Omar Mateen

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Massaker
06/14/2016

Orlando: Attentäter war mehrmals im Club zu Gast

Weltweite Trauer nach dem Massaker, das längst zum Wahlkampfthema wurde.

Immer mehr Details zu den Geschehnissen im Nachtclub Pulse kommen an die Öffentlichkeit. Omar Mateen, der Attentäter, der in Orlando 49 unschuldige Menschen tötete, war offenbar selbst häufiger Besucher des vorwiegend von Homosexuellen frequentierten Clubs. Ein Augenzeuge berichtete dem Orlando Sentinel, er habe Mateen mindestens ein Dutzend Mal dort gesehen. Andere Augenzeugen erklärten, Mateen habe auch eine bei Schwulen populäre Dating-App benutzt. Den Berichten zufolge sind die Informationen auch Gegenstand der polizeilichen Ermittlungen zur Motivlage. Mateens Ex-Frau, die ihn nach Fällen von häuslicher Gewalt verlassen habe, äußerte sich am Dienstag. Demnach ist der Mann gerne in Clubs ausgegangen.

Die "Washington Post" berichtete unter Berufung auf frühere Mitschüler Mateens, dieser habe bereits im Jahr 2001 die Anschläge vom 11. September bejubelt und Reaktionen auf die Taten veralbert. Auch soll er Berichten zufolge das berühmte Disneyworld in Orlando ausspioniert haben.

Die US-Bundespolizei hat nach den Worten ihres Direktors James Comey ein Dickicht von Äußerungen des Attentäters zu entwirren, die dem ersten Anschein nach nicht zusammenpassen. Das FBI schließt weiterhin nicht aus, dass es Mittäter oder Helfershelfer gibt. Comey hatte am Montag nach ersten Erkenntnissen ausgeschlossen, dass der Attentäter von einem internationalen Terrornetzwerk Instruktionen erhalten hatte. Comey und US-Präsident Barack Obama erklärten, Mateen sei von verschiedenen Quellen über das Internet extremistisch inspiriert worden.

Solidarität

Trauer und Bestürzung sind nach dem Massaker auf der ganzen Welt enorm. Zahlreiche Gebäude erstrahlten in den Farben der Regenbogenfahne, die für Toleranz steht. In Orlando versammelten sich mehrere tausend Menschen, um der Opfer zu gedenken. Etliche von ihnen trugen Regenbogenflaggen oder Blumen bei sich. Auf Plakaten waren Botschaften wie "Liebe siegt" und "Orlando ist stärker" zu lesen.

Auch der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verurteilte das blutige Attentat. Eine entsprechende Erklärung wurde am Montag Ortszeit von den 15 Mitgliedsstaaten einstimmig verabschiedet. Darin heißt es, es handle sich um einen "Terrorangriff", dem "Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung" zum Opfer gefallen seien. Dem Votum waren nach Diplomatenangaben schwierige Verhandlungen vorangegangen, weil sich die Ratsmitglieder Russland und Ägypten zunächst gegen einen Verweis auf die sexuelle Orientierung der Opfer gesträubt hätten. In beiden Ländern werden Menschenrechtlern zufolge die Rechte von Schwulen und Lesben systematisch verletzt. In der russischen Hauptstadt Moskau ist am Montag etwa ein homosexuelles Paar festgenommen worden, das zum Gedenken Blumen vor der US-Botschaft niederlegen wollte. Wie die Zeitung "RBK" berichtete, hatten ihr Redakteur Islam Abdullabeckow und sein Freund Felix Gljukman versucht, Blumen und ein Schild mit der Aufschrift "Die Liebe siegt - Haltet zu Orlando" abzulegen, als Polizisten sie festnahmen.

