Chronik | Welt
20.12.2012

Mehr Frauen braucht die Welt

Wie selektive Geburtenkontrolle alles aus dem Gleichgewicht bringt.

163 Millionen sind einfach verschwunden – oder besser gesagt nie geboren worden. Jedes andere Lebewesen stünde längst auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Nicht so dieses. Frauen verschwinden von dieser Welt, vor allem in Asien und Afrika, pränatale Diagnostik und sexuelle Selektion machen es möglich. Ein weit entferntes Problem, denken Sie? Irrtum: Über Georgien, Aserbeidschan, Armenien und Albanien – nur einen Katzensprung von Italien entfernt – ist die geschlechtsspezifische Abtreibung längst auf dem Vormarsch Richtung Europa.

In ihrem Buch „Das Verschwinden der Frauen“, das demnächst auf Deutsch erscheint, hat die Amerikanerin Mara Hvistendahl der schlimmsten Art von Frauendiskriminierung nachgespürt. Im KURIER-Interview spricht die China-Korrespondentin des Wissenschaftsmagazins Science über eine fatale, brandgefährliche, gesellschaftliche Entwicklung.

KURIER: Wo findet sexuelle Selektion statt?

Mara Hvistendahl: Es ist ein großes Problem in AsienChina, Indien, Vietnam, Südkorea, Taiwan –, aber es rückt auch näher an Europa heran: Über Aserbeidschan, Georgien, den Balkan bis nach Albanien, wo die Abtreibung weiblicher Föten in den vergangenen 15 Jahren kontinuierlich gestiegen ist.

Ist es ein kulturelles Problem?

Nicht wirklich. All diese Länder haben nicht viel gemeinsam. Außer, dass überall die Geburtenrate dramatisch gefallen ist, die Abtreibungsrate sehr hoch ist und die Wirtschaft stark wächst. Es ist ein relativ neues Phänomen. Die Leute bekommen statt sechs Kindern nur noch eines oder zwei und wollen sicher gehen, dass es ein Sohn wird.

Sie führen auch aus, dass das Verschwinden der Frauen viel mit Wohlstand zu tun hat.

Ja, ich habe mir die Geburten-Statistiken in den verschiedenen Regionen Chinas angeschaut. Im Westen existiert das Problem kaum. Doch in den boomenden Städten des Ostens zwischen Schanghai und Peking kommt mancherorts ein Mädchen auf zwei Buben.

Der technologische Fortschritt verstärkt das Problem. Vor allem der Einsatz importierter Ultraschall-Geräte in den beiden bevölkerungsreichsten Staaten China und Indien sorgte für die galoppierende demografische Maskulinisierung der Gesellschaft.

Man möchte meinen, dass sich die Situation der Frauen bessert, wenn ihre Zahl ge­ringer wird.

Das Gegenteil ist der Fall. Ökonomen gingen davon aus, dass der Status von Frauen steigen würde, weil sich ihr Wert für die Gesellschaft erhöht, nachdem sie weniger sind. Das stimmt grundsätzlich, aber die Frauen haben keine Kontrolle über diesen Wert. Wenn Mädchen selten sind, tun Männer alles, eine zu bekommen – sie kaufen sie, kidnappen sie. Mädchen werden noch öfter zur Heirat oder Prostitution gezwungen.

Dazu kommt der gut organisierte Import von Frauen aus ärmeren Nachbarländern wie Vietnam oder Kambodscha nach Taiwan oder Südkorea. In China sind 80 Prozent der nordkoreanischen Flüchtlinge mittlerweile Frauen.

Außerdem ist es in keiner Gesellschaft fein, eine Minderheit zu sein. Historisch gesehen waren Gesellschaften, in denen die Zahl der Männer die der Frauen erheblich übertraf, keine schönen Orte zum Leben. Oft waren sie instabil. Manchmal waren sie brutal. Ich glaube, es ängstigt Mädchen, in solchen Gesellschaften aufzuwachsen.

Gibt es ein Land, das ein Paradies für Mädchen ist?

Leider nein. Allerdings ist die Lage in Europa besser, weil hier die geschlechtsspezifische Abtreibung verboten ist. In den USA ist sie dagegen erlaubt.

Was war die verblüffendste Sache, die Sie bei Ihren Recherchen herausgefunden haben?

Einiges klingt tatsächlich unglaublich: In Asien gibt es Frauen, die mit mehreren Männer verheiratet sind. Da kann es schon vorkommen, dass die Familie eine Frau für alle Brüder kauft.

Stellen wir uns vor, wir schreiben 2050 und keiner würde etwas gegen diese Entwicklungen tun. Wie würde unsere Welt ausschauen?

Wenn wir nichts tun, werden wir bereits 2020 gravierende Probleme haben. Zu diesem Zeitpunkt werden all die vielen Buben in China, Indien, etc. erwachsen sein – und in diesen Regionen werden dann 15 Prozent keine Partnerin finden. Im Nordwesten Indiens werden sogar fast 20 Prozent der heiratsfähigen Männer keine Frau bekommen. Und so viel weiß man: Männerdominierte Gesellschaften haben mehr Probleme mit Kriminalität.

Was können wir tun?

Das wird sehr kompliziert. Bessere Politik, Verbote von geschlechtspezifischer Abtreibung ... Für den Anfang braucht das Thema jedenfalls viel mehr internationale Aufmerksamkeit.