Oscar Pistorius vor Gericht

© Reuters/POOL

Mordprozess
03/06/2014

Arzt berichtet von Pistorius´ Tränen in Tatnacht

Südafrika: Ein Zeuge berichtete vom Tatort und widerspricht dabei anderen Zeugenaussagen.

Am vierten Tag des Mordprozesses gegen den südafrikanischen Paralympics-Star Oscar Pistorius hat der erste Augenzeuge vom Tatort berichtet. Ohne seine Beinprothesen habe sich der Angeklagte über die leblose, blutende Reeva Steenkamp gebeugt, schilderte der Zeuge. Der 27-jährige Pistorius schluchzte, weinte, hielt sich während der Aussage zeitweise die Ohren zu.

Pistorius habe weinend gesagt: "Ich habe sie erschossen, ich dachte, sie war ein Einbrecher und ich habe sie erschossen", zitierte der Mediziner Johan Stipp am Donnerstag im Zeugenstand des Gerichts in Pretoria den Mordverdächtigen. Der behinderte Profisportler habe laut gebetet und Gott angefleht, seine Freundin möge nicht sterben. Der Radiologe stellte aber fest, dass die blutende Frau nicht mehr geatmet und keinen Puls mehr gehabt habe. Pistorius habe weinend gesagt, er würde sein Leben geben, wenn Reeva nur durchkäme. Ihm zufolge wirkte Pistorius in der Nacht so schwer mitgenommen, dass er Angst hatte, der Sportler könnte sich etwas antun.

Der Radiologe hatte als Nachbar von Pistorius in der geschlossenen Wohnanlage in Pretoria in der Nacht auf den 14. Februar 2013 Hilferufe, Schreie und Schüsse gehört. Zunächst hatte er den lokalen Sicherheitsdienst alarmiert und war dann zum Haus von Pistorius geeilt, den er zuvor nicht kannte. Dort fand er laut seiner Aussage vor dem Haus einen Mann vor, der mit seinem Handy telefonierte, und eine Frau, die ihm die Tür geöffnet habe.

In den ersten Tagen des Mordprozesses hatten Zeugen der Anklage die Darstellung des Sportidols infrage gestellt. Vor allem schilderten sie Schreie und Streit im Haus von Pistorius vor den tödlichen Schüssen in der Nacht auf den Valentinstag 2013. Dem widerspricht Stipp. Er sei von drei Schüssen, "gefolgt von den Schreien einer Frau", geweckt worden, nicht umgekehrt.

Der ebenfalls befragte Ehemann einer Zeugin, Charl Johnson, blieb wiederum auch am Donnerstag trotz der aggressiven Befragung von Verteidiger Barry Roux bei erster Version. Zuvor hatte sich der Anwalt bei Johnson für die Veröffentlichung seiner Telefonnummer entschuldigt. Als er die Nummer vor Gericht laut vorgelesen habe, sei er sich über die Konsequenzen nicht bewusst gewesen, sagte Roux. Johnson hatte am Mittwoch berichtet, unmittelbar vor seiner Aussage sei er von anonymen Anrufern bedroht worden.

Urteil am 20.März

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Pistorius des Mordes. Der 27-Jährige sagt, er habe seine Freundin irrtümlich durch eine geschlossene Tür erschossen. Der Prozess ist vom Gericht auf 15 Verhandlungstage angesetzt. Da die Staatsanwaltschaft allein 107 Zeugen benannt hat, wird mit einem deutlich längeren Prozess gerechnet. Erstmals in der Geschichte Südafrikas wird ein Mordprozess in weiten Teilen live vom Fernsehen übertragen. 300 Journalisten aus dem In- und Ausland verfolgen die Verhandlung. Das Urteil ist für den 20. März angesetzt.

Wette zurückgezogen

Während einer Prozesspause ging Pistorius' Schwester Aimee auf eine Freundin der Toten zu. Sie sprach ein paar Minuten lang mit ihr, kehrte dann mit Tränen in den Augen zu ihrem zweiten Bruder Carl zurück und umarmte ihn.

Unterdessen verdonnerte die britische Werbeaufsicht das Wettbüro Paddy Power zur Rücknahme einer Wette zum Ausgang des Prozesses. Die Behörde erklärte am Mittwoch, sie habe über 5.200 Beschwerden bekommen, nachdem Paddy Power die Tage zuvor unter dem Motto "Geld zurück, wenn er freikommt" für die Wette geworben hatte.

Das irische Wettbüro hatte in der irischen und britischen Presse pünktlich zum Prozessbeginn in Pretoria sowie zur Oscar-Verleihung in den USA mit der Aktion geworben. "Es ist Oscar-Zeit. Geld zurück, wenn er freikommt", stand in der Anzeige, die eine Oscar-Statue mit dem Kopf von Pistorius zeigt. Im Internet unterzeichneten bis Mittwochabend mehr als 120.000 Menschen eine Petition gegen die Wette.

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