Chronik | Welt
23.06.2017

Nordkorea bestreitet Folter im Fall Otto Warmbier

Was geschah mit Otto Warmbier in Nordkorea? Das Regime in Pjöngjang hat sich erstmals offiziell zum bislang ungeklärten Tod des zuvor inhaftierten US-Studenten geäußert.

Nordkorea hat den Verdacht zurückgewiesen, der verstorbene US-Student Otto Warmbier sei in nordkoreanischer Haft gefoltert oder misshandelt worden.

Alle zuständigen Behörden behandelten "alle Kriminellen" in "vollständiger Übereinstimmung mit örtlichen Gesetzen und internationalen Standards", sagte ein Sprecher des Nationalen Rates für Aussöhnung laut einer Meldung der amtlichen Nachrichtenagentur KCNA am Freitag. Dies gelte auch für Warmbier.

Kritiker, die "absolut keine Ahnung haben, wie gut wir Warmbier unter humanitären Bedingungen behandelt haben", unterstellten Nordkorea nun Misshandlung und Folter, sagte der Sprecher.

Der Student war im März 2016 in Nordkorea zu15 Jahren Arbeitslagerverurteilt worden, weil er in einem Hotel ein Propagandaposter gestohlen hatte. Kurz nach seiner Inhaftierung fiel er ins Koma, aus dem er nicht mehr erwachte. In der vergangenen Woche wurde er von Nordkorea aus "humanitären Gründen" freigelassen. Kurz nach seiner Ankunft in der Heimat starb der 22-Jährige.
Warum Warmbier ins Koma fiel, ist unklar. Nach nordkoreanischer Darstellung erlitt er eine Lebensmittelvergiftung und erhielt danach Schlafmittel, woraufhin er nicht mehr aufwachte. Laut den Angaben des Krankenhauses in Cincinnati, das den jungen Mann nach seiner Rückkehr behandelt hatte, hatte er schwere Hirnverletzungen von der Art, wie sie normalerweise durch einen Atemstillstand verursacht werden.

Eltern verzichteten auf Autopsie

Die US-Gerichtsmedizin verzichtete auf Antrag der Eltern auf eine Autopsie von Warmbiers Leichnam. Stattdessen wurde dieser nur von Außen untersucht. Warum die Eltern die Autopsie nicht wollten, wurde nicht bekannt. Die Familie prangerte in einem Statement die "schreckliche und qualvolle Behandlung" des Studenten durch die Nordkoreaner als Ursache seines Todes an.

Der Tod Warmbiers hat die Spannungen zwischen den USA und Nordkorea weiter verschärft. US-Präsident Donald Trump verurteilte das "brutale Regime" in Pjöngjang und erklärte, er sei entschlossen, künftig "derartige Tragödien zu verhindern". In dem kommunistischen Land sind weiterhin drei Menschen mit US-Staatsbürgerschaft in Haft.

Aus Nordkorea wiederum wurde Trump als "Psychopath" beschimpft. Der US-Präsident befinde sich innenpolitisch in einer "schwierigen Situation" und erwäge daher einen Präventivschlag gegen Nordkorea, um von seinen Problemen abzulenken, hieß es am Donnerstag in einem Leitartikel der kommunistischen Parteizeitung "Rodong Sinmun"(mehr dazu lesen Sie im unteren Abschnitt).

Die Spannungen zwischen Washington und Pjöngjang hatten sich bereits seit Trumps Amtsantritt im Jänner weiter verschärft. Der zentrale Konfliktpunkt ist das nordkoreanische Atom- und Raketenprogramm.

US-Außenminister Rex Tillerson und Verteidigungsminister Jim Mattis forderten den chinesischen Staatsrat Yang Jiechi und den Generalstabschef der Volksbefreiungsarmee, Fang Fenghui, am Mittwoch bei einem Treffen in Washington auf, mehr wirtschaftlichen und diplomatischen Druck auf Pjöngjang auszuüben. China ist der engste Verbündete Nordkoreas.

