Chronik | Welt
27.05.2017

Plan über geheimen Kanal zum Kreml

Trumps Schwiegersohn Berater unter Verdacht. Er hatte mehr Russland-Kontakte als bisher bekannt.

Hätte den Drehbuchschreibern des TV-Polit-Intrigantenstadls "House of Cards", der ab Dienstag seinen fünften Aufguss erfährt, jemand diese Storyline angeboten, die Frank Underwood-Macher wären wohl kopfschüttelnd davongelaufen – zu realitätsfremd: Jared Kushner, der Schwiegersohn des amerikanischen Präsidenten, hat versucht, zwischen dem Kreml und Donald Trump einen geheimen Kommunikationskanal einzurichten – und ist dabei erwischt worden.

Was sich wie eine überdrehte Fantasie anhört, hat sich nach Angaben von US-Geheimdienstlern, die der Washington Post und anderen amerikanischen Medien Auskunft gaben, genau so zugetragen. Danach hat der 36-jährige Immobilien-Entwickler, der als Trumps engster Vertrauter und Berater eine Schlüsselposition im Weißen Haus besitzt, Anfang Dezember 2016 mit Russlands US-Botschafter Sergej Kisljak erörtert, wie man eine diskrete Gesprächsebene zwischen Trump und dem russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin schaffen kann, die sich komplett dem Zugriff von Geheimdiensten und Diplomaten entzogen hätte.

Mit Spionage vertraut

Zur "Verblüffung" Kisljaks, der wie Putin mit dem Spionage-Gewerbe vertraut ist und um die Sensibilität solcher Aktivitäten weiß, schlug der Ehemann von Trumps Tochter Ivanka vor, für die konspirative Kommunikation eine russische Niederlassung in den USA zu benutzen.

Kisljak hat das Ansinnen, das US-Geheimdienstfachleute als "naiv" bis "verrückt" bezeichnen, nach Moskau weitergetragen. Dabei soll es "abgefischt" worden sein. Die Washington Post berichtet, dass das ursprüngliche Gespräch Kushner-Kisljak in Trumps Büro-Tower in Manhattan nicht von der US-Lauschbehörde NSA abgehört worden war.

Von dem Hinterzimmer-Kanal sollte laut New York Times auch Ex-General Michael Flynn profitieren. Der über seinen Lügen in der Causa Russland gestolperte ehemalige Nationale Sicherheitsberater Trumps sollte auf diesem Weg mit den Russen einen engen Austausch über den Krieg in Syrien pflegen können, sagten US-Geheimdienstler der Zeitung.

Nicht ausgeschlossen wird aber in US-Geheimdiensten, dass der kurze Draht auch dazu dienen sollte, eine spezifische wirtschaftliche Annäherung zwischen Moskau und Washington auszuloten. Der Hintergedanke: Falls die USA unter Trump die Sanktionen gegen Russland wegen der Krim-Annexion lockern würden, könnten russische Banken die zahlreichen Immobilien-Projekte Trumps und seiner Familien finanzieren.

"Bombe"

Weder Kushner noch Trump, der am Samstagabend von seiner ersten Auslandsreise in Washington zurückerwartet wurde, haben bisher zu den in US-Medien als "Bombe" bezeichneten Berichten detailliert Stellung genommen. Weil Kushner von der Bundespolizei FBI als "Person des Interesses" in der Affäre um die mutmaßliche Zusammenarbeit von Trump-Leuten und Kreml während der US-Wahl 2016 eingestuft wird, bekommt die Angelegenheit zusätzliche Sprengkraft.

Es wird damit gerechnet, dass sich der vom Justizministerium eingesetzte Sonder-Ermittler Robert Mueller, ein ehemaliger FBI-Chef, zügig mit dem Sachverhalt befassen wird.

Da Kushner seine Kontakte mit russischen Stellen über Monate verschwiegen hat (erst gestern kam heraus, dass er weit öfter mit Botschafter Kisljak korrespondierte als bisher bekannt war), wächst der Eindruck, dass das Weiße Haus in Sachen Russland "tatsächlich etwas zu verbergen habe", sagten Analysten im US-Fernsehen.

Treibende Kraft

So erkläre sich dann vielleicht auch, warum Kushner die treibende Kraft für den Rauswurf von FBI-Chef James Comey gewesen sein soll. Auch die Einsetzung des Sonder-Ermittlers Mueller behagte dem aus New Jersey stammenden Multi-Millionär dem Vernehmen nach überhaupt nicht. Er verlangte einen politischen Konter von seinem Schwiegervater, der jedoch bisher ausblieb.

Seit Monaten steht Trump selbst wegen seiner Russland-Affäre unter Druck. Im Kongress befassen sich mehrere Ausschüsse damit. Es soll geklärt werden, ob Russland im Wahlkampf zugunsten des späteren Wahlsiegers Trump mitgemischt hat und ob es Absprachen zwischen Trumps Wahlkampfteam und Russland gab.