebende Persönlichkeit: Der 14. Dalai Lama (Ozean der Weisheit). Ein moderner Heiliger - Projektionsfläche für spirituelle Sehnsüchte unserer westlichen Welt.

Und "Tarkashing" - das bin ich. Es ist das tibetische Wort für den Walnussbaum. Heinrich Harrer, der große Forschungsreisende, hat es mir einmal "verliehen" - und der Dalai Lama hat es aufgenommen und im Gedächtnis bewahrt.

Nachtgespräch mit Tschu

Es ist August 1979, als wir, eine Handvoll österreichischer Journalisten, nach Tibet aufbrechen - als erste westliche Delegation nach dem Fieberanfall der "Kulturrevolution" unter Parteichef Mao Tse-tung.

Die Vorgeschichte dazu geht sechs Jahre weiter zurück, zu einem unvergesslichen Nachtgespräch mit Chinas Ministerpräsidenten Tschu En-lai, einem der klügsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts. Er ist es, der die Volksrepublik aus dem politischen Chaos in die Normalität zurückführt und ihr den Weg zur späteren Wirtschaftsgroßmacht öffnen wird.

Mehr als drei Stunden, bis in den frühen Morgen, dauert die Begegnung mit Tschu - und irgendwann kommt der Augenblick meiner Mutprobe: Ich erzähle dem Premier vom österreichischen Jesuiten Johann Grueber, der 1661 als erster Europäer Tibets Hauptstadt Lhasa erreicht hat; von Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter, die von 1944 bis 1951 sieben Jahre in Tibet gelebt haben. Wie schön wäre es, sage ich, könnte es jetzt, nach der Kulturrevolution, wieder ein Österreicher sein, der Tibet besuchen darf. Und meine natürlich mich selbst.

Ein trickreiches Spiel beginnt: Kein Problem, meint Tschu En-lai - und erfindet doch immer neue Hindernisse, um mich abzuschrecken: die dünne Luft - schlecht für die Gesundheit. Die fehlenden Hotels, die schlechten Straßen. Da blieben nur Pferde und Zelte - unzumutbar.

Warteliste

Irgendwann aber verspricht er, mich auf die Warteliste zu setzen, sogar auf Platz 1. Um dann zu verraten, dass es gar keine Warteliste gibt. Nie werde ich Tibet erreichen, denke ich mir in dieser Nacht. Ein Jahr später bin ich in Papua-Neuguinea unterwegs - in paradiesischer (Stein)Zeitlosigkeit. Im Hochland stoße ich auf einen unglaublichen Kult: Schweine sind hier wichtigstes Geschenk und Zahlungsmittel, auch Brautpreis und Wiedergutmachung für Tote in Stammeskriegen. Irritiert erlebe ich, wie Ferkel von Papua-Frauen an der Brust gestillt werden. Nach Wien heimgekehrt, schreibe ich eine KURIER-Serie - und werde vom Anruf des großen Heinrich Harrer überrascht: Oft habe er von diesem Schweinekult erzählt, sagt er, nie aber ein Foto vorzeigen können. Ich schicke ihm meine Bilder, es ist der Beginn einer Bekanntschaft, die zur Freundschaft wird - mit wichtigen Folgen auf meinem Weg nach Lhasa.

Fünf lange Jahre vergehen, bis ich zusammen mit einigen Kollegen tatsächlich die Erlaubnis zum Besuch Tibets bekomme. Harrer schreibt mir Brief um Brief, wo ich in Lhasa nach "seinem" versunkenen Tibet suchen könnte. Und: Der Dalai Lama wolle mich anschließend treffen.

Das Abenteuer beginnt: Die Tests auf Höhenverträglichkeit. Das Warten auf ein Flugzeug unterwegs in das größte Hochland der Erde. Und dann "Tibet live" - sieben Tage lang. Da sind die fassungslosen Gesichter der Tibeter, die vergessen haben, wie Europäer aussehen; die Mönche, die Maos Weisheit preisen; die Pilger mit ihren Gebetsmühlen, die den Weg nach Lhasa mit ihren Körpern ausmessen - und die Gralsburg des Potala, einst Palast und Grabstätte der Dalai Lamas. Und da sind die Menschen, die zu weinen beginnen, als wir ihnen Bilder ihres im Exil lebenden Priesterkönigs zeigen. Fasziniert, aber auch deprimiert verlassen wir Tibet wieder.

Post für den Dalai Lama

Und dann, wenige Wochen später, stehe ich dem Dalai Lama ein erstes Mal unter vier Augen gegenüber: Im tibetischen Rikon-Kloster auf einer Waldlichtung im Osten der Schweiz. Einen ganzen Nachmittag lang erzähle ich ihm von meiner Reise und zeige ihm Bilder aus seiner Heimat. Gerührt liest er die Zettel, die mir von Tibetern für ihn zugesteckt wurden.

Und doch sagt er: "Das Drama Tibets heißt nicht: Was geschieht mit dem Dalai Lama? Ich bin ein Nichts. Wenn ein Dalai Lama nicht nützlich ist, dann schafft er nur Probleme. Unsere Religion kann auch ohne Dalai Lamas weiter leben. Die einzig wichtige Frage ist, ob das tibetische Volk glücklich ist. Noch glaube ich, dass die Mehrheit nicht glücklich ist. Da sitzt noch ein großes Leid."

Nie zuvor und niemals später ist mir ein anderer Großer begegnet, der sich und seine Aufgabe so sehr infrage stellt. Das Interview, das an diesem Tag entsteht, geht um die Welt. Das "große Leid" der Tibeter ist in den 32 Jahren seither nicht kleiner geworden.
Unsere Nähe bleibt bestehen. Gemeinsam trauern wir an Harrers Grab, sehen uns hier und dort in Europa - und erleben gemeinsam die Angst der Politik (auch in Österreich), ihn, den Friedensnobelpreisträger, zu empfangen, um China nicht zu verärgern. Im SOS-Kinderdorf Hinterbrühl bei Wien legt er mir wieder einmal einen Glücksschal um den Hals und nimmt seinem Gruß "Jetzt also werden wir beide alt, Tarkashing" lachend jede Bitterkeit.

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