Die Welt trauert in den Farben des Regenbogens:

BRUSSELS-US-ATTACKS-GAY

FRANCE-US-ATTACKS-GAY

The spire of One World Trade Center is lit in rain

Tel-Aviv city hall lit up with rainbow flag colors…

NETHERLANDS-US-ATTACKS-GAY

Madison Square Garden is lit in rainbow colors to

Omar Mateen, der rund vier Stunden lang im Nachtclub Angst und Schrecken verbreitete, war 29 Jahre alt und US-Bürger mit afghanischen Eltern. Er bekannte sich in Telefonaten mit der Polizei in der Tatnacht zum "Islamischen Staat", zu den Attentätern des Boston-Marathons und zur Al-Nusra-Front. Vor einigen Jahren habe er gesagt, er sympathisiere mit der Hisbollah und mit El Kaida. Somit fand das Massaker auch Eingang in den US-Wahlkampf. Während US-Präsident Barack Obama am Donnerstag nach Orlando reist, um Opfern und Hinterbliebenen Respekt zu zollen, erhärten sich zwischen den wahrscheinlichen Kandidaten die Fronten rund um das Thema. Hillary Clinton erinnerte die Amerikaner an den Geist von 2001 erinnert. "Ein Angriff auf jeden beliebigen Amerikaner ist ein Angriff auf alle Amerikaner", sagte Clinton am Montag in Cleveland. Sie erinnerte an den Zusammenhalt nach den Terrorangriffen in New York und Washington, als alle politischen Kräfte zusammen nach Lösungen gesucht hätten, unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit. "Präsident Bush ging nur sechs Tage nach den Angriffen in ein muslimisches Zentrum", sagte Clinton. Die amerikanischen Muslime müssten einbezogen werden in den Kampf gegen den Terror, sie müssten eine Alternative zur Radikalisierung aufzeigen und dürften nicht isoliert und ausgegrenzt werden, forderte die ehemalige Außenministerin.

Ganz anders sieht das ihr Kontrahent, der voraussichtliche republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump. Er hat angekündigt, bei einem Wahlsieg die Einreise aus allen Staaten zu stoppen, die unter Terrorverdacht stünden. Bis geklärt sei, wie die Terrorbedrohung beendet werden könne, werde er die Einreise aus allen Staaten "mit einer erwiesenen Geschichte des Terrorismus gegen die Vereinigten Staaten, Europa oder unsere Verbündeten" unterbinden, sagte Trump am Montag. Bereits wenige Stunden nach dem Anschlag hatte Trump Clinton und Obama vorgeworfen, es im Anti-Terror-Kampf an Härte vermissen zu lassen. Er forderte Obama deshalb am Sonntag zum Rücktritt auf. Die USA könnten nicht zulassen, dass tausende Menschen mit der "gleichen Gedankenwelt" wie der Attentäter von Orlando ins Land kämen, sagte Trump dann am Montag in einer Rede in Manchester im US-Bundesstaat New Hampshire. Viele der Prinzipien des radikalen Islam seien nicht mit westlichen Werten und Institutionen vereinbar. Dass der Attentäter in New York geboren wurde, vernachlässigte Trump. Die Forderung nach einem Einreisebann für Muslime konterte Innenminister Jeh Johnson am Dienstag mit scharfen Worten. Trumps Forderung sei "über die Maßen vereinfachend".

Internationale Pressestimmen zum Attentat

Internationale Tageszeitungen kommentieren das Attentat von Orlando und dessen Auswirkungen auf den Wahlkampf in den USA in ihren Dienstagsausgaben wie folgt:

"The Times" (London): "Ungeachtet des fragwürdigen Geschmacks der Anmerkungen von Donald Trump wird die Frage nach dem richtigen Weg zur Bekämpfung der Angriffe "einsamer Wölfe" und des hausgemachten Jihadismus in den nächsten Wochen den Wahlkampf bestimmen. Präsident Obama hat den Begriff "radikaler Islam" bisher vermieden - wegen der Befürchtung, dass dies die amerikanische Gesellschaft spalten und eine ganze Religion anschwärzen würde. Trump hingegen meint, dem Phänomen müsse ein Name gegeben werden. Doch bei dieser Auseinandersetzung geht es um mehr als um Wortkunde. Eines ist dabei sicher: Trumps Wahlkampfforderung, Muslimen die Einreise in die USA zu verwehren, hätte das Massaker in einem Nachtclub in Florida nicht verhindert. Der Mann, der als der getötete Schütze identifiziert wurde, Omar Mateen, war ein in New York geborener US-Bürger, kein ausländischer Eindringling. (...) Wenn im Wahlkampf dringende Fragen nach der Gewährleistung der Sicherheit der USA beantwortet werden sollen, dann muss Trumpf aufhören, den politischen Diskurs zu behandeln, als wäre er nur eine verlängerte Radio-Talkshow."

