Chronik | Welt
02.03.2013

Endlich Bier in Damascus

Eine Stadt in Maryland hielt jahrzehntelang am Alkoholverbot fest – bis Februar.

Wer in den vergangenen 130 Jahren in Damascus Abendessen ging, der konnte dazu keinen Wein trinken. Doch seit Mitte Februar ist auch diese kleine Stadt im US-Bundesstaat Maryland nicht mehr trocken.

Als in den USA 1933 die staatliche Prohibition geendet hatte, mussten zusätzlich die Gemeinden abstimmen, ob in Zukunft Alkohol verkauft werden dürfe oder nicht. Damascus hat sich dagegen entschieden. 1933, aber auch 1976, 1984, 1992 und 1996. Maryland, und insbesondere Damascus, ist von einem starken Einfluss der methodistischen Kirchen und von einer konservativ-ländlichen Tradition geprägt. Viele Bewohner waren bis zuletzt sogar stolz auf das Alkoholverbot. Doch die Jungen – viele von ihnen arbeiten im zwei Stunden entfernten Washington oder in Baltimore – sahen keinen Grund mehr für die Prohibition. Im März entschieden die lokalen Politiker, die „Frage C“ auf den Wahlzettel zu schreiben, den die Bewohner im Zuge der Präsidentschaftswahl am 6. November auszufüllen hatten. „Verkauf von Alkohol: Ja oder Nein?“

Mit 66 Prozent fand sich endlich eine ansehnliche Mehrheit in Damascus. Seither können Gaststätten eine Alkohollizenz der Klasse H beantragen, die die Ausschank von Wein und Bier an sitzende Gäste erlaubt. Starker Alkohol bleibt weiter verboten.

Nüchtern betrachtet

Trocken war die 15.000-Seelen-Gemeinde lange nicht mehr. Auch wenn in Damascus öffentlich kein Alkohol ausgeschenkt wurde, wussten die Einwohner, wo sie ihren Stoff herkriegen. Sie gingen ein paar Kilometer weiter in die „Liquor Stores“ der nächsten Ortschaften. Getrunken wurde daheim. Auch Erwachsene hatten Wein im Keller und Bier im Kühlschrank. Nur eben zum Abendessen beim Italiener gab es keinen Rotwein, sondern Cola. Wer trinken wollte, musste in nahe gelegene Orte wie Germantown oder Mount Airy fahren. „Wenn die Familie dort zum Abendessen hinfuhr, dann verließ ein ganzer Brocken Geld Damascus“, sagt ein Bewohner.

Gleichzeitig fühlen sich einige Bewohner von Damascus durch die neue Freiheit eingeschränkt. Die 76-jährige Bernardine Gladhill Beall sagt, dass sie Alkohol aus Prinzip nicht fördern wolle und daher auch von nun an nicht mehr in ihr Lieblings-Café gehen wird.