Chronik | Welt
05.03.2018

Kinderwunsch: Polinnen fahren nach Tschechien

Die polnische Regierung hält künstliche Befruchtung für eine schwere Sünde.

In dem von Tageslicht erhellten Warteraum einer Warschauer Privatklinik steht ein Ölbaum – Symbol des Lebens und der Fruchtbarkeit. Hierher kommen Angehörige des Mittelstandes, deren Kinderwunsch unerfüllt blieb.

Doch im nationalkonservativ regierten Polen ist die "In-Vitro-Befruchtungsmethode" in der Politik verpönt. Gesundheitsminister Lukasz Szumowski hat die katholische "Erklärung des Glaubens" unterschrieben, die sich dagegen wendet; er selbst hält künstliche Befruchtung für eine "Vergewaltigung der Zehn Gebote". Zur Zeit ist die Anwendung in Polen mit vielen formalen Auflagen belastet.

Während die Großstadt Warschau Anonymität gewährt, gehen Polen aus kleineren Ortschaften lieber auf Nummer sicher und entscheiden sich für eine Reise nach Tschechien. Das Land, schon lange Hauptreiseziel für Polinnen, die abtreiben wollen, hat sich mittlerweile auch auf Nachbarn mit unerfülltem Kinderwunsch eingestellt. In den Kliniken wird polnisch ebenso gesprochen wie andere Sprachen: Das traditionell kirchenskeptische Tschechien ist eine internationale Anlaufstelle für die Befruchtung im Reagenzglas geworden. Die in den 1970er-Jahren entwickelte Methode wird hier als Errungenschaft der Technik angesehen. Die In-Vitro-Kinder und ihre Eltern feiern sich selbst bei Massenevents. Bereits 60 Prozent der Tschechen über 35 Jahre nutzen diese Methode.

Als Monster geschmäht

Die tschechischen Kliniken halten bewusst keinen Kontakt zu polnischen Krankenhäusern, damit wollen sie ihre Patientinnen schützen. Denn im rechtskatholischen Milieu werden In-Vitro-Kinder als "Monster" geschmäht.

In Polen schlägt ein In-Vitro-Versuch mit rund 8000 bis 12.000 Zloty (2000 bis 3000 Euro) zu Buche, dies ist im Schnitt in Tschechien etwas billiger. Die rechtskonservative Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) fährt das von der Vorgängerregierung initiierte Förderprogramm zur künstlichen Befruchtung auf Wunsch der Kirche zurück. Derzeit gibt es zwar noch Förderprogramme, die von einigen Kommunen wie der Stadt Warschau getragen werden. Doch in Warschau arbeitet man an Gesetzesinitiativen, die das unterbinden und das ganze Prozedere noch mehr erschweren.

Die polnische Regierung setzt vielmehr auf die 1991 von dem amerikanischen Arzt Thomas Hilgers entwickelte, auf Zyklusbeobachtung basierende "Naprotechnologie", die auf die Verbesserung der Fruchtbarkeit und allgemein der Gesundheit von Frauen abzielt. Die Methode hat zwar den Segen des Vatikan. Von den 43 Probandinnen eines Projekts wurden bislang jedoch nur drei schwanger.

Auch in Tschechien hat die Regierung die Hand im Spiel – vermutlich wird dort die Handhabung der In-Vitro-Praxis allerdings noch liberaler. Der Medizinkonzern "FutureLife" kauft derzeit Fruchtbarkeitskliniken auf, um eine Kette im Land zu bilden. Einer der Gründer des Unternehmens ist Andrej Babis, Milliardär und Premierminister des Landes, der gerade eine Mehrheit sucht.