"Le Figaro" (Paris): "Boston 2013, San Bernardino 2015, Orlando 2016. Nach dem dritten Anschlag in Folge von Terroristen muslimischen Glaubens dürfte die Frage des Islam lange die politische Debatte beschäftigen. Sie dominiert bereits den Präsidentschaftswahlkampf. Donald Trump verurteilt die 'skandalöse' Weigerung von Barack Obama, die Worte 'radikaler Islam' in den Mund zu nehmen. (...) Das Establishment ist in der Defensive, die Outsider sind in der Offensive."

"Neue Zürcher Zeitung": "Weder Hass auf Schwule noch die leichte Verfügbarkeit von Waffen können als eigentliche Ursachen der Tragödie von Orlando gelten. Kern des Problems ist vielmehr die Existenz einer Gewaltideologie - des Jihadismus -, die es einem psychisch labilen, zu aggressiver Ausfälligkeit neigenden Täter wie Omar Mateen erlaubte, seinem kriminellen Handeln höhere Weihen zu verleihen. Ohne diese Ideologie hätte sich Mateen zwar ebenfalls an küssenden homosexuellen Paaren gestört, aber er wäre kaum zum Massenmörder geworden. (...) Eine besondere Perfidie der Jihad-Ideologie des IS besteht darin, dass sie es Gewalttätern ermöglicht, sich völlig autonom zu radikalisieren. Der Konsum von Hassbotschaften aus dem Internet reicht aus; ein persönlicher Kontakt zu einem Terrornetzwerk ist nicht notwendig. Das Bekenntnis zum IS dient dem Täter dabei als vermeintliche religiöse Legitimierung seiner Gewaltorgie."

"Berlingske" (Kopenhagen): "Wenn der islamistische Terror zuschlägt, sind die Ziele unser Lebensstil, unsere Freiheit und Vielfalt, unsere Liberalität und Toleranz, unsere Demokratie und Meinungsfreiheit. Die Werte, die wir schätzen und beschützen, und die die moderne westliche Kultur kennzeichnen, sind Gegenstand eines so großen Hasses, dass Menschen bereit sind, die grausamsten Verbrechen zu begehen. Mehr als 50 Unschuldige zu töten, indem man in einen Nachtclub eindringt und ein Massaker beginnt, ist nicht nur eine feige und unverzeihliche Tat. Sie zeigt auch, dass es tief radikalisierte Kräfte in unserer Gesellschaft gibt, die mit einfachen Methoden enormen Schaden verursachen können, und gegen die wir mit allen Mitteln angehen müssen, die wir zur Verfügung haben. Sie gehen nicht von selbst weg."

"Duma" (Sofia): "(US-)Präsident (Barack) Obama sprach sofort (nach dem Massaker in Orlando) über ein Waffenverbot, weiß aber selbst, dass dies leere Worte sind. (...) Wenn wir (in der amerikanischen Geschichte zurückschauen), werden wir bestimmt zur Schlussfolgerung kommen, dass alles in diesem Land ein Erbe des "Wilden Westens" ist. Der Leitsatz ist kurz: "Erst schießen, dann fragen." Das scheint der Sinn der Demokratie im US-Stil zu sein. Das Tragen von Waffen dort ist eine Lebensweise. Warum wundern wir uns dann über die vielen "friedenbringenden" Kriegen" der USA in den vergangenen Jahrzehnten?"

"Sme" (Bratislava): "Es heißt, eines der Motive des Orlando-Attentäters sei seine Besessenheit von islamischen Dogmen - in diesem Fall gegen Homosexualität - gewesen. Das Argument seines Vaters, Mateen hätte die Morde nicht begehen sollen, weil Gott selbst die Homosexualität bestrafe, unterstreicht nur das tiefere Problem mit dem religiösen Fundamentalismus: Wenn es eine allmächtige Gottheit gibt, die ein bestimmtes Verhalten verbietet, wird es immer auch fanatische Anhänger geben, die solche göttlichen Anweisungen mit allen Mitteln durchsetzen wollen."

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