Die Fotos der 43 vermissten Lehramtsstudenten.

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Der gekaperte Staat
10/31/2014

Mexikos Suche nach 43 vermissten Studenten

Der Bürgermeister von Iguala ist untergetaucht. Er soll das Massaker an 43 Studenten in Auftrag gegeben haben.

von Susanne Bobek

Am Strand von Acapulco patrouillieren Soldaten. Auch in Cancun bieten sich dem Badegast hinter dem weißen Sandstrand martialische Bilder: Militärkonvois fahren auf der langen Hauptstraße, an der sich die Hotels auffädeln. Mindestens sechs Soldaten pro Wagen, stehend, mit dem Gewehr im Anschlag.

50.000 Soldaten und rund 35.000 Bundespolizisten kämpfen gegen schätzungsweise 300.000 Angehörige der Drogenkartelle und ihrer paramilitärischen Einheiten. 2006 erklärte Präsident Felipe Calderón den Kartellen den Krieg. Sein telegener Nachfolger Enrique Peña Nieto ist seit dem Verschwinden von 43 Studenten aus dem linksgerichteten Lehrerseminar Ayotzinapa in einer prekären Lage. Weil der Fall von Iguala beweist, wie eng (lokale) Politiker, Polizisten und Gangster zusammenarbeiten. Das Vertrauen in den Staat ist nach über 70.000 Opfern des Drogenkriegs erschüttert. Weite Teile des Landes sind unregierbar – gekapert von brutalen Banden. "Der Staat tut angeblich alles, aber wir haben nichts", erklärten die Eltern der Verschwundenen, nachdem sie am Mittwoch vom Präsidenten, der aus einer der einflussreichsten Familien des Landes stammt, empfangen worden waren. Fünf Stunden dauerte das Treffen. Es war für die meisten enttäuschend. "Wir sind keine Schafe, die man zur Schlachtbank führt, wenn einem gerade der Sinn danach steht", sagt Emiliano Navarrete, dessen Sohn José Ángel verschwunden ist.

Im Bundesstaat Guerrero suchen derzeit 10.000 Bundespolizisten nach den jungen Männern. Im Einsatz sind Helikopter, Drohnen, Taucher, Hunde- und Pferdestaffeln.

Iguala liegt 185 km südlich der Hauptstadt Mexiko City. Dort herrscht Ausnahmezustand. Die lokale Polizei wurde abgesetzt. Auch der Gouverneur von Guerrero musste zurücktreten, sein Palast wurde angezündet.

Das Verbrechen

Am 26. September stoppte die Polizei in der 140.000-Einwohnerstadt Iguala mehrere Busse mit Studenten und eröffnete das Feuer. Dabei kamen sechs Menschen ums Leben, darunter auch Unbeteiligte. Ein junger Mann wurde grausam verstümmelt. Die Täter zogen ihm die Haut vom Gesicht und stachen ihm die Augen aus. 43 Studenten wurden von der Polizei in Autos gepfercht und abtransportiert.

Seither fehlt von ihnen jede Spur. Nach Aussagen der mittlerweile verhafteten Polizisten wurden die Männer der lokalen kriminellen Bande Guerreros Unidos (Vereinigte Krieger) übergeben, die sich 2011 vom Beltran-Leyva-Kartell abgespalten hat und jetzt auf eigene Faust Entführungen, Erpressungen und Drogenhandel betreibt.

Den Einsatz angeordnet haben soll der Bürgermeister von Iguala, Jose Luis Abarca. Nach ihm wird per Interpol gefahndet. Seine Frau gehört zur Mafia, ihre Brüder stehen im Sold des Beltran-Leyva-Kartells. Das angebliche Motiv: Der Bürgermeister wollte verhindern, dass die Studenten bei einer Rede seiner Frau protestieren. Dabei waren sie auf dem Weg zu einer Kundgebung in Mexiko City.

Kaum jemand geht davon aus, dass die Studenten, die meisten Indios und Söhne armer Bauern, noch am Leben sind. Ihre Hochschule gilt als Kaderschmiede linker politischer Aktivisten. Rund 50 Verdächtige wurden bisher festgenommen. Ein Massengrab mit 38 Leichen wurde gefunden. Nach DNA-Analysen handelt es sich bei den Toten aber nicht um die Vermissten, sondern um andere Opfer der Banden. Am Freitag erhoben in Washington vor der Interamerikanischen Menschenrechtskommission mehrere Organisationen schwere Vorwürfe gegen die mexikanische Regierung. In dem Land herrsche weitgehend Straffreiheit, hieß es, 98 Prozent aller Verbrechen bleiben ungesühnt.

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