"Nichts funktionierte so, wie wir es geübt hatten"

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Katastrophe – Die vom Schiff geretteten Österreicher sind größtenteils wieder in der Heimat. Mit Kritik sparen sie nicht.

"Die Evakuierung vom Schiff haben wir zwar schon am ersten Tag der Kreuzfahrt geübt, aber ich habe schon da zu meiner Frau gesagt: ,Wenn es ein Unglück gibt, dann gehen wir mit Mann und Maus unter‘", erzählt Joachim Mayr aus Goldwörth in Oberösterreich, der die Katastrophe an Bord der "Costa Concordia" erlebte. Die Crewmitglieder wären nur uninteressiert neben den Übenden gestanden. Ob die Passagiere tatsächlich alle Übungsteile absolvierten, sei dem Personal nicht weiter wichtig gewesen. Auch die anderen Passagiere aus Österreich sparen nicht mit Kritik an den Rettungsmaßnahmen.

Bereits in der Nacht zum Sonntag sind die meisten der 74 österreichischen Passagiere der "Costa Concordia" wieder zurück in die Heimat gekommen. Verletzte sind keine zu beklagen. Glaubt man den Augenzeugenberichten, grenzt das allerdings an ein kleines Wunder.

"Die Crew war vollkommen überfordert. Als das Schiff schon massive Schräglage hatte, sprachen die Durchsagen immer noch von einem technischen Defekt", erzählt Mayr und bestätigt damit den Bericht von Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden, der ebenfalls an Bord war (der KURIER berichtete). Doch auch an Deck war die Situation nicht besser: "Die Crew sprach nur italienisch. Niemand gab uns Anweisungen, niemand bildete eine ordentliche Schlange.

Nichts war so, wie wir es geübt hatten", erzählt Joachim Mayr. Als er endlich im Rettungsboot saß, geriet der Oberösterreicher erneut in Lebensgefahr. "Beim Herablassen verklemmte sich das Boot an der Außenwand. Alle haben geschrien. Es herrschte absolute Panik", sagt Mayr. Erst als die Mannschaft das Rettungsboot mit Eisenstangen zurückhievte und es wassern konnte, fühlte Mayr das erste Mal so etwas wie Sicherheit – rund zweieinhalb Stunden nach der Kollision.

"Zu den Strapazen durch die Rettung kam dann auch das Chaos am Festland. Viele Urlauber beschwerten sich über das Verhalten der Behörden vor Ort", sagte Stefan Bracher von Hofer-Reisen. 50 der Österreicher an Bord waren mit diesem Reiseveranstalter gereist, der seine Gäste am Samstag mit einem Bus aus Savona abholte.

Auch der Passagier Maximilian Wilfinger, 53, aus St. Marein kann sich über die unzureichende Versorgung auch nach der Rettung nur wundern: "Viele der Passagiere waren nur leicht bekleidet oder hatten überhaupt nur Unterwäsche an. Trotzdem fragten die Polizisten nur nach den Dokumenten. Es hat ewig gedauert, bis wir Decken bekamen", erzählt der 53-Jährige.

Joachim Mayr bezeichnet die Versorgung am Festland gar als "Show", die vor allem für die Fernsehkameras inszeniert wurde: "In Porto Santo Stefano hatte das Militär zwar ein großes Zelt errichtet, wo auch eine Ärztin war. Aber nachdem wir einen Kaffee bekommen hatten, hat man uns dann quasi bei der Hintertür, wo keine Kameras waren, wieder rausgeschickt", sagt Mayr. "Erst als die Leute von Hofer-Reisen uns aus Savona abgeholt haben, fühlten wir uns wieder umsorgt. Davor herrschte einfach nur Chaos", sagt Mayr.

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Erstellt am 18.01.2012