Chronik | Welt
20.05.2018

Meghan Markle hat zur Rolle ihres Lebens gefunden

Es war die entspannteste Prinzenhochzeit, die ich erlebt habe. Und die Entspanntheit hat einen Namen: Meghan Markle, seit gestern Herzogin von Sussex.

Die Queen, Prinz Philip, aber auch deren Kinder und Kindeskinder – sie alle strahlten an diesem Frühlingstag in Windsor Castle jene Würde aus, die man von den Mitgliedern des Königshauses erwartet. Meghan Markle jedoch hat mit ihrem Lächeln die Herzen der Menschen erreicht.

Das Strahlen der Braut

Ich saß von 10.30 bis 15 Uhr und dann noch einmal am späten Abend im ORF-Studio am Wiener Küniglberg, um das Ereignis an der Seite von Lisbeth Bischoff und Jürgen Pettinger zu kommentieren. Man sieht dort die Hochzeit und das ganze Drumherum auf riesigen Videowalls, die viel mehr Details preisgeben als der „gewöhnliche“ Bildschirm: Man erkennt die Ernsthaftigkeit im Blick des Bräutigams. Und die ehrliche Rührung von Meghans Mutter. Man bewundert den aufrechten Gang der 92-jährigen Queen und des bald 97-jährigen Prinzgemahls. Und man sieht das Strahlen der Braut bis in die letzte Pore.

Skeptiker mögen einwenden, dass Meghan Markle ihr unbezwingbares Lächeln als Darstellerin amerikanischer Soap-Operas gelernt und den Drehort einfach von Hollywood nach Windsor Castle verlegt hat. Auch die Kutschenfahrt, während der sie die Hand ihres frisch angetrauten Gemahls gar nicht mehr loslassen wollte, absolvierte sie höchst professionell.

Eine Auffrischung

Aber den Eindruck, sie hätte die glückliche Braut gespielt, hatte ich nicht. Und doch hat Meghan Markle gestern zur Rolle ihres Lebens gefunden. Sie wird – wie schon Herzogin Kate – eine Auffrischung der etwas verstaubten britischen Monarchie darstellen. Auch die Queen, die aus einer ganz anderen Zeit stammt, hat erkannt, dass das Hereinholen bürgerlicher Personen, egal welche Hautfarbe sie haben, in die royale Familie dem Königshaus nur guttun kann.

Als die Kameras abgedreht waren, fragte ich Lisbeth Bischoff, die für den ORF seit 1993 elf royale Hochzeiten begleitet hat, nach ihrer Meinung zu der aktuellen Feier. „Sie war schlicht und volksnah“, sagt die Expertin. „Meghan Markle ist der ruhende Pol in der Beziehung, sie wird Harry Halt geben.“

Ein britischer Historiker hat es dieser Tage in einer TV-Doku auf den Punkt gebracht: „Prinzen und Schauspieler gehören ähnlichen Berufen an. Sie treten in sehr eigenartigen Kostümen auf, die kein anderer Mensch freiwillig anziehen würde, und sie wollen geliebt werden.“ Sie passen also zusammen.

Die Ängste bleiben

Allerdings: Die schönste Märchenhochzeit ändert nichts daran, dass gestern viele Briten, vom royalen Fieber gepackt, schlafen gegangen sind. Und heute Früh mit den Ängsten aufwachten, die der Brexit an dramatischen Folgen bringen kann. Die Prinzenhochzeit wird ihnen keine einzige Sorge abnehmen.

Ich habe zuletzt auch etliche kritische Mails über die Royals bekommen. Es sei anachronistisch und einer westlichen Demokratie des 21. Jahrhunderts nicht würdig, dass ein Staatsoberhaupt statt gewählt zu werden, diesen Job einfach erbt.

Zustimmung

Da ist was dran. Aber so lange die Queen über eine 90-prozentige Zustimmung in der britischen Bevölkerung verfügt, wird sich der Anachronismus nicht ändern. Und wenn ich mir den gestrigen Jubel um die die nächsten Generationen anschaue, dürfte der Anachronismus noch einige Zeit aufrecht bleiben.georg.markus