Chronik | Welt
23.11.2017

Maduros "Straßenkinder": Die andere Flüchtlingskrise

Zahlreiche Venezolaner flüchten ins benachbarte Kolumbien. Dort versucht die Regierung den Ansturm zu bewältigen.

Auch in Kolumbien gab es eine "Willkommenskultur" - für Flüchtlinge aus dem im Chaos versinkenden Venezuela. Doch nach Hunderttausenden Neuankömmlingen kippt die Stimmung nun. Die Regierung holte sich bereits Rat in der Türkei - wo Millionen Syrer in Lagern leben.

Hier dämmert unter freiem Himmel die Zukunft eines Landes vor sich hin. Junge Leute, die gerne anpacken würden, die aber vor einem sozialistischen Experiment geflüchtet sind, das ihr Heimatland mit den weltweit größten Ölreserven in ein dramatisches Chaos gestürzt hat.

"Exodus" nach Kolumbien

Rund 300.000 Venezolaner sollen inzwischen hier in Kolumbien leben, davon mindestens 140.000 illegal - von einem "Exodus" ist die Rede. Und wenn Venezuela nach Einschätzung führender Ratingagenturen in Kürze als pleite eingestuft werden sollte, könnte die Zahl wegen einer weiteren Verschärfung der Versorgungskrise rasant ansteigen.

Riohacha, Plaza de Indias, ein tropischer Abend in der Karibik. Die 150.000-Einwohner-Stadt liegt im Nordzipfel Kolumbiens, 90 Kilometer von Venezuelas Grenze entfernt. Seit sechs Monaten wird die Plaza de Indias immer voller, das Hab und Gut wird in Tücher eingebunden und in den Bäumen verknotet. Es riecht nach Urin, Matratzenlager bedecken den Platz. Die vielen Flüchtlinge schlafen hier unter freiem Himmel. An einem Baum hängen Pappschilder: "Maler gesucht", "Maurer gesucht" - daneben Mobilfunknummern. Tagelöhner aus dem Nachbarland kosten nur die Hälfte. Venezolaner wie Kolumbianer sprechen zudem spanisch; es gibt hier keine Sprachbarriere bei den Flüchtlingen.

"Wenn sie Maduro stürzen, dann gehen wir zurück und bauen das neue Venezuela auf", sagt Alberto Jose Gonzalez (17), er stammt aus der Ölmetropole Maracaibo. Aber nachdem der sozialistische Präsident Nicolas Maduro aus Sicht der EU und der USA de facto eine Diktatur errichtet hat, sitzt er wieder fester im Sattel, Gonzalez steht vor einer unsicheren Zukunft. Syriens Machthaber Bashar al-Assad ist entgegen mancher Erwartung auch noch im Amt. "Es ist besser hier zu sein, als in Venezuela zu sterben", sagt Gonzalez. In Venezuela, dem ölreichen Land, hungern inzwischen 13 Prozent der Menschen, hat die Welternährungsorganisation ermittelt. Im Müll wird nach Essen gesucht, Kinder sterben, weil Medikamente fehlen.

Arbeitskonkurrenz wächst

Die Inflation ist die höchste der Welt, damit sinken die Einkommen auf umgerechnet ein paar Euros im Monat. Die Jugend war Treiber der Proteste gegen Maduro mit über 120 Toten. Nachdem das Parlament entmachtet ist und die Repression verschärft wurde, blieb vielen nur noch die Flucht. Selbst am Karibikstrand haben sich Dutzende Flüchtlinge eingerichtet unter Palmen, sie haben kein Geld für einfache Zimmer. Sie waschen sich im Meer, der Strand ist ihre Freilufttoilette.

Die Parallelen zu Deutschland im Herbst 2015 sind frappierend. Auch in Kolumbien gab es anfangs eine " Willkommenskultur" - weil man eine historische Verantwortung spürt. Denn während des jahrzehntelangen Guerillakrieges flüchteten Hunderttausende Kolumbianer in das Nachbarland Venezuela - die Region rund um Riohacha war ein Brennpunkt. Nun gibt es aber einen Friedensvertrag mit der linken FARC-Guerilla. Die Menschen hoffen auf einen Wirtschaftsboom. 2016 kamen erstmals über fünf Millionen Touristen in das bezaubernde Land, das mit dem Slogan "Realismo magico" - "magischer Realismus" wirbt.

Doch die Wirtschaft wächst nicht wie erwartet, gerade in dieser strukturschwachen Region in der Karibik - das lässt die Wut auf die neue, billige Arbeitskonkurrenz wachsen. Der Direktor der Einwanderungsbehörde, Christian Krüger Sarmiento, hat die Region La Guajira, zu der Riohacha gehört, mehrfach besucht. Er mahnt: "Diese Migration kann sehr positiv sein, man muss aber die Regeln des Gastlandes respektieren." Der Hintergrund: die Stimmung kippt.

Türkei als Ratgeber

Kolumbiens Präsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos erwägt bereits den Bau großer Flüchtlingslager, um den Ansturm aus Venezuela zu bewältigen. "Die arbeiten für die Hälfte des Geldes, für das Kolumbianer arbeiten", erzählt der Taxifahrer Gardel. "Die Spannung steigt, auch weil für viele die Lage aussichtslos ist." Die Zeitung "Diario de Norte" berichtet fast täglich über Straftaten und die Sorgen der Bürger. Mehrere Venezolaner wurden schon ermordet; per Zeitungsfotos wird versucht, die Identität der Leichen zu ermitteln.

Der Sicherheitsberater von Präsident Santos, Juan Carlos Restrepo, ist vor einigen Monaten in die Türkei geflogen, um die riesigen Camps mit Flüchtlingen aus Syrien zu besuchen. Dort leben rund drei Millionen Menschen. "Der Bau von Lagern in Kolumbien ist das schlechteste Szenario", sagte Restrepo der Zeitung "El Colombiano". "Das wird es nur geben, wenn es einen Tsunami an Leuten gibt und sie bleiben." Viele ziehen auch weiter Richtung Ecuador, Peru und Chile.

Als humanitäre Geste will die Regierung rund 150.000 bis 200.000 geflüchteten Menschen einen Sonderaufenthaltsstatus gewähren, mit dem sie zwei Jahre bleiben dürfen. Aber neben den Sondervisa gibt es kaum staatliche Hilfen - das zeigt sich auf der Plaza de India, manchmal kommen Einheimische vorbei und bringen Töpfe mit Reis und Hühnchen.

Prekäre Verhältnisse für Frauen

An der Strandpromenade in Riohacha sitzt Michelle, tiefer Ausschnitt, die Brüste im engen Korsett betont. Sie trägt eine Mütze mit der Aufschrift "Merida", ihre so vermisste Heimat in Venezuela. Dort leben ihre drei Kinder (vier und zwei Jahre sowie fünf Monate) bei ihren Eltern - sie wissen nicht, dass sie hier jeden Abend als Prostituierte arbeitet.

Es gibt in Riohacha Bordelle, die es vor einem Jahr noch nicht gab. Wie das "Don Juan", wo abends rund 20 junge Frauen aus Venezuela für ein paar Dollars Liebesdienste anbieten - reden darf hier keine.

Michelles Stammplatz ist seit zwei Monaten die Promenade, Tausende junge Venezolanerinnen sollen ihren Körper inzwischen im Nachbarland für 20 Euro die Stunde verkaufen. Michelle ist gerade 21 Jahre alt; so erniedrigend hat sie sich ihre Zukunft nicht vorgestellt. "Aber was soll ich tun? Ich will nicht, dass meine Kinder hungern."

( Georg Ismar/dpa)