Tausende Menschen bei Trauerfeier für Warmbier

Unterdessen haben mehrere tausend Menschen im US-Bundesstaat Ohio an der Trauerfeier für den nach seiner Freilassung aus nordkoreanischer Haft verstorbenen Studenten Otto Warmbier teilgenommen. Die Feier fand am Donnerstag in der früheren Schule Warmbiers in Wyoming, einem Vorort von Cincinnati, statt.
Das Auditorium, das 2500 Menschen Platz bietet, war laut US-Medienberichten dicht gefüllt. Unter Dudelsackklängen wurde der Sarg anschließend zu dem Leichenwagen gebracht, der ihn zum Friedhof fuhr.

Trump in nordkoreanischem Zeitungs-Kommentar "Psychopath" genannt

Nordkorea hat US-Präsident Donald Trump als "Psychopathen" bezeichnet. Trump befinde sich innenpolitisch in einer "schwierigen Situation" und erwäge daher einen Präventivschlag gegen Nordkorea, um von seinen Problemen in den USA abzulenken, hieß es am Donnerstag in einem Leitartikel in der kommunistischen Parteizeitung "Rodong Sinmun".

Das mit den USA verbündete Südkorea, mit dem seit dem Korea-Krieg (1950-53) nur ein Waffenstillstand, aber kein Friedensvertrag besteht, müsse erkennen, dass es "in einer Katastrophe enden" werde, wenn das Land "dem Psychopathen Trump" folge.

Die Beziehungen zwischen der internationalen Staatengemeinschaft mit den USA an der Spitze und Nordkorea sind derzeit äußerst angespannt. Hintergrund ist das umstrittene nordkoreanische Atomwaffen- und Raketenprogramm. Für zusätzliche Spannungen sorgte zuletzt der Tod des US-Studenten Otto Warmbier. Der Student saß rund eineinhalb Jahre in Nordkorea in Haft und fiel dort ins Koma. Kurz nach seiner Überstellung in die USA starb er. Schon vor dem Tod Warmbiers hatte Trump wiederholt gewarnt, die USA würden notfalls im Alleingang militärisch gegen Nordkorea vorgehen, um das Atomprogramm zu stoppen. Nach dem Tod des Studenten verurteilte Trump das "brutale Regime" in Pjöngjang und erklärte, er sei entschlossen, künftig "derartige Tragödien zu verhindern".

Der neue südkoreanische Präsident Moon Jae-in machte ebenfalls Nordkorea für den Tod des US-Studenten verantwortlich. "Ich denke, wir müssen nun die Ansicht vertreten, dass Nordkorea ein irrationales Regime ist", sagte er dem US-Fernsehsender CBS. Im Gegensatz zur Vorgängerregierung hat sich Moon bisher für einen Dialog mit dem verfeindeten Nordkorea ausgesprochen. Moon wird in der kommenden Woche zu einem Besuch in Washington erwartet.

Umgekehrt werden die nordkoreanischen Staatsführer in westlichen Medien oft als wahnsinnig bezeichnet. Das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" zum Beispiel erschien 2005 einmal mit dem Titel "Der Irre mit der Bombe" und dem Bild des damaligen Diktators Kim Jong-il auf dem Cover. Heute ist sein Sohn Kim Jong-un an der Macht. Die nordkoreanische Staats- und Gesellschaftsform folgt freilich strikt der Juche-Ideologie. Vor diesem Hintergrund agiert der nordkoreanische Staat nicht irrational, wenn die Ideen der Juche-Ideologie im Westen auch völlig abwegig erscheinen mögen.

Kommen Trumps Nordkorea-Mühen ins Stocken?

Für Donald Trump ist Nordkorea ein Thema mit besonderer Bedeutung. Dem Säbelrasseln sollte jetzt die Diplomatie folgen. Der Tod von Otto Warmbier nach langer Haft in dem kommunistischen Land bindet Trump nun die Hände.

Was nun, Donald Trump? Mit dem Studenten Otto Warmbier ist ein US-Amerikaner mutmaßlich von Nordkoreas Führung so schwer misshandelt worden, dass sein Tod unausweichlich wurde. Forderungen nach Konsequenzen kommen von allen Seiten. Die US-Rechte will Handlungsfähigkeit des Weißen Hauses sehen. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch, normalerweise unverdächtig mit Trump gemeinsame Sache zu machen, fordern schärfere Sanktionen.

Allein der Präsident gibt sich selten schmallippig. Sein dürres Statement nach Warmbiers Tod liest sich für die Trumpsche Verhältnisse erstaunlich vorsichtig. "Die Vereinigten Staaten verurteilen aufs Neue die Brutalität des nordkoreanischen Regimes, während wir dessen jüngstes Opfer betrauern", hieß es in einer Mitteilung des Weißen Hauses. Das war erst einmal alles, was Trump in Richtung Pjöngjang schickte. Keine Sanktionsandrohungen, kein Säbelrasseln.

Einerseits profiliert sich Trump mit dem Fall Warmbier. Das Weiße Haus lässt es so aussehen, als hätte der Republikaner nun geschafft, was sein Vorgänger Barack Obama und dessen Außenminister John Kerry nicht hinbekamen: Warmbier nach Hause zu holen. Das kommt gerade in Warmbiers Heimat Ohio, bei Wahlen stets einer der entscheidenden "Swing States" gut an, auch wenn es wohl nicht stimmt. "Im Außenministerium wurde von Beginn an alles nur mögliche getan, auf höchster Ebene", sagte am Dienstag John Kirby, der ehemalige Sprecher Kerrys im Außenministerium.

Andererseits macht Warmbier Trump aber einen Strich durch die Rechnung. Wollte er doch gerade auf die Führung in Nordkorea zugehen, um den Streit über die nukleare Aufrüstung und Pjöngjangs Raketenprogramm zu lösen. Sogar direkte Gespräche hatte Trump ins Spiel gebracht. Sein Vorgänger Obama hatte Trump erklärt, Nordkorea sei ein wichtiger, vielleicht der dringendste Krisenherd für die US-Diplomatie. Trump folgte gelehrig und machte Nordkorea zum Topthema.

Politologen sind sich einig: Warmbiers Tod hat diese Absichten erst einmal auf Eis gelegt. Zu aufgebracht ist die Stimmung nach dem Tod des 22-Jährigen. "Ich glaube, das ist ein Rückschlag für jegliche ernsthafte Bemühungen um einen diplomatischen Dialog, bis das Ganze aufgeklärt ist", sagte Bill Richardson, der wohl profilierteste Nordkorea-Experte in den USA. Allerdings: Allein, dass die USA mit Joseph Yun in der Causa Warmbier einen Unterhändler nach Nordkorea schicken konnten, ist schon ein Anzeichen für leichtes Tauwetter.

Dabei ist noch immer nicht klar, was Warmbier eigentlich zugestoßen ist, nachdem er nach seinem Silvester-Trip zur Jahreswende 2015/2016 auf dem Flughafen von Pjöngjang festgenommen und zwei Monate später zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt worden war. Mediziner in Ohio fanden heraus, dass er schwere Hirnschäden davongetragen hat.

Die Version der Nordkoreaner, er sei an einer Lebensmittelvergiftung erkrankt und nach Einnahme einer Schlaftablette nicht mehr aufgewacht, scheint nicht schlüssig. Anzeichen für Botulismus fanden sich bei Untersuchungen in den USA nicht. Wahrscheinlicher ist ein Sauerstoff-Verlust im Hirn. Dieser kann etwa durch einen Herzstillstand hervorgerufen werden.

Während Fred und Cindy Warmbier, die Eltern des vielversprechenden, beliebten Studenten, in Cincinnati zwischen Wut und Trauer pendeln, zerbrechen sich die Politiker die Köpfe über mögliche Konsequenzen. Im Außenministerium wird der Gedanke geprüft, ob man US-Bürgern Reisen nach Nordkorea grundsätzlich verbieten sollte. Derzeit sind diese über China möglich, jedoch unter strenger Kontrolle des kommunistischen Landes.

Zumindest würde man Nordkorea so finanziell treffen, denn die Einnahmen aus dem Tourismus braucht das chronisch klamme Land. Der eine oder andere Touranbieter könnte ohne die Kundschaft aus den USA auch darüber nachdenken, die Reisen von Peking ganz einzudampfen. Jedoch dürfte es schwierig sein, ein solches Verbot auch tatsächlich durchzusetzen.

In wenigen Tagen kommt es zwischen den USA und China, dem einzigen Verbündeten Nordkoreas, zum Dialog. Die Amerikaner werden alles tun, um Peking zu einem schärferen Kurs gegenüber Pjöngjang zu überreden. Ob Trump, der seinen chinesischen Kollegen Xi Jinping zuletzt auffällig umgarnt hatte, auf offene Ohren stößt, wissen nur die Chinesen selbst.